Dass Kriminalpsychologe Thomas Müller ein brillanter Kopf ist, wusste man. Einmal mehr erwies es sich in der ZIB2 am Dienstag dieser Woche: Armin Wolf ist ja nicht gerade auf den Mund gefallen – aber im Gespräch mit Müller sah er doch eher blass aus. Da hielt der „Spezialist für das Böse“ den Anchorman ziemlich am Faden …

Die unsäglich-unendliche Kampusch-Geschichte hat sich damit wieder ein Stück weitergedreht. Und das ist gut so – wenn es zur Wahrheitsfindung in dieser quälenden Causa beiträgt. Diese sei nicht geklärt, erklärte Müller lapidar – und sprach damit für die gesamte Evaluierungskommission mit Ludwig Adamovich an der Spitze.

In der Tat, die Vorstellung, hier könnte nicht sauber ermittelt, wichtigen Hinweisen nicht nachgegangen worden sein, könnten Mitwisser oder gar -täter unbehelligt herumlaufen und solcherart auch eine Gefahr für Natascha Kampusch darstellen, ist unerträglich. Unmissverständlich und klar hat Müller nun in einer angemessenen Öffentlichkeit – in einer der wichtigsten Infosendungen des Landes – die offenen Fragen benannt.

Eitelkeit, Ignoranz, Sorglosigkeit

Womit wir beim Thema „Öffentlichkeit“ angelangt sind: Ebenso unerträglich wie die mit dem Fall selbst verbundenen Befürchtungen, Spekulationen, Gerüchte ist die Rolle, welche die Boulevardmedien dabei spielen. Genauer gesagt: die Bedeutung, die ihnen von den handelnden Personen zugemessen wird. Aus Eitelkeit, Ignoranz, Sorglosigkeit?

Jüngstes Beispiel: Der offene Brief von Kommissionsmitglied und Ex-OGH-Präsident Johann Rzeszut vom letzten Sonntag an Österreich. „Natascha ist in Lebensgefahr“ schrie es in riesengelben Lettern auf einer Doppelseite. Wenige Tage davor auf Seite 1 der Kronen Zeitung der Aufmacher: „Adamovich im ausführlichen Interview: ‚Wie ich den Fall Kampusch sehe‘“. Im Blattinneren finden sich dann unter anderem jene Andeutungen über Nataschas Zeit im Gefängnis und ihre Kindheit, die – zu Recht – schon Gegenstand scharfer Kritik waren.

Sekundärausbeutung der Opfer

Dass Politiker sich des Boulevards bedienen, um jene Massen zu erreichen, ohne die es keine Mehrheit gibt, kann man – in Grenzen – noch verstehen. Aber was reitet einen ehemaligen VfGH-Präsidenten, den man für den Inbegriff an Seriosität und Redlichkeit, an Klarheit und Unbestechlichkeit halten möchte, der sich etwa in der Auseinandersetzung mit Jörg Haider jede Menge Sympathien erworben hat, der nicht wiedergewählt werden wollen kann, sich an die Krone zu wenden? Mithin an den führenden Vertreter jener Spielart von Journalismus, dem es nicht um Aufklärung zu tun ist, sondern der die Sekundärausbeutung der Opfer, der kleinen Leute, der Unterprivilegierten, zu deren Anwalt er sich stilisiert, als Geschäftsmodell betreibt?

Verwundern darf das freilich nicht in einem Land, in dem sich die sogenannten Eliten aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Kirche(n) gerne über die Schamlosigkeit des Boulevards erregen, um dann bereitwillig für seitenlange Strecken – „Abrechungen“, „Kampfansagen“ und dergleichen mehr – zur Verfügung zu stehen.

Gewiss, solches als kleines Medium zu thematisieren, mag an die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben erinnern. Doch die entscheidende Frage ist, wer in diesem Land über Lippenbekenntnisse hinaus an einem ohne Qualitätsmedien nicht denkbaren öffentlichen Diskurs, der diesen Namen verdient, noch Interesse hat.

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