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Wenn Sex zur Arbeit wird

Darf und kann Sex eine Dienstleistung sein? Für viele Frauen ist die käufliche Liebe ihr Beruf.

Die Sexualität ist für viele Menschen etwas, was sie nie mit Arbeit in Verbindung bringen würden. Fakt ist aber, dass für Millionen (vor allem Frauen) auf der Welt der Verkauf der Dienstleistung Sex ihre Arbeit darstellt. Doch wie umgehen mit dieser Thematik? Jene, die die Prostitution verbieten wollen, sind genauso schnell zur Stelle, wie jene, die diese Tätigkeit sehr wohl als Arbeit deklarieren.

Der in Wien ansässige Verein LEFÖ, der sich auf die Beratung, Begleitung und Bildung von Migrantinnen spezialisiert hat, befasst sich seit dreizehn Jahren mit dem Bereich Sexarbeit. Und das ist vor allem ein Migrations-Thema: Laut LEFÖ kommen zirka 60 bis 80 Prozent, der in Österreich tätigen Sexarbeiter aus dem Ausland. MAIZ, eine oberösterreichische Beratungsstelle für Migrantinnen, schätzt in ihrem Jahresbericht von 2005, dass in Österreich gar 90 Prozent der Sexarbeiterinnen immigriert sind.

Frauenrechte durchsetzen

LEFÖ hat den Ansatz, dass Rechte von Sexarbeiterinnen Frauenrechte sind, und kämpft für deren Durchsetzung. Dass heißt konkret, dass die Prostitution als Beruf anerkannt werden soll. Denn die aktuelle gesetzliche Lage sieht so aus, dass der Staat von registrierten Prostituierten zwar Steuern annimmt, deren Rechte im Bereich der Arbeit oder der sozialen Absicherung aber negiert.

Die verpflichtende Versicherung als "Neuer Selbstständiger" bei der SVA garantiert zwar eine Unfall- und Krankenversicherung, allerdings keinen Anspruch auf Urlaubs- und Krankengeld. Nachdem Prostitution hierzulande als sittenwidrig eingestuft wird, kann daraus kein rechtsgültiger Vertrag entstehen. Ein Freier kann somit nicht geklagt werden, sollte er der Sexarbeiterin den Lohn verweigern.

Stigmata bekämpfen

Die Situation für Migrantinnen ist vielschichtig. Sie sind einer doppelten Stigmatisierung ausgesetzt, da sie nicht nur auf Grund ihrer Herkunft Rassismus und Repressionen ausgesetzt sind, sondern auch durch ihre Tätigkeit. Da der überwiegende Teil der heimischen Prostituierten einen Migrationshintergrund haben, fordert LEFÖ, dass die Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen hin zu einer Legalisierung Hand in Hand mit einer Änderung des Fremdengesetzes gehen müssen. "Damit Migrantinnen weiterhin einen Zugang zu diesem Arbeitsbereich bekommen", sagt LEFÖ-Mitarbeiterin Faika Anna El-Nagashi. Diese Forderung wird gemeinsam mit jener der Entstigmatisierung der Sexarbeit, des Schutzes der Frauen vor Gewalt, Diskriminierung, Sexismus und Rassismus im Rahmen der Kampagne "SexarbeiterInnen haben Lust … auf ihre Rechte!" vertreten.

Beim Thema freie Entscheidung werde mit zweierlei Maß gemessen. Einer weißen Frau aus dem Westen werde möglicherweise noch zugestanden, dass sie aus freien Stücken die Entscheidung getroffen hat, mittels Prostitution ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Kommt eine Frau aus der Ukraine, der Dominikanischen Republik oder Nigeria, so werde ihr diese Entscheidungsautonomie kaum geglaubt, weil sie ja nur ein Opfer sein könne. "Dies ist ein sehr paternalistischer Zugang, wenn man besser weiß als die Frauen selbst, was sie tun sollen", sagt El-Nagashi.

Das Equal Projekt Sophie-Bildungsraum für Prostituierte lässt Sexarbeiterinnen in ihrer Fachpublikation zu Wort kommen: "Ich konnte immer selbst bestimmen, was gemacht wird. Ich sehe mich nicht als Opfer", sagt Marion Berghofer (Name geändert). Bei Sophie liegt die Hilfe zum Umstieg auf eine andere Branche im Mittelpunkt der Tätigkeit.

Auch die Politik geht der Frage nach, wie frei eine Frau den Beruf der Sexarbeiterin wählen kann. Die Wiener SP-Gemeinderätin Sybille Straubinger ist der Meinung, dass das Problem grundsätzlich darin bestehe, dass Asylwerberinnen keinen Zugang zum Arbeitsmarkt hätten, denn "in der Regel ist die Prostitution nicht freiwillig, sondern durch die wirtschaftlichen Lebensumstände erzwungen." Die ÖVP-Wien forderte Ende März dieses Jahres, dass die Prostitution in einem Bordellgesetz geregelt gehört. Dies sei eine Voraussetzung für die Zerschlagung der Kriminalität, so Landtagsabgeordneter Wolfgang Ulm. Dass in Wien lauter als anderswo diskutiert wird, könnte daran liegen, dass die Hauptstadt mit zirka 5000 bis 7000 die meisten Sexarbeiterinnen des Landes aufweist.

In der Diskussion um die Prostitution werden schnell die Begriffe Frauenhandel und Zwang in den Mund genommen. "Es gibt eine Nachfrage an Prostituierten und die Migrantinnen befriedigen diese, das muss nicht sofort durch Zwang geschehen", sagt El-Nagashi. Der Frauenhandel betreffe auch Bereiche wie die Zwangsheirat oder die Zwangsarbeit in einem Haushalt und lasse sich nicht auf die Ausbeutung im Bereich der sexualisierten Gewalt reduzieren.

Weg in die Illegalität

Bis Jänner 2006 gab es auf Grund eines Erlasses des Innenministeriums ein eigenes Visum für Showtänzerinnen und Sexarbeiterinnen ("Selbstständig ohne Niederlassung"), das auf drei Monate beschränkt war und im Inland verlängert werden konnte. Migrantinnen können heute nur mehr mit einem Aufenthalts-Reisevisum (Visum D+C) der Sexarbeit nachgehen. Es wird höchstens für sechs Monate innerhalb eines Jahres erteilt und Erstantrag sowie Verlängerung müssen aus dem Ausland gestellt werden.

Diese Bestimmungen treiben die Sexarbeiterinnen in starke Abhängigkeitsverhältnisse. Und es ist zu erwarten, dass nicht die Zahl der Prostituierten sinken wird, sondern, dass lediglich die Zahl der illegal tätigen Frauen steigt, schreibt Marie-Theres Prantner in ihrer Diplomarbeit Sexarbeit … Frauenrechtsverletzung oder eine Arbeit wie jede andere? am Rosa-Mayreder-College in Wien. Der ungesetzliche Status bedeute weiter, dass diese Frauen unter ungeschützten Bedingungen arbeiten müssen, keine offiziellen Strukturen in Anspruch nehmen können und nicht den Schutz der Polizei suchen.

www.lefoe.at

www.lustaufrechte.at

www.sophie.or.at

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