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Nabucco, Traum und Wirklichkeit

1945 1960 1980 2000 2020
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Ob da nicht manche Träne der Rührung über die Wangen der sonst so eisenharten Geschäftsführer der fünf führenden Ölgesellschaften Österreichs, Bulgariens, Rumäniens, Ungarns und der Türkei kullerte, an jenem schicksalhaften Abend im Oktober des Jahres 2002, als sie einträchtig in der Wiener Staatsoper dem Gefangenenchor in Verdis „Nabucco“ lauschten: „Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht“, so sangen die auf der Bühne. Wie treffend. Getragen vom Pathos der Oper über die Befreiung Israels aus babylonischer Knechtschaft, nannten die Manager ihr soeben vorgestelltes Projekt Nabucco – das Europa aus der Abhängigkeit russischer Erdgaslieferungen befreien sollte: eine 3300 Kilometer lange Pipeline, die von den reichen Quellen der mittel- und zentralasiatischen Steppe bis zu einem Verteilzentrum nach Wien führt und Europa mit 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr versorgt. So weit die romantische Theorie. Sieben Jahre brauchte es, um das Projekt auf politischer Ebene unterschriftsreif zu machen. Nachdem diese Signaturen in dieser Woche nun mit Pomp und Trara gesetzt wurden, nachdem einander die Staats- und Regierungschefs der fünf Länder samt Europäischer Kommission umarmt und beglückwünscht haben, ist es hoch an der Zeit, das Vorhaben einmal nüchtern zu betrachten.

Ein 7,9 Milliarden-Euro-Traum

Es dauert nicht lange, um festzustellen, dass Nabucco sich noch immer im Traumstadium befindet, ein Traum freilich, der real sehr teuer werden könnte, wenn man sich verkalkuliert. 2011 sollen die Bauarbeiten beginnen, 7,8 Milliarden Euro soll die Pipeline insgesamt kosten. Doch man weiß auch heute noch nicht, woher das Gas kommen sollte.

Mit Aserbaidschan scheint man handelseins zu sein. Doch das aserische Gasfeld Schah Deniz II, das derzeit von BP und StatoilHydro erschlossen wird, reicht nicht einmal aus, um jene 8 Milliarden Kubikmeter Gas zu fördern, die die Pipeline braucht, um ihren Betrieb aufnehmen zu können.

Die ebenfalls als Lieferanten umworbenen Staaten Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan weigern sich jedenfalls beharrlich, mit der europäischen Phantasie mitzuschwelgen. Ein anderer Lieferant, der Iran, kommt derzeit aus Regime-Gründen nicht infrage, wie überhaupt die potenziellen Nabucco-Lieferanten nicht gerade mit Demokratie und politischer Verlässlichkeit gesegnet sind.

Der wahre Gegner heißt Russland

Zu befürchten ist, dass Europa schon in kurzer Zeit mit der platten Erkenntnis aufwachen wird, dass in der Lieferregion noch immer der Wirt den Ton angibt – und das ist das Russland, wie Wladimir Putin es meint. Naiv, zu glauben, Russland würde nicht alle zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um sein Liefermonopol zu schützen. Naiv, anzunehmen, Moskau würde den Beteuerungen der Europäer glauben, Nabucco richte sich in keiner Weise gegen Russland. Naiv schließlich auch die Meinung, Europa würde gerade in dieser Frage mit einer Stimme sprechen. Denn auch da ist die russische Wirtschaftsdiplomatie der europäischen einen, wenn nicht zwei Schritte voraus – von wegen „Divide et impera“.

So hat Moskau die größten Energiekonzerne Deutschlands und Frankreichs an Bord geholt, um eine Pipeline durch die Ostsee zu bauen. Dieses „Northstream“-Projekt verspricht Liefersicherheit, weil Russlands Dauergegner, die Ukraine, damit ausgeschaltet würde. Für Russland hätte die Pipeline vor allem den Charme, seine Stellung als Netz- und Liefermonopolist zu bewahren. Im Süden hat Moskau die dritte große EU-Wirtschaftsmacht Italien angeworben, für das Projekt der South-Stream-Pipeline, das die russische Gazprom mit Italiens ENA plant. Diese politische Gemengelage ist EU-intern alles andere als ein Vorteil für Nabucco, vor allem wenn es um eine solide Verhandlungsposition gegenüber Russland geht. Was also tun? Wären die beteiligten Staaten realistisch, würden sie das Projekt Zentralasien fallen lassen und sich mehr als bisher um Lieferungen aus dem Irak, Saudi Arabien und Afrika kümmern. Sonst endet eines der teuersten Projekte in der Geschichte der Staatengemeinschaft in einem Milliardengrab – und Verdis Gefangene singen den Schlussakkord: „Was die Seher uns weissagten, wer zerschlug uns die tröstliche Kunde?“