Mahler, der neue Prometheus

Ein doppeltes Mahler-Jahr steht bevor: Am 7. Juli 2010 werden es 150 Jahre, dass Gustav Mahler in Kalischt geboren wurde, am 18. Mai 2011 ist Mahlers 100. Todestag.

Michael Gielen bringt es auf den Punkt: Dirigenten setzen deswegen so gerne Werke von Mahler auf ihre Programme, weil man damit auf jeden Fall Erfolg hat. Das war nicht immer so. Noch in den 1950er Jahren gab es Wissenschaftler, die meinten, Mahler sei 1911 verstorben, „und zwar für immer“. Mahler selbst war stets davon überzeugt, dass seine Zeit erst kommen werde. Und er hat recht behalten.

Denn nach und nach wurde die Abneigung gegen ihn und sein Werk nachgerade durch eine Euphorie abgelöst, die einige Zeit in der Frage gipfelte: Bruckner oder Mahler? Kurzzeitig hatte Mahler Bruckner verdrängt. Heute stellt sich dieses Thema nicht mehr, beide haben ihren Platz im internationalen Konzertleben. Trotzdem meiden weiterhin manche Interpreten Mahler. Schon Furtwängler oder Böhm, um zwei Beispiele der jüngeren Vergangenheit zu nennen, interessierten sich nur für den einen oder anderen Orchesterlieder-Zyklus. Auch im Repertoire von Nikolaus Harnoncourt hat Mahler bis heute keinen Platz. Er dirigiere lieber das Original, lässt er dazu wissen.

Spät einsetzende Forschung

„Gustav Mahler oder Der Zeitgenosse der Zukunft“ betitelte der bedeutende österreichische Musiksoziologe Kurt Blaukopf seine Ende der 1960er Jahre erstmals veröffentlichte Mahler-Biografie, bis heute ein Standardwerk. Mehr als drei Dezennien hatte er sich auf diese Arbeit vorbereitet, kam dabei aus dem Staunen nicht heraus. Ein halbes Jahrhundert nach Mahlers Tod steckte die Forschung noch in den Kinderschuhen. Trotz mehrerer Biografien und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen waren zahlreiche Quellen unbekannt oder ungenützt.

Lücken klafften nicht nur im Lebenslauf, dürftig war auch die Diskografie. Anfang der 1950er Jahre waren nur vier Mahler-Einspielungen allgemein erhältlich. Das besserte sich erst mit dem Aufkommen der Stereophonie, einer idealen Technik, um den Raumklang der Werke Mahlers entsprechend zur Geltung zu bringen. Längst kann man unter einer Vielzahl von Gesamteinspielungen wählen und zahlreiche Interpretationsvergleiche unter Dirigenten wie Leonard Bernstein, Rafael Kubelik, Sir Georg Solti, Claudio Abbado, Bernard Haitink, Riccardo Chailly, Michael Gielen oder Pierre Boulez anstellen.

„Es ist kein Zweifel mehr: Mahler ist der Komponist unserer Zeit. Not, Elend, alle Unerträglichkeiten einer widerlichen Wirklichkeit haben das metaphysische Bedürfnis in ungeahntem Maße gesteigert, drängen von dem Grauen des Tages fort zu den Einsamkeiten des großen Pan“, liest man in einer Kritik von 1920. Einer Zeit, die wegen der wirtschaftlichen Wirrnisse zuweilen mit der Gegenwart verglichen wird. Damals führte Oskar Fried, den die folgenden politischen Ereignisse zur Emigration in die Sowjetunion zwangen, mit Ausnahme der Achten sämtliche Mahler-Symphonien in Wien auf. Vorbild dafür war das gerade 25 Jahre alt gewordene Concertgebouw Orchester Amsterdam und sein Chefdirigent Willem Mengelberg. Sie feierten dieses Jubiläum mit einem Mahler-Fest, bei dem sämtliche Orchesterwerke Mahlers zur Aufführung gelangten.

In Wien waren sämtliche Mahler-Symphonien letzte Saison im Musikverein zu hören. Daniel Barenboim und Pierre Boulez, die damit zuvor in Berlin reüssierten und später in New York begeisterten, teilten sich diese Aufgabe an der Spitze der Staatskapelle Berlin. Mit Mahlers Fünfter beginnen im Mai im Musikverein die Konzerte anlässlich der Wiener Festwochen. Daniele Gatti dirigiert die Wiener Philharmoniker, für die Mahler erst durch die beiden Symphonien-Zyklen unter Bernstein ab den 1960er Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Trotz so mancher früherer Mahler-Sternstunde, denkt man etwa an jenen in der CD-Box „150 Jahre Wiener Philharmoniker“ enthaltenen Mitschnitt der Vierten anlässlich Mahlers 100. Geburtstags unter Bruno Walter. Er stand dabei, im November 1955, ein letztes Mal am Pult des Orchesters.

Mahler ist mittlerweile so selbstverständlich im internationalen Musikgeschehen geworden, dass man Aufführungen seiner Werke nicht mehr ausdrücklich avisieren muss. Unübersehbar sind längst auch die wissenschaftlichen Publikationen zu diesem Thema. Trotz so umfangreicher Arbeiten wie der mehrbändigen Mahler-Biografie von Henry-Louis de La Grange reißt auch dieser Strom nicht ab. Für kommenden März etwa wird neben zu erwarteten Reprints so mancher klassischen Mahler-Biografie ein von Bernd Sponheuer und Wolfram Steinbeck herausgegebenes Mahler-Handbuch angekündigt.

Erfolge in der Neuen Welt

Im März 2010 öffnet auch die Mahler-Schau im Österreichischen Theatermuseum ihre Pforten. „Gustav Mahler und Wien“ (11. März bis 3. Oktober) wird in drei, von einem Präludium und Postludium umrahmten Sätzen die einzelnen Lebensstationen Mahlers beleuchten: seine Tätigkeit als Hofoperndirektor, seine Erfolge in der Neuen Welt, die Rezeption nach seinem Tod, sein schillerndes Privatleben. Nicht zu vergessen: seine Musik.

„Er spricht Dinge in der Musik an, die im Menschen nicht nur das Gute wecken, sondern Situationen oder psychologische Momente aufzeigen, die einen daran erinnern, dass man nicht immer ein Engel sein kann, dass man manchmal auch ein Teufel ist. Das ist ein Wagnis, das nicht immer verstanden wird“, charakterisierte Rafael Kubelik, der langjährige Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, der mit diesem Orchester auch eine der ersten stereophonen Einspielungen der Mahler-Symphonien vorgelegt hat, das Spezifische von Mahlers Œuvre. Und mit Blick auf einen anderen musikalischen Regenten des Jahres 2010, den vor 240 Jahren geborenen Ludwig van Beethoven, resümierte er: „Beethoven bezeichnet man immer als Prometheus, er wollte den Menschen den Himmel bringen. Für die Zukunft sehe ich in Mahlers Werken diese Mission.“ Mahler, der neue Prometheus.

Gustav Mahler und Wien

11. März bis 3. Oktober 2010

Theatermuseum

1010, Lobkowitzplatz 2

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