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"Das solidarische System wahren"

Bevor ERICH LAMINGER in den Hauptverband der Sozialversicherungsträger bestellt wurde, war er der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Neben einer Reform des Finanzierungssystems der Kassen will er vor allem die Österreicher zu einem gesünderen Lebenswandel "bewegen".

Die Furche: Was unternimmt der Hauptverband der Sozialversicherungsträger, um die Österreicher zu motivieren, gesünder zu leben?

Erich Laminger: Wir versuchen die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Mit erhobenem Zeigefinger erreicht man heute gar nichts mehr. Wir wollen die Österreicher mit Hilfe von modernen Werbekampagnen für einen gesünderen Lebenswandel begeistern.

Die Furche: Wie schaut so eine zeitgemäße Kampagne aus?

Laminger: Wir rechnen zum Beispiel den Jugendlichen auf Plakaten vor, dass sie sich für den Gegenwert von 200 Packungen Zigaretten einen Motorroller kaufen könnten. Mit der Plakataktion "Nicht rauchen macht reich", zeigen wir auf, dass man sich viele Dinge, die einem wichtig sind, kaufen kann, wenn man nicht raucht. Ohne, dass wir mit Strafen oder negativen Auswirkungen drohen.

Die Furche: Bleiben wir bei der Gefahr "Leben". Was halten Sie vom Vorschlag des Chefs des Instituts für Höhere Studien, Bernhard Felderer, einer Pflichtversicherung für Freizeitunfälle?

Laminger: Wir haben ein solidarisches Finanzierungssystem, und wir gehen davon aus, dass jeder mit dem gleichen Gefahrenrisiko belastet ist. Sicher, man könnte mit einer Zusatzversicherung diejenigen greifen, von denen man annimmt, dass sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit beim Sport verunfallen. Aber, wo zieht man die Grenze? Wenn die eigentliche Frage im Hintergrund ist, dass jemand durch etwas, was er selber tut, mehr Krankheitskosten verursachen kann, dann wird das Spektrum sehr breit. Wir würden über kurz oder lang bei der Bestrafung der Krankheit landen, und da wollen wir nicht hin. Derartigen Ideen stehe ich kritisch gegenüber. Es muss hinterfragt werden, ob sie im Sinne des Fairplay in einem solidarischen Finanzierungssystem eine Rolle spielen sollen. Im Übrigen passiert die Mehrheit der Unfälle im Haushalt.

Die Furche: Oft dreht sich die Diskussion auch um die Kosten der Bergung der Verunfallten?

Laminger: Gut, über eine Bergeversicherung lässt sich vielleicht reden. Die wäre auch einfach zuzuordnen. Unser wichtigstes Anliegen ist es aber, den Geist der Prävention in der Bevölkerung zu fördern.

Die Furche: Was schwebt Ihnen da vor?

Laminger: Lebensweisen zu fördern, die verhindern, dass jemand in unser Krankenbehandlungssystem - denn nichts anderes ist unser Gesundheitssystem - hinein muss. Der wesentlichste Schlüssel dazu ist Bewegung und eine gesunde Ernährung. Dazu gibt es Aktionstage und Initiativen in allen Krankenkassen Österreichs. Wir gehen auch in die Schulen, denn die jungen Menschen tragen die Ideen eines gesunden Lebenswandels nach Hause. Weiters müssen wir das Problem der krankhafte Fettsucht bei Kindern und Jugendlichen radikal bekämpfen. Wir sind diesbezüglich keine Insel der Seligen mehr.

Die Furche: Die hohen Ausgaben sind oft der Antrieb, um Krankenkassen zusammenzulegen und finanzielle Synergien zu schaffen. Wird sich da künftig etwas bewegen?

Laminger: Im Hauptverband stehen wir dem Zusammenschluss von Kassen, wo es sinnvoll ist, positiv gegenüber. Das soll nicht heißen, dass eine einzige Kasse die Lösung aller Probleme ist. Im Gegenteil, zwischen den Kassen herrscht ein sportlicher Ehrgeiz, wie bei der Einrichtung von Dienstleistungsstandards. Ich sehe nicht das Heil in einem undifferenziertem Zusammenlegen aller Kassen. Unser Verwaltungsaufwand im Bereich der Krankenkassen betrug 2005 2,9% der Einnahmen. Da sehe ich kein großes Einsparungspotenzial mehr.

Die Furche: War die Einführung der e-card ein Erfolg, manche Ambulanzen arbeiten ja noch nicht damit?

Laminger: Zuerst wollten wir alle Österreicher mit e-cards ausstatten, und wir gingen daran, alle niedergelassenen Krankenkassen-Ärzte mit den Ordinationsausstattungen zu versehen. Das passierte im Vorjahr termingerecht. Jetzt werden die Ambulanzen in das System eingebunden, was auch bedeutet, dass man sich mit den verschiedenen EDV-Ausstattungen der Häuser auseinandersetzen muss. Ich bin guter Hoffnung, dass wir kommendes Jahr alle Ambulanzen erfasst haben.

