„Ebenen der Stille“ - Michael Krüger widmet sich in seinen Gedichten dem leisen Leben mit der Natur. Sabine Gruber und Lutz Seiler hingegen reflektieren Orte und Erfahrungen ihrer Kindheit. - © Foto: iStock/miljko (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Achtsamkeit ist eine Kunst

Achtsamkeit erscheint als neues Allheilmittel für Probleme von Menschen in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit eine umkämpfte Ressource darstellt.

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Die Wörter "Stress“ und "Achtsamkeit“ haben einiges gemeinsam: Beide Worte sind noch keine 100 Jahre alt, und sie machen gemeinsam Karriere - je ärger der Stress wird, desto größer wird der Bedarf nach "Ent-Stressung“ durch Achtsamkeit. Selbst der superkritische Spiegel empfiehlt mittlerweile Achtsamkeitsübungen. Der "Achtsamkeits-Markt“ boomt, während immer mehr Menschen an Aufmerksamkeitsdefiziten oder Burnout leiden. Achtsamkeit erscheint als neues Allheilmittel für Probleme von Menschen in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit eine umkämpfte Ressource darstellt.

Von der Andacht zur Aufmerksamkeit

Meine Großmutter kochte nicht nur mit "Butter und Liebe“, wie sie sagte, sondern konnte auch etwas "mit Andacht“ tun. Gelegentlich ermahnte sie mich zum Beispiel, das Essen mit Andacht zu genießen. Das war keineswegs fromm gemeint, sondern ein Hinweis, wie ich "Butter und Liebe“ wertschätzend zu mir nehmen sollte. Sprachgeschichtlich betrachtet, wurde "Andacht“ zwar schon im 18. Jahrhundert als ein Wort mit frömmlerischem Beigeschmack empfunden und durch "Aufmerksamkeit“ ersetzt. Das wiederum war meiner Großmutter unbekannt, für sie konnte Andacht das eine wie das andere heißen. So verbanden die sonntäglichen Essensanweisungen als eine Art verbale Nabelschnur mit einer weit zurückliegenden Vergangenheit mit einem anderen Lebensstil: ohne elektronische Medien und Internet, Autos, elektrische Geräte aller Art usw., und wohl auch ohne Termindruck und Hetzjagd - und ohne Anforderung, permanent aufmerksam zu sein.

Man könne nicht dauernd aufmerksam sein, stellte der Wiener Arzt Viktor Urbantschitsch 1875 fest, indem er eine leise tickende Armbanduhr in einiger Entfernung vor das Ohr seiner Patienten hielt. Nach sechs bis acht Sekunden hörten die Patienten das Ticken nicht mehr - sie hatten sich daran gewöhnt und nahmen es nicht mehr wahr. Was Aufmerksamkeit ist, und wie sie funktioniert, ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eines der großen Themen der psychologischen Forschung. Die dient keineswegs nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern dem technisch-ökonomischen Komplex. Denn ohne Aufmerksamkeit keine Industriegesellschaft, aber ohne Aufmerksamkeit auch keine Konsumgesellschaft. Autofahrer sollen nicht gleichzeitig telefonieren, sondern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Verkehr widmen; die E-Mails am PC oder Smartphone verlangen Aufmerksamkeit, zugleich sollte man aber auch aufmerksam ein Gespräch führen, usw. Die fokussierte, willkürliche Aufmerksamkeit, die im Alltag gefordert ist, macht müde. Wer sich dann erschöpft abends vorm Fernseher niederlässt, um sich zu entspannen, wird neuerlich um Aufmerksamkeit gebeten: diesmal allerdings unwillkürlich. Die Bilder am Schirm ziehen die Aufmerksamkeit unwillkürlich an, ein Effekt, den die Werbung zielgerichtet und in immer ausgeklügelterer Weise nützt.

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