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Literatur

Plädoyer für die Festsitzenden

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Sherwood Anderson, ein Klassiker der modernen amerikanischen Literatur, ist nun in zwei Neuübersetzungen wiederzuentdecken.

Alle zehn Jahre wird Sherwood Anderson für die deutschsprachige Leserschaft wiederentdeckt. Diesmal hat es zwei Jahre länger gedauert, und deshalb gibt es jetzt gleich zwei neue Übersetzungen, die sich in ihrer hohen Qualität kaum unterscheiden. Die eine, von Eike Schönfeld, ist näher an Andersons bibelgeschulter Strenge und Lakonie, die andere, von Mirko Bonné, erlaubt sich stärkere expressionistische Schwingungen.

Verunsicherte Gestalten

Lohnt sich solch verlegerischer Übereifer? Der Erzählkranz "Winesburg, Ohio“, aus vielen einzelnen Geschichten geflochten, ist längst so etwas wie ein Klassiker der Moderne in der amerikanischen Literatur geworden. Zugleich überwältigt dieser Zyklus kleiner, scheinbar unbedeutender Lebensgeschichten, der 1919 erstmals erschienen ist, nach wie vor durch seine herbe Frische und den Zauber eines Geheimnisses, das am besten mit dem Begriff "Würde“ zu beschreiben ist: Die Figuren in Andersons Geschichten sind allesamt verunsicherte Gestalten, es fehlt ihnen zum glücklichen Leben ein wesentliches Element, ein Anspruch und Ansporn, zugleich auch ein inneres Gleichgewicht, das ihnen Zuversicht und die Überwindung erlittener Kränkungen bescheren könnte. Und doch lenkt der Erzähler ganz ohne Pathos oder Sentimentalität unsere Aufmerksamkeit stets auf ein Stück Tapferkeit, mit der sich noch die am grausamsten Behandelten, die am tiefsten Gedemütigten ihrem verwundeten Dasein stellen.

Wir nehmen als Leser etwa teil am Schicksal eines in Unehren entlassenen Lehrers, der knapp einem Anschlag von Lynchjustiz entgangen ist und seither seine zitternden Hände nicht mehr ruhig halten kann. Wir begegnen einem alttestamentarisch vernarrten Farmer, der aus religiöser Vermessenheit beinahe seinen Sohn opfert und schließlich alle Inbrunst auf den raffgierigen Erwerb von immer mehr Land richtet. Und wir beobachten einen presbyterianischen Pfarrer, den der voyeuristische Blick ins Schlafzimmer einer Lehrerin derart aufwühlt, dass er nicht nur seinen Glauben, sondern seine ganze innere Festigkeit verliert.

Bescheidene Glücksmomente

Die Lehrerin aber, die in der Kleinstadt-Enge keinen entsprechenden Lebenspartner findet, verrennt sich in ihrer erotischen Ziellosigkeit in eine schwärmerische Zuneigung zu einem ihrer Schüler, indes eine andere junge Frau, die jahrelang vergeblich auf ihren Verlobten gewartet hat, eines Nachts nackt auf die Straße flüchtet, um sich im strömenden Regen dem erstbesten Mann an den Hals zu werfen. "Frauenärger“ nannte man das damals im kleinmütigen, bigotten Winesburg.

Das Geheimnis von Andersons Meisterwerk enthüllt sich erst allmählich. Jede dieser 21 Geschichten ist einmalig, doch alle zusammen sind sie urbildlich für das schmalgeschnittene Provinzleben im Mittleren Westen der USA. So scharfäugig ist in der amerikanischen Literatur außer bei Mark Twain nie zuvor auf die Details solcher Kleine-Leute-Existenzen geblickt worden. So eindringlich und mit Hingabe hatte sich bisher kein Autor ihrer Nöte, Sorgen, Ängste und bescheidenen Glücksmomente angenommen. Und schließlich hatte sich nie vorher ein so formstrenger, die Sprache so knapp und würzig einsetzender Erzähler derart entschlossen darauf beschränkt, für das Aufspüren der großen und kleinen Dramen in seinem Erzählkosmos die engen Grenzen einer Kleinstadt nicht zu verlassen.

Selbstporträt des Autors

Diese 1800-Seelen-Agglomeration Winesburg beherbergt ein verstörtes, verstörendes Landidyll samt Main Street, kleinem Bahnhof, Bars, Lebensmittel- und Stoffgeschäften - sowie einem wenig frequentierten Hotel, dem Zuhause des heranwachsenden George Willard. Als Einziger kommt er in fast allen Geschichten vor, und als Einziger vermag der junge Reporter am Ende Winesburg zu verlassen: Ein Selbstporträt des Autors, der, 1876 geboren, seiner Heimatstadt Clyde nahe dem Eriesee als 19-Jähriger den Rücken kehrte, um schließlich in Chicago "Winesburg, Ohio“ zu schreiben.

Ein "demokratisches Plädoyer für die Gescheiterten, die Vernachlässigten, die Festsitzenden“ hat John Updike das Buch von Anderson einst genannt, von dem er viel gelernt haben muss. Immerhin hat William Faulkner, einer der großen Halbvergessenen auf dem vom Gedächtnisschwund heimgesuchten amerikanischen Literaturmarkt, Sherwood Anderson einmal den "Vater von uns allen“ genannt. Und mit "allen“ sind, im heutigen Rückblick, keine Geringeren als Hemingway, Scott Fitzgerald, Truman Capote, Norman Mailer bis hin zu Paul Auster und Denis Johnson gemeint.

1919 befanden sich die USA auf dem Höhenweg ihrer weltpolitischen Bedeutung. Im selben Jahr entzauberte Anderson - wie manche großen Dichter des Landes vor ihm - den amerikanischen Mythos vom erreichbaren Glück für jeden. So und nicht anders gelingt unbestechliche Literatur.

Winesburg, Ohio

Von Sherwood Anderson

Aus dem amerik.Engl. von Mirko Bonné. Schöffling 2012. 328 S., geb., e 22,95

Aus dem amerik. Engl. von Eike Schönfeld. Manesse 2012. 304 S., geb., e 21,95