Die Furche: Auf Grund der Halbjahresergebnisse werden die Krankenkassen heuer ein gemeinsames Defizit von 154 Millionen Euro einfahren ...

Laminger: Das Defizit wird nicht so groß ausfallen, weil wir - auf Grund der guten Wirtschaftsentwicklung - nicht die geschätzten 3,9% sondern mehr als 4% zusätzliche Einnahmen haben werden als im Vergleichszeitraum.

Die Furche: Die AUVA fühlt sich im Regen stehen gelassen. Obmann Helmut Klomfar fürchtet 2008 ein Defizit von 43,2 Millionen Euro ...

Laminger: Warum er letzte Woche damit an die Öffentlichkeit gegangen ist, verstehe ich nicht. Wir haben das Problem bereits in Bearbeitung. Ja, die Pauschale, die die AUVA für Arbeitsunfälle an andere Krankenkassen zahlt, ist wahrscheinlich zu hoch. Sie beruht auf mehr als zehn Jahre alten Statistiken, die heute nicht mehr zutreffen. Klomfars Unmut ist gerechtfertigt, weil lange nichts geschehen ist.

Die Furche: Ist in Österreich das Parteibuch bei der Postenvergabe wichtiger als die Qualifikation?

Laminger: Die Eignung muss im Vordergrund stehen. Da kann sich die Sozialversicherung sehen lassen: Bei den Postenbesetzungen, die ich miterlebte, war die Qualifikation der Bewerber die wichtigste Entscheidungshilfe. Dann, als Zusatz, spielen Präferenzen sicher eine Rolle: Wem bin ich im Denken näher? Das kann auch mal an der Parteizugehörigkeit liegen, das sind ja Gesinnungsgemeinschaften. Es ist allerdings ein Wahnsinn, wenn Personen Positionen erhalten, weil "man" sie dort haben will, ungeachtet ihres Könnens.

Die Furche: Welche Reform brauchen wir im Gesundheitsbereich?

Laminger: Wir müssen die Grenzen zwischen Krankenhaus und niedergelassenen Ärzten niederreißen: Das heißt: Die Finanzierung muss im Gesundheitssystem aus einer Hand erfolgen. Wir wissen, dass in Österreich noch immer Leistungen in Krankenhäusern erbracht werden, die auch im niedergelassenen Sektor stattfinden könnten. Um dies zu ändern, müssen wir bei den niedergelassenen Ärzten Strukturen schaffen, die es jetzt noch nicht gibt. Wir bezahlen die Ärzte fallbezogen, die Krankenhäuser bekommen eine Pauschale. Bauen wir den niedergelassenen Bereich aus, haben wir ein Finanzierungsproblem, weil wir gleich viel in die Landesfonds einzahlen. Das ist ein Hindernis, das uns alle blockiert.

Die Furche: Wird es in 20 Jahren mehr Selbstbehalte geben als heute?

Laminger: Mehr sollte nicht das Thema sein, sondern andere. Der Selbstbehalt hat zweifellos eine Finanzierungswirkung, auf die nicht mehr verzichtet werden kann.

Das Gespräch führte Thomas Meickl.

Als lachender Dritter auf den Chefsessel

Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde der Unternehmensberater Erich Laminger als lachender Dritter zum Vorsitzenden des Verbandsvorstandes im Haupverband der Sozialversicherungsträger Österreichs gewählt. Die Überraschung war groß, als bei der zweiten Abstimmung der Wirtschaftsbund-Kandidat zehn von zwölf Stimmen erhielt. Im ersten Durchgang kam es zu einem Patt zwischen dem Tiroler Arbeiterkammer-Präsident Fritz Dinkhauser (VP) und Wilhelm Haberzettl (SP), Vorsitzender der Gewerkschaft der Eisenbahner. Laminger war bis 1994 Chef-Verhandler bei den Metaller-Lohnverhandlungen für die Wirtschaftsseite. Der Hainburger Jurist begann seine Karriere bei BBC Österreich (ein Unternehmen der Elektroindustrie, nicht zu verwechseln mit British Broadcasting, Anm.), für die er 16 Jahre tätig war. Weiters war Laminger u.a. für die Alcatel Austria AG und die VA-Tech Elin EBG GmbH als Personalleiter im Einsatz. Seit 1994 ist er selbstständiger Unternehmensberater (Schwerpunkte Organisationsentwicklung und Personalmanagement) sowie Wirtschaftstrainer (Argumentations-und Präsentationstraining). 2004 erfolgte seine Eintragung in die Mediatorenliste des Bundesministeriums für Justiz. Der Niederösterreicher ist Mitglied der Industriellenvereinigung, Vorstandsmitglied der Wiener Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und engagiert sich in verschiedenen Positionen für den Österreichischen Landhockeysport. Die Wahrung der Solidarität bei der Finanzierung des österreichischen Gesundheitssystems ist Laminger ein Anliegen, der nicht glaubt, dass wir in 20 Jahren mehr Selbstbehalte als jetzt zahlen werden.

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