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"Der Staat steht unter Zugzwang“

Für mich und meine Kolleginnen war diese Studienwahl keinesfalls kurios“, räumt Sabine Seidler auf Anfrage der FURCHE gleich einmal ein Klischee aus. Im Gegenteil: "Wir waren 40 Anfängerinnen und Anfänger und davon waren die Mehrzahl Frauen“, erzählt die Werkstofftechnikerin, die ihr Studium im Herbst 1979 an der Technischen Universität Merseburg in Angriff nahm. Ihr interdisziplinäres Interesse an Physik, Chemie und Mathematik wurde dabei "in idealer Weise“ gebunden, erzählt sie von den Anfängen, nach denen sie schließlich, über ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit in Merseburg, an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg und der Ruhr-Universität in Bochum, an die Technische Universität Wien kam. 1996 war das, Seidler war gerade 35 geworden.

Sie könne nicht bestätigen, dass Ingenieurinnen generell oder auch nur unter ihren wissenschaftlichen Kollegen schlecht akzeptiert sind: "Das mag in einzelnen Bereichen so sein, ich kann das aus meinen Erfahrungen aber nicht bestätigen.“ Wesentlich wichtiger sei in dieser Hinsicht die generelle Problematik, "die mit der Berufstätigkeit und der Karriere von Frauen zusammenhängt“. Immerhin: Seidler konnte in der - demnach vermeintlichen - Männerdomäne Technik und der - erwiesenen - Männerdomäne Universität trotz zweifacher Mutterschaft Karriere machen: 1996 als erste Professorin an der TU Wien. 2007 als erste Vizerektorin (für den Bereich Forschung), und nun als erste Rektorin der traditionsreichen Hochschule: Auf diesen Posten wurde sie am 4. März gewählt, und wird künftig, neben Sonja Hammerschmid von der Veterninärmedizinischen Universität, eine von zwei Rektorinnen an 21 Unis sein.

Eine "Quotenfrau“ sei sie keinesfalls, jedoch hat sie nichts gegen Quotenregelungen. Die seien eine "politische Notwendigkeit, die für Sensibilisierung sorgt, und damit die Geschwindigkeit des Umdenkens beeinflusst“. Die daraus abgeleitete, kritisierte "Quotenfrau“ sei jedoch eine Diskriminierung: "Ein Mann in einer Führungsposition wird nicht nach seinem Geschlecht, sondern nach seiner Leistung bewertet. Nichts anderes fordere ich für Frauen.“

Zu den seit Jahren laufenden, immer neuen Aktionen, mit denen naturwissenschaftliche und technische Studien für junge Männer und (insbesondere) Frauen schmackhaft gemacht werden sollen, meint Seidler: "Das Bild des Ingenieurs ist geprägt von Erfahrungen der Vergangenheit. Man stellt sich eine schwere und schmutzige Arbeit vor. Das hat aber wenig mit den modernen Ingenieurwissenschaften zu tun.“ Dieses hartnäckige Image sei weder für Frauen noch für Männer attraktiv, und an diesem Punkt könnten Universitäten ansetzen und erfolgreiche Aufklärungsarbeit leisten.

"Auf der anderen Seite gibt es in Österreich ein generelles Desinteresse an Technik bei jungen Menschen“, holt die 49-Jährige aus. "Aber nicht in der Anwendung, sondern in der Neugier, wie etwas funktioniert. Hier werden die Universitäten allein nichts ausrichten können - da muss man schon in den Schulen ansetzen.“ Als neue Rektorin der Wiener TU werde sie im Gegensatz zum baldigen Vorgänger Peter Skalicky keine neuen Studiengebühren fordern. Zur Finanzierung von Forschung und Lehre sieht sie auch weniger die Notwendigkeit, Drittmittel aus der Wirtschaft zu akquirieren, wie es die Politik in den letzten Jahren gerne empfohlen hat, nein: "Der Staat steht unter Zugzwang“, fordert Seidler die Regierung auf, die Hochschulen ordentlich zu dotieren.

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