"Wir müssen die Sorgen nehmen"

Es ist schizophren: Man will, dass Flüchtlinge etwas leisten, und kürzt, wo sie entsprechende Bildungswege beschreiten können.

Viele Asylberechtigte warten sechs bis acht Wochen oder länger auf die Mindestsicherung oder die Familienbeihilfe. Diese Übergangsphase ist sehr heikel.

Interface Wien fördert die gesamtgesellschaftliche Integration von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Ziel ist die Verbesserung der Basis-und Schlüsselkompetenzen sowie Stärkung der Fähigkeit zur Partizipation.

DIE FURCHE: Gelder für Integrationsmaßnahmen werden zurückgefahren. Viele Organisationen im Erwachsenenbildungsbereich mussten bereits Leistungen kürzen. Welche Überlegungen stecken dahinter, welche Ziele verfolgt damit die Bundesregierung?

Susanne Schaidinger: Das AMS kürzt bereits Leistungen im Erwachsenenbildungsbereich, weil das Budget massiv gekürzt wird. Es ist schizophren: Man will, dass Flüchtlinge für die Gesellschaft etwas leisten, was diese Menschen übrigens auch unbedingt wollen. Man kürzt genau dort, wo sie entsprechende Bildungswege beschreiten und für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden können. Unter ihnen gibt es genug Menschen, die hochqualifiziert sind. Es braucht daher Anstrengungen, um sie in der entscheidenden Phase zu unterstützen.

DIE FURCHE: Hat die neue Regierung die Gangart gegenüber Flüchtlingen verschärft?

Schaidinger: Ich kann diese Frage so nicht beantworten: Die Asylzahlen und die Asylanträge sind rückläufig. Viele Einrichtungen schließen auch. Wir wissen derzeit noch nicht, was sich mit dem neuen Asyl-und Fremdenrechtspaket, das in Planung ist, ändern wird. Offen ist auch, wie die Mindestsicherung bundesweit aufgestellt wird, ob es Kürzungen geben wird. Natürlich auch, welches der Mindestsicherungsmodelle herangezogen wird: das Vorarlberger oder das oberösterreichische. Es wird im Moment viel geredet und auch viel Angst verbreitet.

DIE FURCHE: Viele Asylberechtigte müssen nach ihrem positiven Asylbescheid aus ihrer Unterkunft ausziehen, eine neue Bleibe finden, eine Arbeit suchen. Werden Sie dabei im "Regen" stehen gelassen oder unterstützt?

Schaidinger: Nein, im Regen stehen gelassen werden sie in Wien nicht. Es wird viel Geld in die Hand genommen, um sie zu unterstützen - die Situation ist hier wesentlich besser als in den Bundesländern. Viele NGOs betreiben mit Unterstützung des Fonds Soziales Wien (FSW) und der MA 17 (Integration und Diversität) Beratungsstellen beziehungsweise es werden ihnen auch Startwohnungen zur Verfügung gestellt. Vorrangig Familien, aber auch Paare werden hier über den FSW unterstützt. Beratungsstellen wie wir informieren und helfen ihnen etwa bei der Existenzsicherung und bei Wohnungsfragen weiter. Vor allem geht es um Information und Aufklärung, worauf sie beim Abschluss von Mietverträgen achten müssen, wie sie Wohnungen suchen können, wie sie unterstützt werden können.

DIE FURCHE: Wie unterstützt Interface Asylberechtigte?

Schaidinger: Unsere Organisation ist für alle in Wien gemeldeten Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten in den ersten drei Jahren nach deren Anerkennung zuständig und berät und begleitet vor allem die erste Phase nach der Anerkennung durch muttersprachliche Sozialberaterinnen und Sozialberater. Viele kämpfen auch alleine -oft mit Unterstützung von Ehrenamtlichen etwa aus Pfarren. Es ist unfassbar, was Asylberechtigte leisten, welches Potenzial in ihnen steckt.

DIE FURCHE: Ist ein positiver Asylbescheid ein wichtiger Baustein zur Integration in die Gesellschaft?

Schaidinger: Ja, das ist er ganz bestimmt; er ist die Voraussetzung, um mit einem Gefühl der Sicherheit an einer Zukunftsperspektive arbeiten zu können.

DIE FURCHE: Ist es für viele Migranten mit einem positiven Asylbescheid oft ein "Zurück zum Start", ein neuer Lebensabschnitt auf dem Weg zur Integration?

Schaidinger: Asylberechtigte kämpfen nach einem positiven Asylbescheid oft lange ums Überleben, müssen Deutsch lernen, sich integrieren. Diese Übergangsphase ist sehr prekär. Viele Asylberechtigte warten sechs bis acht Wochen oder länger auf die Mindestsicherung oder die Familienbeihilfe. Viele ziehen auch aus den Bundesländern nach Wien, kommen hier zuerst in Notunterkünften von Wohngemeinschaften unter, weil es in den Bundesländern nur wenige Integrationsangebote nach der Anerkennung gibt. Die Mindestsicherung können sie in Wien erst beantragen, wenn sie hier bereits gemeldet sind und wohnen. Ohne Mindestsicherung können sie sich weder eine Wohnung leisten noch eine Arbeit suchen. Viele stellen die Anträge selbst. Alle Anträge auf Unterstützungsleistungen, die sie benötigen, solange sie noch nicht selbst erwerbstätig sind, können erst eingebracht werden, wenn alle Unterlagen vollständig vorhanden sind. Diese Phase der existenziellen Unsicherheit sollte kürzer dauern. Damit würde man den Asylberechtigten die Sorgen nehmen und sie könnten sich unmittelbar auf den Spracherwerb, die Arbeitssuche und damit auf die Integration in die Gesellschaft konzentrieren.

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