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Von der Schwierigkeit, "einfach Mann" zu sein

Vor 25 Jahren hat der ehemalige US-Marine und spätere Zen-Mönch Gregory Campbell in Europa den "Weg der Männer" gegründet, ein Netzwerk von Mentoren, die Interessierte bei der Entwicklung hin zum "reifen Mannsein" begleiten (vgl. www. wegdermaenner.eu). Der Grazer Lebens-und Sozialberater Werner Laminger, Gründungsvater des "Weges der Männer" in Südost-Österreich, über Männer-Initiation und Väterbildung.

DIE FURCHE: Herr Laminger, Sie leiten über den Verein "Einfach Mann" Männerinitiationsseminare. Warum braucht es so etwas? Werner Laminger: Weil sich durch die gesellschaftlichen Umbrüche die Frage nach der männlichen Identität heute neu und verstärkt stellt. Der Begriff "Initiation" bedeutet ja, einen Prozess in Gang zu setzen. In den alten Stammeskulturen sind dazu die jungen Burschen, die vorher hauptsächlich bei ihren Müttern gelebt haben, mit den Stammesälteren hinaus "in die Wildnis" gegangen. Das gibt es bei uns nicht mehr, aber der junge Mensch, der zu einem reifen Mann werden will, braucht nach wie vor Mentoren, die ihn begleiten. Das können heute Sporttrainer oder Ausbildner im Beruf sein. Und wir bieten eben Männern ab 18 Jahren die Möglichkeit, an sieben Wochenenden in einer Gruppe von Männern die wichtigsten Themen ihres Lebens zu reflektieren.

DIE FURCHE: Welche wären das?

Laminger: Es geht um das "innere Kind", also wie jemand sozialisiert wurde, um den achtungsvollen Abschied von den Eltern, um den "inneren Krieger", um die weiblichen Anteile des Mannes, um Sexualität, um Entscheidungsfindung, um Tod, Sterben und Loslassen sowie am Ende darum, welche Ziele ich in meinem Leben habe.

DIE FURCHE: Wobei Rituale bei dieser "Initiation" wesentlich sind

Laminger: Ja. Das wesentlichste Ritual ist die Schwitzhütte, wo man das besprochene Thema quasi fertig "kocht" und gleichsam symbolhaft "neu geboren" wird. Das klingt sehr esoterisch, doch solche Schwitzhütten hat es in sehr vielen Kulturen gegeben, von Nord-und Südamerika bis zu den Kelten in Europa.

DIE FURCHE: Kritiker könnten das tatsächlich nicht nur als leicht esoterisch empfinden, sondern auch kritisieren, dass durch "Männerinitiation" Geschlechterklischees weiter verfestigt werden ...

Laminger: Die alten Rollenbilder, wonach Männer eher Konkurrenzund Frauen eher Beziehungswesen sind, sind natürlich nicht in Stein gemeißelt -aber wie sehr sie nach wie vor in den Familien verankert sind, erlebe ich auch in meinem Brotberuf in der Kinderund Jugendhilfe Steiermark. Umso wichtiger wäre es, dass sich Männer und gerade auch angehende Väter überlegen, was ihnen im Leben wichtig ist und welche Werte sie ihrem Kind mitgeben wollen. Geht es nur darum, möglichst viel zu verdienen -oder auch um andere Dinge? Hier gibt es bei den Jungen zum Glück schon ein Umdenken, aber ich würde mir auch ein verstärktes Angebot an Elternbildung wünschen. Bei vielen Vätern - und Müttern -fehlt das entwicklungspsychologische Wissen, wie sie eine gute Bindung zu ihrem Kind aufbauen können und wie sie ihm helfen können, die eigenen Talente und Ressourcen zu entdecken. In vielen Familien und erst recht im Schul-und Bildungswesen stehen leider nach wie vor die Defizite im Mittelpunkt.

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