Wer kennt das nicht: Um das eigene Verhalten nachhaltig zu verändern, bedarf es oft eines gewissen Anstoßes. Genau darauf bezieht sich das englische Wort "Nudging", das so viel wie "stupsen" oder "schubsen" bedeutet. Im digitalen Zeitalter ist es zum neuen Zauberwort der Eliten geworden. Viele Politiker, Manager und Wissenschaftler gehen davon aus, dass Menschen oft nicht in der Lage sind, sich im Alltag so zu verhalten, wie es ihnen und der Gesellschaft zuträglich wäre - also sich gesund zu ernähren, sich ausreichend zu bewegen, ruhig und besonnen Auto zu fahren, et cetera. Der US-amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler hat das viel diskutierte Konzept des "Nudging" maßgeblich geprägt. Seit er dafür den Wirtschaftsnobelpreis 2017 verliehen bekam, wurde das Thema auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Intuitive Mobilitätsentscheidung

Tatsächlich ist gut gemachtes "Nudging" oft erfolgreicher als direkte Aufforderungen oder sogar vernünftige Erklärungen, warum ein bestimmtes Verhalten besser wäre. Raucher etwa wissen, dass ihr Verhalten ungesund ist; aber nur dieses rationale Wissen reicht in der Regel nicht, um damit aufzuhören. Auf Zigarettenschachteln werden daher seit einiger Zeit drastische Warnhinweise angebracht, um den Nikotinkonsum zu senken. Umgekehrt greifen die Konsumenten öfter zu Obst, wenn es in der Kantine in Griffnähe präsentiert wird -und die Süßigkeiten weiter entfernt sind.

Dass "Nudging" auch im Sinne einer klima-und umweltfreundlichen Lebensweise nützlich sein kann, zeigte eine internationale Konferenz zu den UN-Zielen für Nachhaltige Entwicklung, die am 4. und 5. April an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stattgefunden hat (siehe auch Beitrag unten). Elisabeth Oberzaucher von der Universität Wien präsentierte dort eine Studie, die sich damit beschäftigt hat, wie man öffentliche Verkehrsmittel gegenüber dem Autoverkehr attraktiver gestalten kann. "Viel Planung passiert nach wie vor an den Menschen vorbei", sagte die Verhaltensbiologin am Rande der Konferenz im Gespräch mit der FURCHE. Nur das Wissen zu vermitteln, dass die "Öffis" billiger und mit weniger Umweltlasten verbunden sind, ist für eine konkrete Verhaltensänderung zu wenig. Mobilitätsentscheidungen erfolgen weniger rational, sondern vielmehr intuitiv: Einfache Nutzung, wahrgenommener Komfort und Vertrautheit spielen hierbei eine essenzielle Rolle. Umso wichtiger ist es, die öffentlichen Verkehrsmittel auf einer emotionalen und unbewussten Ebene aufzuwerten.

Reduktion der Sitzplätze

In den U-Bahnen etwa würden schlecht platzierte Sitzplätze oft nur den Raum verstellen, so Oberzaucher: "Ein U-Bahn-Waggon lässt sich nicht daran messen, wie viele Sitzplätze man untergebracht hat, sondern nur daran, wie gut diese Sitzplätze angenommen werden." Also Qualität statt Quantität: In den Stoßzeiten wäre es sogar besser, weniger Sitzplätze zu haben, da die Passagiere dann mehr Platz beim Stehen haben. So sind heute in modernen Zügen und U-Bahnen vermehrt Klappsessel eingebaut, an die man sich auch anlehnen kann. Dadurch gewinnt man an Flexibilität, um den Raum je nach Passagieraufkommen optimal nutzen zu können. Durch die Anordnung der Sitzplätze kann auch das Weitergehen ins Fahrzeug-Innere gefördert werden. Besonders in den Stoßzeiten bleiben die Passagiere oft im Türbereich, das führt zu Gedränge und behindert den Fahrgastwechsel in der Station. Der Fluss der Fahrgäste ins Fahrzeug-Innere leidet unter anderem darunter, dass diese von einem relativ breiten Türraum in einen schmalen Gang weitergehen sollten. Warum rücken die Menschen hier nicht gerne nach?

Gründe dafür sind das Meiden enger Räume, die schlechtere Erreichbarkeit des Ausgangs und die nötige Richtungsänderung um 90 Grad, was eine flüssige Bewegung behindert. "Kurven sind besser als Ecken", so Oberzaucher. Ändert man die Inneneinrichtung so, dass eine Art Trichter in den Gang entsteht, wird diesen unerwünschten Effekten entgegengewirkt. Die Wissenschaft stützt in diesem Fall eine Planung, die der Intuition zuwiderzuläuft, und zwar durch Reduktion und Veränderung der Sitze, um die Passagiere gleichsam ins U-Bahn-Innere zu "schubsen" und somit unangenehme Enge zu vermeiden.

"Menschengerechte Planung"

"Bei der in Planung befindlichen U5 in Wien werden diese Faktoren bereits gut umgesetzt sein", verrät Oberzaucher, die auch beim Wissenschaftskabarett "Science Busters" tätig ist. Ähnliche Überlegungen gibt es zum Lenken der Personenströme in den Stationen, zur besseren Fahrgastverteilung am Bahnsteig oder zur einfacheren Mensch-Maschine-Interaktion beim Ticketkauf. Je mehr sie unseren Bedürfnissen entgegenkommen, desto besser. Oberzaucher spricht von "menschengerechter Planung". Diese beruht auf den evolutionären Grundlagen menschlichen Verhaltens. Unser biologisches "Programm", Vorlieben und Abneigungen, die sich über Jahrmillionen herausgebildet haben, sind bei dieser Art von "Nudging" stets in Betracht zu ziehen.

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