Digital In Arbeit

Die Marke H. B.

Wahrscheinlich findet sich keine Autorenzeile und kein Kürzel in den 57 Jahren Furche-Geschichte so häufig wie jenes von Hellmut Butterweck. Mit Ende Februar hat sich H. B., Ende Dezember 75 geworden, aus der Redaktion zurück gezogen - voller publizistischer Pläne, die einem 50-Jährigen Ehre machen würden. Die Furche widmet einem ihrer Markenzeichen über Jahrzehnte diese Seite zum Abschied. RM

Rabiater Moralist

Bequem war Hellmut Butterweck nie, begabt dagegen sehr. Um beides wusste schon Kurt Skalnik, als er Butterweck zur Furche holte, wo dieser zu einer Art linkem Gewissen wurde. (Denn links war Skalnik, allen Gegenvermutungen zum Trotz, selbst ja nicht.) Bei Butterweck ging es dabei nie um Parteiloyalitäten, sondern um moralische Haltungen, die sehr wohl auch ins Spektrum eines christlichen Blattes passen: betont sozial, stramm antinazistisch, extrem pazifistisch, leidenschaftlich für Schwache und Verfolgte engagiert. Seine journalistische Stärke war die Reportage, was er aber weniger gern hörte als Lob für seine Glossen und Satiren. Als Feuilletonredakteur bewies er Theaterverstand und Kundschaftsnähe. Ausbalancieren, Kantenschleifen, Versöhnungssuche waren seine Sache nicht. Im bisweilen geradezu rabiat betriebenen Moralisieren konnte er gelegentlich alle (oder zumindest den Chefredakteur) gewaltig nerven. Für seine Positionen schämen musste er sich nie.

Hubert Feichtlbauer

Furche-Chefredakteur 1978 bis 1984

Gesinnung & Tasche

Hinter dem Turm aus Büchern eine Stimme, unverwechselbar. Das Chaos hat ein Zentrum, und es scheint so, als liefen viele Fäden dort zusammen hinter den Papierstößen, als könnte die Welt durch Schreiben neu geschaffen werden. Da müssen doch irgendwo meine Schlüssel sein?

Gebildete Menschen sind selten geworden. Wer kann schon, gleichgültig zu welcher Tageszeit (wenn Jüngere müde werden, kommt er erst in Fahrt), über literarische Neuerscheinungen, Theaterinszenierungen, Ausstellungen, die Gefahren des Neoliberalismus, die Architektur von Adolf Loos, den neuen Beaujolais, Kambodscha, Kriegsverbrecher-Prozesse und Päpste reden? Und wenn dann noch dieses Gespräch als Ergebnis eines Denkprozesses erscheint und nicht bloß als Wiederholung von Gelesenem, so passiert einem das nicht sehr oft. Als ich Hellmut Butterweck vor 25 Jahren als Student - damals noch in der Redaktion in der Reichsratstraße - einen Sommer lang hörte und erlebte, war er schon eine Institution.

Unbequem, mit einer eigenen Meinung, scharf und witzig. Einer, der den Streit nicht sucht, aber ihm ganz unösterreichisch auch nicht aus dem Weg geht. Er hat seine Gesinnung nicht gewechselt, ebenso wenig wie seine Umhängetasche - und seine Projektideen sind mit den Jahren nicht geringer geworden. In eine Tasche passen nicht einmal die Konzepte dafür, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Robert Streibel

langjähriger freier Mitarbeiter des Buchressorts

Heiß-Kalt-Journalist

Hellmut Butterweck hat ein Buch in der Redaktion zurückgelassen: Ein Namensbuch für den Namen Helmut. Hellmut hat mit Helmut sicher nichts anfangen können, deswegen ist das Buch - eine absolute Seltenheit - im Regal stehen geblieben. "Bei Helmut ist eben alles ein bisschen anders", beginnt dieses Namensbuch. Und ich höre schon wieder auf zu lesen, denn was für Helmut zutrifft, passt bei Hellmut noch viel mehr.

Hellmut Butterweck ist immer neu, anders, überraschend - das hängt sicher damit zusammen, dass er seit über 50 Jahren jeden Tag neue, andere, überraschende Einstiege, Überstiege, Ausstiege für seine Artikel, Kritiken, Rezensionen etc. sucht und findet. Das färbt ab, da muss was hinten bleiben. Hellmut Butterweck ist so geworden wie seine Geschichten - ein Kompliment für beide Seiten.

