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Probleme der Thomas-Forschung

Eine Vernunft, der sich an Klarheit, Fülle, Kraft, Zucht,. Takt, Bescheidenheit, Kühnheit, Rechtlichkeit, Ernst und Ordnung nur noch etwa die Kants vergleichen kann, und gerüstet mit der ganzen Bildung aller Vergangenheiten, beide nun aber, höchste Wissenschaft und reichster Wissenstoff, im Anblick der ewigen Wahrheit noch von der Gnade befruchtet, das ist Thomas“ — das bleiben gültige Worte Hermann Bahrs. Und die Kirche weiß das sehr wohl, wenn sie immer wieder und so auch in jüngster Zeit durch „Humani generis“, die Methode, die Lehre und die Grundsätze des englischen Lehrers empfielt. In Zeiten, in denen der menschliche Geist an der Szylla des Irrationalismus ebenso vorbeizusegeln hat wie an der Charybdis eines hybriden, offenbarungsfeindlichen Intellektualismus, muß Thomas, der als „Heiliger, Seher, Denker, Wisser und Dichter zugleich … die Gaben der Ahnung, des unmittelbaren Schauens, des Einfühlens und Erfühlens mit dem schärfsten Verstand, mit dem klarsten Urteil und mit der höchsten Besonnenheit, Sicherheit und Freiheit der ordnenden und gestaltenden Hand verband“ (Bahr), der geistige Lotse sein. Diese Aufgabe haben die Verlage Kerle und Pustet wohl erkannt und nach dem Krieg trotz aller Schwierigkeiten die Fortsetzung der deutschen Thomas-Ausgabe gewagt. Es ist erfreulich, daß relativ viele Subskribenten das materielle Opfer nicht scheuten und die zu bewundernden Mühen der Übersetzer und Kommentatoren (es sind dies vor allem deutsche Dominikaner) belohnt machen. Gegenüber den Bänden der Vorkriegszeit muß neben der gleichgediegenen Übersetzung (sie hat sich zweifellos vor der Krönerschen Thomasausgabe bewährt) ein noch größerer wissenschaftlicher Ernst in den zahlreichen Anmerkungen und in dem Kommentar hervorgehoben werden.

Freilich, man wird nicht darüber hinwegsehen können, daß trotz all der angedeuteten Vorzüge diese große geistige Leistung des deutschen Katholizismus nicht mehr jenes große Echo fand wie vor jetzt 18 Jahren, als die ersten Bände aufgelegt wurden Das mag in vielen Umständen seine Begründung haben, vielleicht aber spielen die folgenden Erwägungen dabei auch eine gewisse Rolle:

P. Chenu O. P. hat über diese Problematik anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten der Löwener philosophischen Fakultät sehr bemerkenswerte Sätze gesprochen, die bei den Zuhörern starke Beachtung und Anerkennung gefunden haben. Die heutige Geschichtsforschung beginne das Werden des Denkens des hl. Thomas aus seinen verschiedenen geistigen Antrieben erst verständlich zu machen. Seine Methode und seine Fragestellungen und euch seine Lösungen müssen aus ihrer Geschichtlichkeit lebendig verstanden werden. Es ginge heute vor allem darum, die schöpferischen Denkansätze des Aquinaten herauszuarbeiten, Nur so könne sich die Scholastik von einem falschen dogmatischen Geist bewahren. Das, was von jedem Denker gilt, gelte auch von Thomas: das, was er sagte, dürfe nicht von der Persönlichkeit des Denkers getrennt werden. Diese historische Betrachtung der Werke des Heiligen bedeute zwar nicht zu übersehende Schwierigkeiten, aber aus der Überwindung diesei müsse man zur Wurzel des Denkens des hl. Thomas vorstoßen. Es gelte, durch die Geschichte seiner Lehre hindurch in den übergeschichtlichen Geist seines Denkens einzudringen.

