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Welche Sprache im Gottesdienst?

Solange alles auf Latein war, gab es wenig Probleme: Liturgie in einer fremden Sprache zu feiern, benötigt kein Mühen um die rechte Sprache im Gottesdienst. Für die katholische Kirche war die Liturgiereform nach dem II. Vatikanum zwar ein Aufnehmen vorhandener liturgischer Erneuerungsversuche. Der seit Mitte der 1960er Jahre weltweit flächendeckend abrupt einsetzende Gebrauch der jeweils eigenen Sprache auch für die Liturgie war aber doch eine Zäsur.

Dabei stellte sich die Frage nach angemessener Liturgiesprache neu und brennend: Verständlich sollte das Sprechen im Gottesdienst sein, aber auch wieder keine banale Alltagssprache. Und die Probleme der Hermeneutik, also des rechten Verstehens, sind bekanntlich jeder Übersetzung in eine andere Sprache immanent. Die Auseinandersetzung darum durchzieht die Diskussion um die katholische Liturgiesprache seit 50 Jahren - sie ist facettenreich und - wie so oft - auch eine Machtfrage. Im englischsprachigen Raum gab es eine lange Diskussion um die Neuübersetzung der liturgischen Texte. Von Seiten Roms und dem konservativen Kirchenflügel wurde dabei eine wortgetreuere Übersetzung durchgesetzt, welche die seit dem Konzil üblichen sprachlich verständlicheren Formen ersetzte. So antwortet die Gemeinde nun auf die Gebetseinladung des Priesters "The Lord be with you“ nicht mehr mit dem verständlichen, aber sprachlich ebenfalls korrekten "And also with you“, sondern mit dem wortwörtlich übersetzten "And with your spirit“. Trotz großer Proteste, die Verständlichkeit der Texte sei dahin, wurde die Neuübersetzung Ende 2011 verbindlich in Kraft gesetzt.

Papst dekretiert ein einzelnes Wort

Im deutschsprachigen Raum ist Analoges im Gang, noch sind die endgültigen Textfassungen nicht öffentlich bekannt. Einen Vorgeschmack darauf bildete die Diskussion ums "Pro multis“ im Eucharistischen Hochgebet, das bislang - nicht wörtlich, aber theologisch argumentiert - mit "für alle“, für die Christus das Blut vergossen hat, übersetzt wurde. Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich dekretierte jedoch 2012, dass die Übersetzung "für viele“ zu lauten habe.

Die zitierten Vorgänge sind alles andere als ermutigend: Liturgische Sprache bedarf der Rückbindung an den ursprünglichen Text und dessen Übertragung ins Verstehen der Zeit. Wird das von oben dekretiert (oder sogar ein einziges Wort per päpstlichem Erlass fixiert), wird aus dem lebendigen Korpus der Sprache ein in Stein gemeißeltes Gesetz. Aber gerade das Verstehen von Sprache ist mit an Paragrafen gemahnenden Vorschriften nicht zu erreichen.

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