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Mahler am Wörthersee

Empathische Notizen eines Kärntner Autors von einer Parkbank am Ufer des Wörthersees – und über den Versuch, eine Einspielung von Mahlers Sechster Symphonie zu erwerben.

Eine Villa, wie sich Gustav Mahler am schattigen und steil abfallenden Südufer zur vorletzten Jahrhundertwende eine erbauen lassen hat, werde ich mir wohl nie leisten können. Aber hätte ich einen Operngucker bei mir in meinem Büro, also meiner Parkbank am gegenüberliegenden Nordufer des Wörthersees, ich könnte von hier aus problemlos durch die Schlafzimmerfenster des Operndirektors schauen. Der Hofoperntheaterdirektor, Kapellmeister und Symphoniekomponist Gustav Mahler hat in dieser Villa direkt am Wasser gemeinsam mit seiner Familie die Sommer zwischen 1901 und 1907 verbracht. Im Wald oberhalb der Villa hatte Mahler noch eine vom Ufer aus unsichtbare, ganz versteckte kleine Hütte, sein Komponierhäusl: Hier kletterte er jeden Tag frühmorgens durch das unwegsame Gelände von der Villa herauf, um in größter Stille und Einsamkeit zu komponieren. Der Sommer war schließlich die einzige Zeit im Jahr, wo Mahler Gelegenheit zu seiner eigentlichen schöpferischen Arbeit hatte.

„glueckliche ankunft tausend gruesse“

Nur in einem Jahr, 1904, reiste Gustav Mahler alleine an den Wörthersee voraus und ließ seine Frau Alma in Wien zurück, die eben erst Mahlers zweite Tochter Anna geboren hatte. So sitze ich fast an jedem schönen Tag in meinem Büro am Friedelstrand, schaue auf die Mahlervilla hin und lese in Mahlers Briefen an Alma, angefangen mit dem in Klagenfurt am 22. Juni 1904 aufgegebenen Telegramm: „glueckliche ankunft tausend gruesse gustav.“ Mahler hatte zunächst im Cafe Schieder gefrühstückt, sich die Haare schneiden lassen und war dann per pedes den drei Kilometer langen Weg den Lendkanal entlang von Klagenfurt nach Loretto gegangen. Dort erwartete ihn der Hausmeister Anton, der ihn mit dem Kahn übersetzte. Die ganze Ruderstrecke überblicke ich hier von meinem Freiluftbüro aus und muss dazu nicht einmal den Kopf bewegen.

Bei Gustav Mahler dürfte das Komponieren nach der Ankunft in Maiernigg diesmal ein wenig ins Stocken geraten sein, und so plante er zunächst einen Spielplatz für seine Kinder: „Der Platz, den wir aus dem Gedächtniß gewählt haben, ist ja viel zu klein, da könnte sich die Putzi (Mahlers ältere, zweijährige Tochter Maria; Anm.) ja kaum umdrehen. Dagegen wäre unten ein Platz, wie geschaffen dazu. Ich laße ihn vollständig eingittern und feinen Sand aufstreuen. Da haben die Kinder für Jahre hinaus ein Platzl, wo sie sich ein wenig unter Aufsicht tummeln können. Schlangen können oben ebenso gut hin wie hier unten; und ohne Aufsicht dürfen die Kinder ja ohnehin nie sein. (Abgesehen davon, dass alle Wasserschlangen nicht giftig sind, und giftige Thiere nur an besonders heißen und trockenen Stellen vorkommen. Frage jeden Arzt.) Jetzt hat es eben zu hageln und wettern aufgehört, und ich will schauen, dass dieser Brief noch heute abgeht. Tausend Grüße und Küsse von Deinem Gustav.“