Diese Gedanken werden von nicht wenigen geteilt; denn zu sehr hat sich gezeigt, daß die Unterscheidung Mitterers in thomasisches und thomistisdies Denken nicht ohne Berechtigung gemacht werden kann (sie ist heute auch eine bereits von vielen gebrauchte geworden). Die Kommentierung der deutschen Thomasausgabe aber ist grundsätzlich von einem thomistischen Denken bestimmt und vermag daher manchem Leser wesentliche Fragen nicht zu beantworten. Um nur einige herauszustellen: Thomas benützt immer wieder die Hl. Schrift, um seine Theologie auf ihr zu begründen. Die heute bereits entwickelte Bibeltheologie wird manche Stelle in einem anderen und tieferen Sinn eröffnet haben. Inwieweit ändert nun das die theologischen Konsequenzen bei Thomas? Man denke zum Beispiel an die Lehre von dem Wissen oder Leiden Jesu, wie sie in der III. pars dar- gelegt wird. Oder: Es ist heute auf Grund der neueren Aristoteles-Forschungen deutlich geworden, daß Thomas in grandios-genialer Weise die aristotelische Methaphysik umkonstruiert hat und sie so erst zu einem Fundament der christlichen Theologie erheben konnte. Die Araber waren als Interpreten des Stagyriten dessen eigentlichen Gedankengängen zweifellos näher gewesen. Historische Thomaskommentierung wird die „Lehre des Philosophen“, wie Thomas die des Aristoteles immer nennt, von seiner wahren zu unterscheiden haben und dann zeigen müssen, ob die Auffassung des hl. Thomas zur Deutung der Wirklichkeit geeigneter ist. In diesem Zusammenhang muß auf das drängende Suchen vieler Leser hingewiesen werden, die, durch ihre naturwissenschaftliche Ausbildung einem metaphysischen Denken fremd geworden, zu den durch die Denkform des hl. Thomas gemeinten Wirklichkeiten (etwa bloß Kausalität oder Form und Stoff und ähnliches) nur schwer finden können. Diese Zusammenhänge immer wieder herzustellen, scheint ein Grundanliegen einer heutigen Thomasinterpretation zu sein. Nicht zuletzt wird auch eine historisch-kritische Betrachtung der Vaterstellen notwendig sein, um jeweilig von ihrem Traditionswert überzeugt zu werden. Das alles nur als Andeutungen, durch die diese Überlegungen zu einer zeitgemäßen Kommentierung, die zweifellos eine wissenschaftlich ungemein schwierige Aufgabe darstellt, die aber gleichfalls ohne allen Zweifel Thomas unserer Zeit viel näherbringen würde, konkreter werden mögen.

Fels der Wahrheit. Der Weg und die Gründe meiner Konversion. Von Arnold Lunn Rex-Verlag, Luzern. 311 Seiten.

Alfred Lunn, Sohn eines englischen metho- distischen Missionärs, Absolvent von Oxford, Humanist, begeisterter Sportler, der einige berühmte Werke über Alpinistik herausgab, scharfer Gegner de6 Katholizismus, gegen den er verschiedene dialektische Werke verfaßte, dieser Lunn setzte die englische Welt in nicht geringes Erstaunen, als er eines Tages zu der von ihm 60 verfolgten Kirche konvertierte. Im Kampfe gegen sie hatte er sich mit ihr beschäftigen müssen. Daraus war ein Weg zu ihr geworden. Das vorliegende Buch schildert den Weg seiner Konversion, bei der, wie so oft in England, die Vernunft eine überragende Rolle spielte. Gleichzeitig ist aber das Buch auch eine Auseinandersetzung mit den Gegnern der Kirche, bei der besonders die typisch englische — faire Haltung zu bemerken ist.

Lebenswege und Lebensentscheidungen. Eine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Von Emilie Mayer-Gallin. Verlag W. Braumüller, Wien. 124 Seiten.

