Proust_Porträt - © Foto: Getty Images / Universal Images Group / Photo12

150 Jahre Proust: „Durchaus glänzende Partien“

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren. Sein siebenteiliger Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gilt heute als Weltliteratur. Aber was sagte damals die Literaturkritik dazu?

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Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren. Sein siebenteiliger Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gilt heute als Weltliteratur. Aber was sagte damals die Literaturkritik dazu?

Der Text enthalte „durchaus glänzende Partien, aus denen der Autor ein recht hübsches Büchlein hätte machen können“, monierte ein Kritiker, den „nächsten Band erwarten wir mit Wohlwollen und in der Hoffnung, etwas mehr Ordnung und Strenge zu finden und einen etwas ausgefeilteren Stil“. Es war Paul Souday, der dies am 10. Dezember 1913 in Le temps veröffentlichte, und er schrieb es über „Auf dem Weg zu Swann“, den ersten Teil des monumentalen Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust.

Nun, mehr als ein Jahrhundert später, verschluckt man sich fast bei der Lektüre dieses Satzes, denn man kann von Marcel Prousts Klassiker halten, was man will, ein ausgefeilterer Stil ist wohl kaum zu finden. Immerhin war Stil für Proust kein Zierrat und keine Technik, sondern „eine Qualität des Sehens“. Und dass es dem Werk, das Proust selbst eine Kathedrale nannte, an Ordnung fehle, auch diese Einschätzung mutet sonderbar an.

Der Text enthalte „durchaus glänzende Partien, aus denen der Autor ein recht hübsches Büchlein hätte machen können“, monierte ein Kritiker, den „nächsten Band erwarten wir mit Wohlwollen und in der Hoffnung, etwas mehr Ordnung und Strenge zu finden und einen etwas ausgefeilteren Stil“. Es war Paul Souday, der dies am 10. Dezember 1913 in Le temps veröffentlichte, und er schrieb es über „Auf dem Weg zu Swann“, den ersten Teil des monumentalen Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust.

Nun, mehr als ein Jahrhundert später, verschluckt man sich fast bei der Lektüre dieses Satzes, denn man kann von Marcel Prousts Klassiker halten, was man will, ein ausgefeilterer Stil ist wohl kaum zu finden. Immerhin war Stil für Proust kein Zierrat und keine Technik, sondern „eine Qualität des Sehens“. Und dass es dem Werk, das Proust selbst eine Kathedrale nannte, an Ordnung fehle, auch diese Einschätzung mutet sonderbar an.

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„Konturlose Sätze“

Die „konturlosen Sätze, in denen Klammereinschübe und Nebensätze ziellos umherwandern in einem ungezügelten ‚Jederkann-mitmachen‘“, prangerte Lucien Maury am 27. Dezember 1913 an, er beklagte ein „kakophonisches Schreiben“. Liest man Urteile wie diese, fühlt man sich unweigerlich an Wortmeldungen von Kritikern erinnert, wie sie auch heute fallen könnten und fallen. Da wie dort werden die Disharmonien hörbar, die entstehen, wenn man Literatur mit Erwartungen begegnet, die zu erfüllen Literaten aus gutem Grund verweigern.

Autorinnen und Autoren, deren Texte mit einer Handbewegung und unbedarften Behauptungen abgetan werden, mag es beruhigen, in Bernd-Jürgen Fischers umfangreichem Handbuch zu Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nicht nur solche Kritikerstimmen von damals zu lesen, sondern auch, dass „Auf dem Weg zu Swann“ 1913 für den renommierten Prix Goncourt vorgeschlagen wurde, aber dieser Romanteil keine einzige der zehn Stimmen des Gremiums erhielt. (1919 wurde Proust dann aber der Preis für den zweiten Band verliehen.)

Kann man sagen, dass Proust die Psychologie in ähnlicher Weise umgekrempelt hat wie Einstein die Physik?

Roger Allard

Auch der Blick aufs Publikum, das man bitte bloß nicht überfordern solle, war damals schon ein Kriterium, obwohl die Kunst – um es zugespitzt zu sagen – wohl in vielen Fällen nur dann große Schritte machte, wenn sie eben nicht auf Gefälligkeit achtete. (Das Schielen nach dem Publikum würde wohl in Endlosschleifen bloß Bewährtes hervorbringen.) „Auf dem Weg zu Swann“ könne „nicht als leichte Lektüre für eine Zugreise bezeichnet werden“, meinte Élie-Joseph Bois, der den Band am 13. November 1913 ankündigte. Rachilde (Marguerite Eymery) urteilte im Mercure de France 1920 über „Im Schatten junger Mädchenblüte“, den zweiten Teil des Proust’schen Opus magnum: „Ein Buch, das zu lang ist, offenbart immer einen Mangel an Höflichkeit.“ Jean Pellerin wiederum vermutete, dass „das große Publikum verzagen wird, wenn es sich diesem undurchdringlichen Gewebe von Subtilitäten gegenübersieht“.