Wie gut kann ich mich in den immer besorgten, manchmal vielleicht übervorsichtigen oder gar panischen Vater hineindenken! Ich ertrage es ja schon nicht, meine Kinder allein in Nähe eines Fensters oder eines Balkons zu sehen! Und es ist noch keine vierzehn Tage her, dass ich selbst die Plastiksäcke mit frischem Sand für meine kleinere Tochter vom Baumarkt zur Sandkiste geschleppt und hineingeschüttet habe, damit sie für ihre Puppen Kuchen backen kann! Und damit sie nicht ewig fernsieht. Und wie leicht kommen mir, der ich mit zunehmendem Alter leider immer mehr zur Rührseligkeit neige, die Tränen, wenn ich an das schnelle, schlimme Ende der Geschichte denke. Denn ich weiß ja und kann es nicht ändern, dass die kleine Putzi in nur drei Jahren, ihr treusorgender Papa in knapp sieben Jahren tot und gemeinsam am Friedhof Grinzing begraben sein werden. Vater und Tochter haben gemeinsam nicht einmal eine Lebenszeit gelebt!

Wie ich so seine Briefe studierend dasitze und über den See in die Mahlervilla hineinschaue, stelle ich mir vor, dass, während ich das tue, Mahlers 6. Symphonie über dem Wörthersee erschallt, die er im Jahr 1904 hier im Wald im Komponierhäusl vollendet hat. „Der Sommer war schön, konfliktlos, glücklich“, schreibt Alma in ihren Erinnerungen. „Am Ende der Ferien spielte mir Mahler die nun vollendete Sechste Symphonie vor. Ich musste mich im Hause von allem frei machen, viel Zeit für ihn haben. Wir gingen wieder Arm in Arm in sein Waldhäuschen hinauf, wo wir mitten im Walde ohne Störung waren. […] Im dritten Satz schildert Mahler das arhythmische Spielen der beiden kleinen Kinder, die torkelnd durch den Sand laufen. Schauerlich – diese Kinderstimmen werden immer tragischer, und zum Schluß wimmert ein verlöschendes Stimmchen. Im letzten Satz beschreibt er sich und seinen Untergang oder, wie er später sagte, den seines Helden. Der Held, der drei Schicksalsschläge bekommt, von denen ihn der dritte fällt, wie einen Baum! Dies Mahlers Worte. Kein Werk ist ihm so unmittelbar aus dem Herzen geflossen wie dieses. Wir weinten damals beide. Die Sechste ist Mahlers allerpersönlichstes Werk und ein prophetisches obendrein. […] Auch er bekam drei Schicksalsschläge, und der dritte fällte ihn.“

Späte Rache der Kärntner?

So bestieg ich mein Rad und fuhr des großen Werkes wegen ans andere Ende der Stadt zum Mediamarkt und stöberte in der gigantischen CD-Abteilung in der auch nicht kleinen Unterabteilung Klassik. Vom Maiernigger Gustav Mahler war da aber nicht ein Stück zu finden – weder die Symphonie Nr. 6 („Tragische“), noch eine der übrigen Symphonien, noch die Kindertotenlieder, noch das Lied von der Erde, noch sonst etwas. Gar nichts. Also erkundigte ich mich an der Informationstheke. Das Fräulein mit den roten Haarsträhnen und dem orangen Pullover, auf dem Cuba 07 stand, begab sich gleich zu ihrem Computer, tippte etwas in die Tastatur und fragte, ohne mich überhaupt anzusehen, ob man den mit Doppel-l schreibt. Ganz offenbar hatte das Fräulein von der Mediamarkt-Musikabteilung den Namen Gustav Mahler zum ersten Mal in ihrem Leben gehört, und einen Mann, der etwas von Kindertotenliedern faselt, hielt sie sicher für einen Perversen, allenfalls für einen Rammstein-Freak. Jedenfalls interpretierte ich so ihren Gesichtsausdruck. Auch von diesem Mahler mit h zeigte der Computer an Beständen: 0. Das also war die – kollektiv unbewusste und desto brutalere – Rache des „stupidesten Menschenschlags Europas“ für seine Beschreibung vom 25. Juni 1904, dachte ich im Mediamarkt hundert Jahre danach, sagte aber nichts und tat, als ob nichts wäre, weil das Fräulein von der Musikabteilung wohl nicht verstanden hätte, wovon ich überhaupt spreche.

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