Auseinandersetzungen mit der Psychoanalyse sind modern, seit die Psychoanalyse selbst nicht mehr modern ist. So berechtigt solche Auseinandersetzungen auch sein mögen — so fruchtbringend sie sogar sein können, wie zum Beispiel D a i m s „Umwertung der Psychoanalyse“ zeigt, so erfordert ein solches Werk ein tiefes Eindringen in Geist und Wesen des Gegenstandes. Dazu gehört mehr, als daß man sehr viel davon weiß. Kein Zweifel, die Verfasserin weiß viel und hat enorm viel gelesen. Trotzdem vermag aber ihre „Auseinandersetzung“ nicht zu befriedigen. So dankenswert es ist, wenn auch die negativen Seiten der Psychoanalyse schonungslos aufgedeckt werden, so einseitig bleibt eine sich auf das Negative beschränkende Kritik. Die Psychoanalyse hat aber doch mehr geleistet und Erkenntnisse von dauerndem Wert gebracht. An diesen sieht die Verfasserin vorbei. Was sie sagt, ist meist sogar richtig —aber es ist auch vieles richtig, was sie nicht sagt. Es ist letztlich eine idealistische, keine realistische Philosophie, auf die sie ihre Kritik gründet; ein „Idealismus“, der sich der größten Realität, der gefallenen Natur, weitgehend verschließt. Unter solchem Gesichtspunkt leugnet eie schlechthin die Realität des Ödipus- Komplexes, anstatt sie anzuerkennen und mit tieferem Sinn zu erfüllen. Sie negiert auch die sexuelle Deutung von Trauminhalten schlechthin, anstatt sich bloß gegen die einseitig-ausschließlich sexuelle Deutung zu wenden. Schließlich verrät sie ein stark affektbetontes Ressentiment gegen das männliche Geschlecht (S. 45 ff.) und damit einen starken „männlichen Protest“ im Sinne von Adler. Uber das Verhältnis Leib-Seele-Geist vertritt sie ausgesprochen trichotomistische Anschauungen (S. 59); zudem einen bereits etwas antiquiert wirkenden Evolutionismus (S. 49, 64); ganz verfehlt wirken ihre Betrachtungen über „Erbsünde auf S. 66.

Alles in allem: Zu einer Kritik der Psychoanalyse fehlt es der Verfasserin nicht an Wissen, wohl aber am Augenmaß für das Format von Freud und am Urteil dafür, was als bleibende wissenschaftliche Erkenntnis gelten kann.

Die Brücke von San Luis Rey. Von Thornton Wilder. — Königliche Hoheit. Von Thomas Mann. — Herr über Leben und Tod. Von Carl Zuckmayer. — Fischer-Bücherei.

In der Besprechung dieser Kleinbuchreihe des S.-Fischer-Verlages, die ausschließlich Nachdrucke von erfolgreichen Werken bekannter Autoren umfaßt, muß zunächst vom Preis die Rede sein Die geschmackvoll- modern ausgestatteten broschierten und sauber gedruckten Bändchen kosten DM 1.90 = S 11.40. Sie sind für einen breiten Leserkreis bestimmt, für den mittellosen Mittelstand, für Arbeiter, kleine Angestellte und Studenten, und es ist anzunehmen, daß sie hohe Auflagen erreichen werden. Damit ist ein weithin wirksames Kultur- und Bildungsmittel in die Hand des Verlages gelegt sowie die Verantwortung dafür, daß nur Wertvolles zumindest Einwandfreies auf diese Weise „lanciert“ wird. Bisher sind, außer den genannten Bändchen, Werke folgender Autoren erschienen: Joseph Conrad, Pearl S. Buck, Stefan Zweig und Hans Leip. Angekündigt wurden: Werfel, Lernet - Holenia, Andrė

Maurois, Bernhard Kellermann. Eve Curie und andere. Die angeführten Namen verbürgen allenfalls literarische Qualität. So wird diese ‘billige Kleinbuchreihe vielleicht mit der Zeit den Kriminalreißer und den Schundroman aus den Kiosken und Bahnhofsbuchhandlungen verdrängen helfen.

Geliebtes Sibirien. Von Traugott von Stackeiberg. Verlag Günther Neske, Pfullingen. 416 Seiten mit mehreren getuschten Blättern des Verfassers.

Mit dem Begriff Sibirien verbindet der Europäer des Westens bedrückende Vorstellungen von Not, Sorge und Sklaverei, von trostloser Einsamkeit in Sümpfen und undurchdringlichen Wäldern. Dieses Sibirien gab und gibt es. Neben ihm erschließt sich dem Reisenden, der das Land friedlich durchstreifen konnte, ein „anderes“ Sibirien, ein unermeßliches Reich voll hinreißender Naturschönheiten, gewaltig in seinen Dimensionen und märchenhaft anmutend in allen seinen Farben und Ungewöhnlichkeiten. Der Autor, au6 deutschbaltischem Geschlecht stammend, seines Zeichens Arzt, wurde 1914 aus politischen Gründen nach Sibirien verschickt; er hat auf weiten Fahrten in entlegener Wildnis, durch Wald und Taiga Sibirien kennengelernt und ist, von den seltsamen Schönheiten der Urlandschaft völlig erfaßt, zum begeisterten „Sibiriaken“ geworden. Ein starkes, 6tark empfundenes Erlebnisbuch.

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