Bernd-Jürgen Fischer, der alle sieben Bände des Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ neu übersetzt und sie mit einem umfangreichen Handbuch abgeschlossen hat, zeigt, dass es zu Prousts Lebzeiten auch euphorische Kritiken gab von jenen, die erkannten, wie bahnbrechend war, was Proust da tat. Nach Prousts Tod am 18. November 1922 fanden sich im Jänner 1923 in der „Hommage à Marcel Proust“ Stimmen, die wichtige Spuren für spätere Analysen lieferten. „Nicht die Dinge, an die man sich erinnert“, betonte etwa José Ortega y Gasset, waren Prousts allgemeines Thema, „sondern die Erinnerung an die Dinge“. Ortega y Gasset wies auch auf den Zusammenhang mit der zeitgenössischen Philosophie um 1890 hin, die behauptete, „die einzige Realität käme aus unseren sensorialen und emotionalen Zuständen“: „Der impressionistische Psychologe stellt das in Frage, was man den Charakter, das plastische Profil eines Menschen zu nennen pflegt, und sieht in ihm eine ständige Umstellung, eine ununterbrochene Folge verschwommener Zustände, eine sich unaufhörlich verändernde Verflechtung von Gefühlen, Gedanken, Farben und Hoffnungen.“

Auffallend moralisch waren die Wertungen beim Auftauchen des Themas Homosexualität geworden. So hieß es nach dem 1921 erschienenen Teil „Sodom und Gomorrha“: „Der Anfang von Sodom und Gomorrha überrascht durch einen rücksichtslosen Realismus und durch seine Plädoyers von einem romantischen und amoralischen Ungestüm.“

Charles-Henry Hirsch schrieb 1923 im Mercure de France gar: „Proust kann nicht dafür gerühmt werden, ein Chronist seiner Zeit zu sein. Alles, was er gesehen hat, ist die pilzartige Ausbreitung einer ungesunden Gesellschaft, einer Clique, die es zum Laster treibt, […] eine auf den Kopf gestellte Elite: eine Elite des Müßiggangs und der Inkompetenz – eine Kaste, die ihrer selbst überdrüssig ist, ein paar Hundert Individuen, die er, krank wie er selbst, mit einer Präzision beobachtet und analysiert hat, die einer Klinik angemessen wäre.“

Ein Meilenstein

Doch gab es eben auch Zeitgenossen wie Roger Allard, der 1921 erkannte, dass dieses „erste Kapitel über Invertierte […] ein Meilenstein in der Literaturgeschichte“ ist. „Diese von so scharfsinniger Beredsamkeit geprägten, in ihrer Poesie so herben und hochherzigen Seiten brechen einen Bann, den ästhetischen Bann, der über der sexuellen Inversion lag und unter dem die Künste und die Literatur so lange gestanden haben.“

Und Henri de Régnier bemerkte bereits 1919, dass ein Bericht von einem Diner „mit all seinen Verwicklungen und Gesprächen, mit den detailliertesten Details, mit seinen Momenten der Stille und seinen Anspielungen“ ein „erstaunliches Bild des privaten gesellschaftlichen Lebens in seinen fein abgestuften Tönen und Nuancen“ liefern kann. „Prousts Realismus verhält sich zum gewöhnlichen Realismus wie eine Apothekerwaage zur Gepäckwaage im Bahnhof.“ Da Proust in seinem Werk „Gesichtspunkte ad infinitum vervielfältigt“ habe, stellte sich für Roger Allard die Frage: „Kann man sagen, dass Proust die Psychologie in ähnlicher Weise umgekrempelt hat wie Einstein die Physik?“

„Zu seinen Fähigkeiten als Irrenarzt und Psychologe“, schrieb Jacques-Émile Blanche bereits 1914, füge Proust „dieses seltene Gewürz feiner Ironie hinzu, das unbarmherzig wäre, wenn es nicht durch Sympathie gemildert würde. Er ist geistvoll und profund.“ Das Buch „ist fast zu grell für Augen, die halb blind sind selbst bei vollem Tageslicht“.

Proust_Cover - © Reclam 2017
© Reclam 2017
Literatur

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Von Marcel Proust.
Reclam 2017
Übers., Anm. und Handbuch von Bernd-Jürgen Fischer.
6080 S., kart., 8 Bd. in Kassette, € 87,40

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