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Feuilleton

Hommage an den großen Kleingeist

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Freud analysiert das Liebesleben von Gustav Mahler. Ob auch Mahlers Frau Alma davon profitiert? „Mahler auf der Couch“ versucht eine Antwort.

„Ich habe Mahler einen Nachmittag lang analysiert. Es war, wie wenn man einen einzigen tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde“, schrieb Sigmund Freud über seine Begegnung mit Gustav Mahler. Das historisch verbürgte Treffen der beiden österreichischen Geistesgrößen ist der Angelpunkt des Streifens „Mahler auf der Couch“, der diese Woche in die Kinos kommt. Auf diese Weise wird Mahler, einem der bedeutendsten Komponisten der Moderne sowie bedeutendem Reformer des Musiktheaters, im Jahr seines 150. Geburtstages eine hochkarätig besetzte filmische Hommage gewidmet. Wie nicht anders zu erwarten, steht die Beziehung zu seiner schillernden Frau im Mittelpunkt.

Mahler packt aus

Für den Komponisten bricht eine Welt zusammen, als er durch Zufall dahinterkommt, dass seine Frau Alma ein Verhältnis mit einem jungen Architekten namens Walter Gropius unterhält. Mahler kann nicht verstehen, warum seine fast 20 Jahre jüngere Gemahlin ihn, den gefeierten Weltstar, das große Musikgenie, hintergangen hat. In seiner Verzweiflung sucht er Sigmund Freud auf, der gerade mit seiner neuartigen Methode Furore macht. Und so landet Mahler bei Freud auf der berühmten Couch. Nach anfänglichen Widerständen offenbart sich der Komponist dem Vater der Psychoanalyse, und der Zuschauer wird in einer Reihe von Rückblenden Zeuge einer dramatischen Beziehungsgeschichte.

Der leider allzu oft in Nebenrollen versauernde Johannes Silberschneider hat als Gustav Mahler seinen großen Auftritt. Er zeichnet einen unsicheren, unbeholfenen Menschen, dessen musikalischer Genius in krassen Gegensatz zu seiner – vor allem aus heutiger Sicht – Kleingeistigkeit steht. Immerhin beginnt er im Laufe des Gesprächs mit Freud zu erkennen, dass es falsch war, seine hochbegabte Frau auf ihre Rolle als Muse, Sekretärin und Bettgenossin zu reduzieren und ihr eine eigene künstlerische Tätigkeit zu untersagen. Sigmund Freud wird von niemand Geringerem als von Karl Markovics verkörpert. Mit einem Hauch von Ironie gibt er einen ziemlich brummigen, mitunter aber auch beinahe schelmischen Psychiater, der sich seufzend auf seinen sich windenden Patienten einlässt. Wenn er die unvermeidliche Frage nach dem Sexualleben stellt, so muss nicht nur der Zuschauer, sondern auch Freud schmunzeln.

Geschrieben und in Szene gesetzt haben die Geschichte aus dem Wien um 1900 Percy Adlon („Out of Rosenheim“) und sein Sohn Felix Adlon. Die oft überbelichteten Bilder erzeugen eine seltsam irreale Atmosphäre. Dass sie mehr für das Fernsehen als für die große Leinwand gemacht scheinen, ist kein Problem. Schließlich wird „Mahler auf der Couch“, wenn er irgendwann einmal auf arte läuft, wohl im Fernsehen mehr Zuschauer finden als jetzt in den Kinos.

Alma im Rampenlicht

Auch dass in einem Film über Gustav Mahler in Wahrheit seine Frau im Mittelpunkt steht, kann man den Filmemachern nicht vorwerfen. Ein Patriarch alter Schule, der erkennen muss, dass sein Frauenbild überholt ist, mag eine durchaus interessante Figur sein. Doch eine Frau, die zerrissen ist zwischen dem Dienst an einem Genie und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen, ist nun einmal die heute weitaus spannendere Figur. Dabei bleibt die spätere Biografie (Ehefrau von Walter Gropius und Franz Werfel, Geliebte Oskar Kokoschkas, Gastgeberin künstlerischer Salons) gänzlich ausgespart. Obwohl Alma-Darstellerin Barbara Romaner und die Adlons die Figur so zurückhaltend wie möglich anlegen – so wird sie dankenswerterweise nicht als Femme fatale gezeichnet – reißt die Komponistengattin den Film förmlich an sich.

Die mühevolle Besteigung eines gewaltigen Bergmassivs: Diese Metapher steht am Ende dafür, wie Gustav und Alma Mahler ihre Beziehung neu verhandeln und auf eine neue Basis stellen. Wie dieser Gang auf einem steinigen Weg, dieses Ringen um neuen Halt nun im Detail abläuft, bleibt der Fantasie des Zusehers überlassen. Auf welche Weise sich Mahlers späte Läuterung zum Frauenversteher konkret gestaltet, bleibt dem Zuseher ebenso verborgen wie Mahlers Wesen dem echten Freud, als er damals seinen prominenten Patienten einer Schnellanalyse unterzog: „Auf die symptomatische Fassade seiner Zwangsneurose fiel kein Licht.“

Mahler auf der Couch

A/D 2010. Regie: Percy und Felix Adlon. Mit Johannes Silberschneider, Karl Markovics, Barbara Romaner,

Eva Mattes. Verleih: EMW. 105 Min.