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Die Logik des Wahnsinns

Reden wir einmal nicht von der menschlichen Katastrophe um Gaza. Und verweigern wir uns auch der Versuchung, einmal mehr nach Schuld und Unschuld zu suchen.

Mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen, seit ich vom Hügel Ali Muntar - auf halbem Weg zwischen dem Kibbuz Nahal Oz und der Stadt Gaza - den Beginn des "Sechstagekriegs" miterlebt habe: die ersten Luftangriffe und Bodenkämpfe, die ersten Kriegstoten. Vier Jahrzehnte des politischen Wahnsinns, der nie aufgehört hat, auf unmenschliche Weise in sich logisch zu sein.

Koloniale Machtspiele, Holocaust

Zwei Völker, die von kolonialen Machtspielen und Holocaust auf knappstem Raum gegeneinander geworfen wurden. So knapp, dass bald klar war: Eine Zukunft ist längerfristig nur im Miteinander denkmöglich. In einem Miteinander freilich, das - nach allem, was geschehen ist - heute nur aus einer Zeitspanne gesicherter Unabhängigkeit wachsen kann - für beide Völker. Genau das aber will keiner dem anderen zugestehen.

Nicht-Anerkennung ist heute die lächerlichste Waffe auf beiden Seiten. Längst ist sie stumpf geworden - und wird doch mit jeder Gewaltorgie neu in Stellung gebracht. Nicht-Anerkennung, obwohl alle wissen, dass Israel mit Terror nicht zu vernichten ist. Und dass jede israelische Rakete neue Kämpfer für Palästina gebiert.

Es gibt keine andere Region, die sich so unbeirrt allen Erfahrungen verweigert. Keine, in der die Kollateralschäden der Gewalt so wenig Gewicht haben. In der - trotz aller Nähe - die Menschlichkeit so tief unter Gebirgen von Angst, Überheblichkeits- und Minderwertigkeitsgefühlen vergraben liegt.

Keine andere Region auch, in der - Demokratie hin oder her (auch die Hamas ist demokratisch gewählt) - die innere Selbstkontrolle so darniederliegt. In der die Scheidelinie zwischen "zivil" und "militärisch" so bewusst verletzt wird. Und in der alle Friedenschancen so konsequent vernichtet werden: durch Demütigung und gnadenlose Siedlungspolitik hier - durch Fanatismus und Terror dort.

"Nur die Falken können Frieden machen, nicht die Tauben", war ein bis zum Erbrechen wiederholter Leitsatz der Nahostpolitik. Bis sich am Ende auch die letzten Tauben auf beiden Seiten kampflos ergeben haben - und die Logik der Falken stabile politische Mehrheiten hinter sich hatte. Wer heute Wahlen gewinnen will, muss sein Schwert blinken lassen.

Ratlosigkeit und Erschöpfung

Mit dem Konflikt weiterleben: Ist diese schreckliche Perspektive für beide Seiten bereits kalkulierbarer, als das Risiko des Friedens zu wagen - aus Angst vor Kompromiss und Verzicht? Aus Furcht vor Machtverlust und inneren Auseinandersetzungen bis an die Grenze des Bürgerkriegs und darüber hinaus?

Was jetzt kommt: Wieder einmal Waffenruhe. Und dann? Ratlosigkeit und Erschöpfung umgibt längst alle Vermittlungsversuche.

Und unweigerlich drängt sich die alte arabische Legende ins Gedächtnis: Da ist der Skorpion, der ein Kamel bittet, ihn über den Fluss zu tragen. An der tiefsten Stelle aber sticht er. Sterbend ruft das Kamel: "Warum machst du das - du ertrinkst doch mit mir." Kühl antwortet der Skorpion: "Du weißt doch: Wir sind im Nahen Osten …"

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