"Die EU ist das Ziel dieses Angriffs"

Elif Shafak über die EU als eigentliche Angeklagte in ihrem Prozess, über Schutthaufen der Geschichte und ihre

Hassliebe zu Istanbul.

Die Furche: Frau Shafak, was sind Ihre Erwartungen für den Prozess?

Elif Shafak: Langfristig hoffe ich, dass die Klage abgewiesen wird. Das, was wir jetzt durchmachen müssen, ist sehr irritierend und anstrengend.

Die Furche: Haben Sie beim Schreiben daran gedacht, dass Sie vor Gericht kommen könnten?

Shafak: Als ich das Buch schrieb, habe ich nicht an die Konsequenzen gedacht. Die Geschichte ist das, was zählt. Als es fertig war, habe ich über mögliche Konsequenzen nachgedacht - aber dann war es sowieso zu spät. Wenn ich schreibe, bin ich eine viel mutigere Person als in meinem Alltag!

Die Furche: Was bezwecken die nationalistischen Kläger mit dem Prozess?

Shafak: Ich sehe sie als eine Gegenbewegung. Viele Dinge haben sich in den letzten fünf, zehn Jahren positiv verändert. Das stört einige Leute, insbesondere die Nationalisten. Der EU-Annäherungsprozess ist sehr wichtig - und der Anwalt Kemal Kerincsiz macht keinen Hehl daraus, dass er und seine Gruppe gegen einen EU-Beitritt der Türkei sind. Die EU ist das Ziel des Angriffs - wir sind nur die Werkzeuge. Man benutzt uns, um den EU-Prozess aufzuhalten.

Die Furche: Die türkische Gesellschaft ist derzeit mit innenpolitischen Problemen - dem Konflikt im Südosten, der instabilen Sicherheitslage - beschäftigt. Gleichzeitig scheint die Skepsis gegenüber der EU zuzunehmen. Nationalistische Demagogen haben es da leicht.

Shafak: Türkische Menschen haben gemischte Gefühle: Einerseits wollen sie sehr gerne in der EU sein, andererseits gibt's diese Haltung: "Wenn Europa uns nicht will, dann wollen wir auch nicht". Das zeigt uns auch, dass heute nationalistische Ideologien in keinem Vakuum existieren. Wenn antitürkische Agitation in Europa ansteigt, dann führt das zu einem gesteigerten Nationalismus in der Türkei und umgekehrt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mehr Zusammenarbeit zwischen demokratischen Kräften in der Türkei und Europa benötigen.

Die Furche: Sie haben in einem Kommentar geschrieben, dass Schriftstellern ein "Loyalitätsbeweis" abverlangt wird.

Shafak: Wenn man über die türkische Staatsideologie oder ein Tabuthema wie die armenische Frage redet, glauben die Leute, man hat eine "hidden agenda" - dass man mit ausländischen Kräften zusammenarbeitet. Das finde ich persönlich sehr traurig, denn der Intellektuelle ist auf sich selbst gestellt und muss "beweisen", dass er nicht die Nation verrät. Andererseits ist die türkische Gesellschaft sehr dynamisch und heterogen. Der Rigidität des Staates und dreier Militärputsche zum Trotz hat es die Gesellschaft immer wieder geschafft, sich zu verändern. Es gibt viele kritische Stimmen in Kunst, Literatur, Medien - in der Zivilgesellschaft.

Die Furche: Wie verarbeiten Sie in Ihren Arbeiten die türkische Geschichte und Modernisierungserfahrung?

Shafak: Walter Benjamin hat vom "Schutthaufen der Geschichte" gesprochen. Es ist eine Katastrophe passiert, man geht auf einem Schutthaufen, um zu verstehen, ob es noch etwas Lebendiges unter all den Trümmern gibt. Wenn man in der Türkei an Vergangenheit, Kultur-und Sozialgeschichte und Gedächtnis interessiert ist, dann ist es ebenso. Man versucht festzustellen, ob es noch lebendige Geschichten und Wörter unter all den Steinen gibt. Wir haben unsere Sprache türkisiert und viele Wörter verloren. Ich bin eine der wenigen Autoren, die sich dem entgegenstellt. Ich verwende alte, osmanische und neue Wörter.

Die Furche: Die Türkei hat eine unglaubliche Transformation in einer kurzen Zeit erreicht. Die kemalistischen Reformer dachten, dass die Türkei jede Verbindung zur Vergangenheit ein für alle Mal abbrechen muss.

Shafak: Es ist eine sehr zukunftsorientierte Gesellschaft, was gut sein kann, aber dafür zahlt sie einen Preis: Wir haben überhaupt kein Gedächtnis. Unsere Gesellschaft leidet an kollektivem Vergessen. Wir glauben, wir haben mit den Osmanen nichts gemein. Das osmanische Reich ist ein anderes Land, die Vergangenheit ist ein anderes Land. In einer Gesellschaft sollte es Kontinuitäten geben, sonst kann kulturelles Gedächtnis nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Bei uns blicken nur die Konservativen zurück - aber sie sind sentimental und romantisieren die Geschichte.

Ich habe immer für einen dritten Weg argumentiert. Man kann sehr kritisch zur Vergangenheit stehen, man muss die Fehler akzeptieren und sie betrauern. Aber man kann auch gute Dinge in der Geschichte finden. Warum sollte man nicht gleichzeitig über die Schreckenstaten und die Schönheiten der Vergangenheit sprechen können?

Das Gespräch führte Jutta Sommerbauer.

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