Proust - © Foto: Getty Images / Universal Images / Universal History Archive

Marcel Proust: Wie nähert man sich einem Klassiker?

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ansprechend aufgemachtes und mit klug gewählten Zitaten versehenes neues Bild-Text-Album lädt dazu ein, in den Kosmos des singulären Schriftstellers Marcel Proust einzutauchen.

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Ein ansprechend aufgemachtes und mit klug gewählten Zitaten versehenes neues Bild-Text-Album lädt dazu ein, in den Kosmos des singulären Schriftstellers Marcel Proust einzutauchen.

Ob Marcel Proust wirklich, wie sein Biograf Jean-Yves Tadié schrieb, der größte Autor des 20. Jahrhunderts ist, wird sich, zum Glück wohl, nie endgültig entscheiden lassen. Blickt man auf die Rezeptionsgeschichte Prousts, so gibt es zumindest Indizien dafür, dass kaum ein anderer Schriftsteller dieser Zeit so wirkmächtig geblieben ist. Allenthalben befasst sich die ­Literaturwissenschaft intensiv mit Proust und liest dessen Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ keineswegs nur als historisch aufschlussreichen Text.

Auch im deutschsprachigen Raum ist das Interesse ungebrochen, und seit ein paar Jahren lässt sich sogar darüber streiten, in welcher Übersetzung man sich Proust nähern sollte. Lange Zeit galt die von dem Schweizer Romanisten Luzius Keller revidierte Suhrkamp-Übersetzung Eva Rechel-­Mertens’ als unantastbare ­Referenzgröße, doch nachdem der Berliner Linguist Bernd-Jürgen Fischer zwischen 2013 und 2016 bei Reclam im Alleingang eine neue Übersetzung präsentierte, lässt sich über die Vorzüge und Nachteile der beiden ­Texte trefflich streiten. Zudem konkurrieren beide Verlage in immer neuen preiswerten Sonderausgaben um die Gunst des breiten Lesepublikums.

Lebenswelt und Zeitgenossen

Bernd-Jürgen Fischer legt dabei einen immensen Publikationseifer an den Tag. Seiner Übersetzung ließ er ein Handbuch zur „Suche“ folgen; er edierte Prousts Gedichte und den Briefwechsel zwischen Proust und Reynaldo Hahn. Damit nicht ­genug: Mit seinem Bild-Text-Album „Auf der Suche nach Marcel Proust“ lädt er nun dazu ein, in Prousts Lebenswelt einzutauchen und vor allem jenen Zeitgenossen ­nahe zu kommen, die wichtig oder gar prägend waren. Ansprechend aufgemacht, ermöglicht dieses Bilderbuch einen Einstieg in den Proust’schen Kosmos und schlägt mit klug ausgewählten Zitaten aus dem Werk und der Korrespondenz neue ­Brücken zu ­diesem singulären Autor.

Wenn der Verlag freilich damit wirbt, dass Fischers Band ein „biografischer Zugang zum größten Autor der französischen Literatur“ sei, „wie es ihn bisher nicht gab“, so ist das Unsinn. Denn es hat in den letzten Jahrzehnten mehrfach vergleichbare Unternehmungen gegeben. Bei Suhrkamp beispielsweise erschienen Pierre Claracs und André Ferrés „Proust-Album“ (1975) oder W. H. Adams’ „Prousts Figuren und ihre Vorbilder“ (1988), ganz zu schweigen von dem großformatigen Band „Marcel Proust in Bildern und Dokumenten“, den Prousts Urgroßnichte Patricia Mante-­Proust 2012 in der Edition Olms herausgab. Auch André Maurois’ feine Sammlung „Le monde de Marcel Proust“ (1960) sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen.

Trotz dieses Etikettenschwindels lohnt es sich, Bernd-Jürgen Fischers mit ­knappen Kommentaren versehene Zusammenstellung zu studieren. Über zeitgenössische Fotografien erschließt sich so, welche seiner Lehrer am Pariser Lycée Condorcet besonders einflussreich waren, wie Prousts im Lauf der Jahre immer bescheidener werdenden Wohnungen aussahen, auf welch abenteuerliche Weise er seine Verleger mit endlosen Druckfahnenkorrek­turen peinigte, wen er auf ­Soireen und in Salons traf und wie sich diese Begegnungen im Werk niederschlugen.

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