Affen und Kühe  - © Foto: Terra Kelly, UC Davis

Corona: Watchlist für Viren

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Vorsorge gegen künftige Pandemien: Die neue App „SpillOver“ bewertet Viren und das Risiko ihrer Übertragung von Tier zu Mensch.

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Vorsorge gegen künftige Pandemien: Die neue App „SpillOver“ bewertet Viren und das Risiko ihrer Übertragung von Tier zu Mensch.

Was passieren kann, wenn neuartige Viren von Tieren auf Menschen überspringen, hat die Coronakrise drastisch vor Augen geführt. „Sars-CoV-2 ist nur ein Beispiel von tausenden Viren da draußen, die alle das Potenzial für eine solche Übertragung aus dem Tierreich haben“, sagt die Biologin Zoe Grange von der Universität von Kalifornien (UC), Davis. „Diese viralen Bedrohungen müssen nicht nur identifiziert, sondern auch bezüglich ihres Spillover-Risikos eingestuft werden – bevor eine weitere verheerende Pandemie losgetreten wird.“ Genau das soll die neue Web-App „SpillOver“ bewerkstelligen, die von ­Grange und Kollegen am One-Health-Institut der UC Davis entwickelt worden ist. Es handelt sich um eine Art „Watchlist“ für neu entdeckte Viren, die der Forschung und Politik die nötigen Grundlagen zur Risikoreduktion liefern soll.

In einer aktuellen Studie im Fachjournal PNAS haben die US-Forscher die wichtigsten Risikofaktoren für Pandemien identifiziert, nicht nur bei Viren und deren Wirten (Tiere, Menschen), sondern auch in der Umwelt. 887 Viren wurden so bewertet. Unter den Top-20-Gefahren findet sich ein weiteres neuartiges Coronavirus, vorläufig PREDICT_CoV-35 benannt. Das aktuell grassierende Coronavirus Sars-CoV-2 hält zwischen Lassa- und Ebolaviren „nur“ den zweiten Platz. Die Autoren erklären dies damit, dass die App nicht vergangene Ereignisse bewertet, sondern das künftige pandemische Potenzial. Und trotz intensiver Forschung seien wichtige Daten zu Corona noch unbekannt, etwa die Zahl der Wirtspezies.

Bisherige Mittel zur Risikobewertung waren durch die geringe Zahl der analysierten Viren eingeschränkt; zudem wurde nur ein minimaler Teil von Risikofaktoren in Betracht gezogen. „SpillOver“ hingegen orientiert sich am „One Health“-Ansatz, der die menschliche Gesundheit in Wechselwirkung mit sozialen und ökologischen Bedingungen betrachtet. Die neue Virus-App erfasst nun 32 Risikofaktoren und 25 Virenfamilien. Und sie ermöglicht erstmals eine Bewertung, die auf dem Open-Source-Modell der Wissenschaft basiert: Forscher aus aller Welt können fortlaufend dazu beitragen. Je mehr Daten eingespeist werden, desto aussagekräftiger wird das Ranking.

Als Vorbild für die App dienten Risikobewertungen von Banken oder Versicherungen. „‚SpillOver‘ soll einen globalen Austausch in die Wege leiten und eine wissenschaftliche Kooperation in Echtzeit ermöglichen, um neue Bedrohungen möglichst frühzeitig zu erkennen“, bemerkt Epidemiologin Jonna Mazet, die ebenso am Projekt beteiligt ist. Diese Zusammenarbeit über na­tionale und Fächergrenzen hinweg soll kritische Kontrollpunkte aufzeigen, an denen menschliche Verhaltensänderungen künftig womöglich enormen Schaden abwenden können.

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