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ÖGB-Chefs begreifen Krise nicht

Die Existenzkrise des ögb scheinen dessen führende Funktionäre noch immer nicht zu begreifen. Sowohl der provisorische Vorsitzende Rudolf Hundstorfer als auch die Chefs der Teilgewerkschaften haben sich auf der Reformklausur verhalten, als ob "business as usual" genügte und nicht ein wirklicher Neuanfang gefordert wäre.

Um einen Neuanfang zu signalisieren, müsste der ögb einen Sonderkongress einberufen, in dem die Gewerkschaftsmitglieder über den finanziellen und politischen Zustand des ögb informiert und Grundsätze einer Reform erarbeitet werden. Erst dann kann eine pluralistisch zusammengesetzte "Reformkommission" zu arbeiten beginnen. Aber was tut die gegenwärtige ögb-Führung? Sie verzichtet auf die Internet-Initiative " Zeichen setzen", in der sich reformwillige Kräfte gesammelt haben, und beschränkt sich auf etablierte Funktionäre. So vergrault man nicht nur den Rest von loyalen Mitgliedern, man riskiert auch Spaltungstendenzen. Dass der ögb demokratischer werden muss, dass er seine Aufgaben im größeren Europa und in einer radikal veränderten Wirtschaft neu definieren muss, wird mit solchen Methoden nicht vermittelt.

Allerdings verhält sich auch die spö nicht hilfreich. So richtig die Trennung von ögb-Spitzenfunktionen und politischem Mandat ist, so wichtig wäre es, dass die Kernpunkte künftiger Reformen von den Gewerkschaftern selbst formuliert werden. Wie "die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann" (Bertolt Brecht), kann die Demokratisierung des ögb nur das Werk der Gewerkschafter selbst sein. Wer in Panik angesichts dramatischer Umfrageverluste eine Notoperation der siamesischen Zwillinge spö und sozialistische Gewerkschaftsfraktion vornimmt, riskiert das Leben zumindest eines Zwillings.

Die Autorin war orf-Redakteurin und Dokumentarfilmerin.

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