Depression
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Das große Unbehagen

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Gesundheit und Wohlfühlen sind zum gesellschaftlichen Gebot geworden. Umso deutlicher treten kollektive Erschöpfung und psychische Leiden in den Vordergrund.

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Gesundheit und Wohlfühlen sind zum gesellschaftlichen Gebot geworden. Umso deutlicher treten kollektive Erschöpfung und psychische Leiden in den Vordergrund.

Stresstests vor U-Bahn-Stationen, Ayurveda-Kuren, Bachblütenbonbons, Reflexzonensocken, Tai-Chi-Tennis-Sets, Gesundheitsduschen, Vitalpflaster, Antistress-Turnschuhe - im Zeichen der Wellness ist zuletzt eine schier unüberschaubare Menge an Dienstleistungen und Produkten entstanden. Nicht nur in der Werbung, auch in Kampagnen öffentlicher Institutionen werden die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Energie von Konsumenten und Arbeitnehmern beschworen. Es scheint, als ob sich die Gesellschaft wie nie zuvor der Entspannung, dem Wohlfühlen und der Prävention verschrieben hat - und als ob gleichzeitig damit auch Burnout und andere psychische Leidenszustände zum Leben erweckt und mit wachsender Bedeutung erfüllt worden wären.

Fitness, Wellness und Burnout

"Dem unübersehbaren gesellschaftlichen Wohlfühl-Imperativ wohnt die Erschöpfung inne“, konstatierte die Wiener Soziologin Elisabeth Mixa bei einem Symposium mit dem Titel "Un-Wohl-Gefühle“, das kürzlich in Wien stattfand und eine "Kulturanalyse gegenwärtiger Befindlichkeiten“ zu skizzieren versuchte. Anlass für das Symposium waren die alarmierenden Prognosen der WHO hinsichtlich der Zunahme psychischer Erkrankungen in westlichen Ländern sowie die vermehrte Thematisierung von psychischen Leidenszuständen in den Medien. "Begriffe wie ‚Wellness‘ und ‚Burnout‘ haben sich im gegenseitigen Verweis aufeinander in unseren Alltag eingeschrieben - dies in einer solchen Vehemenz, dass sie bereits alltäglich für das Darstellen der eigenen Wichtigkeit verwendet werden“, erläuterte Mixa.

Im aktuellen Wellness-Diskurs wurden die älteren Fitness-Ideen von körperlicher Ertüchtigung im Sinne von Gesundheit und Leistungssteigerung um die Dimension der Gefühle erweitert. Wellness verbindet dabei soziale Anpassung, Wettbewerbsfähigkeit und das Streben nach Wohlgefühlen. Der Begriff der "Wellness“ wurde von Halbert Dunn Ende der 1950er Jahre erfunden, wobei er darin eine Methode zur Maximierung des menschlichen Funktionspotenzials sah. Seine Ideen wurden von anderen medizinischen Autoren wie Robert Allen, Donald Ardell oder Bill Hettler weiter ausgearbeitet. Hettler definierte Wellness 1979 als "aktiven Bewusstseinsprozess, infolgedessen Menschen Entscheidungen für eine erfolgreichere Existenz treffen“, wobei er auch soziale, berufliche und spirituelle Aspekte von Wellness beschrieb. In all ihren Facetten jedoch sind Wellness-Ideologien durch Körperbezogenheit gekennzeichnet. Dies gilt auch für das Wohlfühlen selbst: Bedingt durch die Dominanz der Neurowissenschaften werden Gefühle heute auf die Aktivität körpereigener Botenstoffe im Gehirn zurückgeführt und erscheinen somit prinzipiell als zugänglich für Körper-basierte Interventionen.

Prominenz der Gefühle

Vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Ökonomisierung sind die Gefühle zu einem Produkt geworden, so der soziologische Befund - der britische Sozialtheoretiker Nikolas Rose sprach sogar von der Reduktion des Menschen auf ein "neurochemisches Selbst“. "Aus ehemals seelisch verankerten, weitestgehend unkontrollierbaren Gefühlen sind kontrollier- und steuerbare Emotionen geworden, die gemäß den Botschaften des Wellness-Diskurses erworben, trainiert und konsumiert werden können“, erörterte Mixa. "Die Aktivierung der körpereigenen Botenstoffe wird dann als zentrale Praxis der Machbarkeit selbstverständlich.“

Der Wellness-Diskurs steht mit dem Öffentlich-Machen bisher als intim geltender Gefühle in Verbindung. Auch die Geistes- und Sozialwissenschaften haben die Prominenz der Gefühle entdeckt, die nun vielfach unter dem neuen Schlagwort der "affektiven Wende“ behandelt wird. Damit geht auch eine intensivierte Diskussion um psychische Leiden einher, wobei aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen große Bedeutung beigemessen wird - neuen prekären Verhältnissen, gestiegenem Leistungsdruck sowie der Auflösung traditioneller Rollenvorgaben und sozialer Bindungen.

"Übermaß an Positivität“

Die Unfähigkeit, neue Wahlmöglichkeiten für ein gelingendes Leben zu nutzen, stellt heute eine Quelle des Leidens dar und sei für eine rapide Zunahme depressiver Erkrankungen und narzisstischer Persönlichkeitsstörungen verantwortlich, lautet etwa die These des französischen Soziologen Alain Ehrenberg in seinem jüngsten Werk "Das Unbehagen in der Gesellschaft“. Bereits mit der viel beachteten Studie "Das erschöpfte Selbst“ (2008) hat Ehrenberg die Ausbreitung von Depressionen und Alkoholsucht als Reaktion auf den wachsenden Anspruch nach Eigenverantwortung und Selbstverwirklichung gedeutet. Ein weiterer Vordenker dieser Debatte ist der Philosoph Byung-Chul Han, für den die heutige Gesellschaft durch ein "Übermaß an Positivität“ gekennzeichnet ist.

Das produktive Selbst-Management, insbesondere der eigenen Gefühle, hat derzeit jedenfalls höchste Priorität: So heißt es etwa auch in den Empfehlungen der Europäischen Union für lebensbegleitendes Lernen (2006), dass der "konstruktive Umgang mit Gefühlen“ eine wichtige Rolle spielt. Wie dieser Umgang aussehen sollte, verlangt offensichtlich nach verstärkter Reflexion. Vielleicht ist es ja nicht das Bemühen um Wohlgefühle, sondern der geschickte und gelassene Umgang mit Unwohlgefühlen, der letztlich zu einem tieferen Wohlbefinden führt.

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