Wer das verstanden hat, begreift im wahrsten Sinne des Wortes erst, warum Hellmut Butterweck so große Hände hat. Wenn er schreibt, greift er immer nach der ganzen Welt. Keine noch so kurze Buchbesprechung hält ihn davon ab, den Bogen nach hinten oder vorn oder ganz woandershin zu spannen. Manchmal überspannt er den Bogen - und anderes auch. Da kann aber dann er nichts dafür, Schuld sind seine großen Hände.

Hellmut Butterweck ist in der Zuneigung oft genauso ungerecht wie in der Kritik. Das hat mich geehrt, darunter hab' ich gelitten, von beidem aber konnte ich viel profitieren. Denn Hellmut Butterweck ist ein Heiß-Kalt-Journalist, das Laue speit er aus. Sein Namensbuch steht ab heute in meinem Regal.

Wolfgang Machreich

Der Tausendsassa

Vor fünf Jahren, bei der Feier von Hellmut Butterwecks Siebziger, las Fritz Muliar aus "Die Letzten": Bei diesem Stück von Butterweck handelt er sich um den Dialog eines alten Naizs mit einem alten Juden. Das Thema: typisch Butterweck. Und ebenso typisch: Es ist bis heute unveröffentlicht und unaufgeführt. Noch mit vielen anderen publizistischen Ideen geht Butterweck schwanger: ein Roman oder ein Buch über die Entnazifizierungsprozesse in Österreich, das demnächst erscheint.

Auch als emeritiertem Furche-Redakteur bleibt ihm also viel zu tun. Der Redaktion wird er fehlen: Niemand mehr wird in Anekdoten die Zeit Friedrich Funders oder Kurt Skalniks lebendig werden lassen. Auch die journalistische Lehre, die durch Butterweck zuteil wurde, werden wir vermissen: dass es nicht nur auf Fakten-Kompetenz ankommt, sondern auf die richtige Rede, auf Sprachwitz, das rechte Wort zur rechten Zeit.

Solche Zugangsweise ermöglicht - enormen Horizont vorausgesetzt - Beheimatung in vielen Themen. Wir "jungen" Kollegen staunten, wo sich der Altvordere umgetan hatte: Autor, Theater-, Kunst-, Film-, Literaturkritiker, politischer Essayist, wandelndes Lexikon der Zeitgeschichte...

Zwei Beispiele: 1995 veröffentlichte Butterweck den wirtschaftspolitischen Essay "Arbeit ohne Wachstumszwang" - brilliant formuliert, engagiert für einen Paradigmenwechsel in der Nationalökonomie. Fünf Jahre später schrieb er ein Buch über Wiens Kardinäle des 20. Jahrhunderts: Butterweck - kirchenkritisch und institutioneller Gläubigkeit distanziert gegenüber - als Experte für jüngere Kirchengeschichte? Auch der Religionsredakteur der Furche schlägt in diesem Buch nach. Dass er dabei etwa im Kapitel über Kardinal Gruscha, den Wiener Kirchenfürsten an der Wende zum 20. Jahrhundert, auch die damaligen Befindlichkeiten der Sozialdemokraten mitgeliefert kriegt, gehört zum Butterweckschen Zugang selbstredend dazu. Otto Friedrich

Eine Bibliothek

Zuerst sehe ich nur Bücher. Berge von Büchern. Ob er am Schreibtisch sitzt oder nicht, kann man nur sehen, wenn man näher kommt. Mein erster Eindruck: Hier sitzt ein Büchersammler. Und ein Chaot. Aber andererseits weiß ich selbst ganz genau: wer Bücher liebt und liest, der findet auch, was er sucht. Doch nicht nur sein Schreibtisch (ist das ein Tisch?), von dem nur einige wenige Quadratzentimeter nicht von Büchern belegt sind, ist ohne diese Stapel nicht zu denken. Er selbst ist eine Bibliothek.

In ihm finden sich jene Bücher, die er schon gelesen hat (wie viele das sind, kann vermutlich er selbst nicht einmal schätzen), jene, die er selbst geschrieben hat, aber auch jene, die in ihm reifen, um demnächst Wirklichkeit zu werden. Vor allem aber jene, die nie geschrieben werden, aber dennoch da sind: die Erfahrungen, Erlebnisse, Geschichten aus seinem Leben, die vor allem mir als Nicht-Wienerin und als Vertreterin einer anderen Generation Teile von Wiens Geschichte näher gebracht haben. Denn wie er schreiben kann, so kann er auch erzählen: er platzt vor Wissen, scheint Gott und die Welt zu kennen und sprüht mit Ideen und Lebendigkeit nur so um sich.

Brigitte Schwens-Harrant

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