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Wurzeln in der gleichen Tradition

1945 1960 1980 2000 2020

Vergleichbare Situation: Auch die evangelische Liturgie wurde reformiert. Im Gottesdienstverständnis sind Katholiken und Protestanten einander schon sehr nahe.

1945 1960 1980 2000 2020

Vergleichbare Situation: Auch die evangelische Liturgie wurde reformiert. Im Gottesdienstverständnis sind Katholiken und Protestanten einander schon sehr nahe.

Daß der evangelische Gottesdienst und die katholische Messe in der gleichen abendländischen Liturgietradition verwurzelt sind, kam vielen Christen erst zum Bewußtsein, als die katholische Liturgiereform in den sechziger Jahren die Muttersprache einführte und den bis dahin still gebeteten Kanon hörbar machte. Aus welcher Kirche ein Rundfunkgottesdienst übertragen wurde, war oft erst im Verlauf der Sendung erkennbar, meist an unwichtigen Einzelheiten.

Die Situation des Gottesdienstes ist durchaus vergleichbar. Die Bemühungen um seine Erneuerung zeigen deutliche Parallelen. Beiden Kirchen war die sonntägliche Kommunion lange schon verloren gegangen - wegen der besonderen Vorbereitung und entsprechender Furcht vor unwürdigem Empfang des Sakraments. Nur reagierten sie verschieden: In der evangelischen Kirche kann das Abendmahl ohne Kommunikanten nicht gefeiert werden. Die katholische Messe wurde auch ohne Kommunikanten gehalten, die katholische Kirche gewann jedoch die kommunizierende Gemeinde seit Anfang des Jahrhunderts zunehmend zurück.

Abendmahlsbewegung Im evangelischen Gottesdienst führte die Besinnung auf die im reformatorischen Bekenntnis verankerte Einheit von Wort und Sakrament nach dem II. Weltkrieg zum raschen Abbau des in der Aufklärung aufgekommenen und mit der gemeinsamen Beichte verbundenen separaten Abendmahls im Anschluß an den Predigtgottesdienst. Zugleich wurde das Herrenmahl immer mehr in den sonntäglichen Hauptgottesdienst integriert. Es entstand geradezu eine "Abendmahlsbewegung". So wurde die Eucharistie auch in der evangelischen Kirche zunehmend Mitte des gemeindlichen Lebens.

Zum 1. Advent 1999 hat der größte Teil des deutschen Protestantismus ein neues "Evangelisches Gottesdienstbuch" bekommen, das auch die Evangelische Kirche A.B. in Österreich übernimmt. Es ist das Ergebnis einer nach dem letzten Krieg begonnenen umfassenden Liturgiereform, deren Verlauf die rasche Veränderung der Situation dokumentiert.

In der ersten Phase wurde die zum Teil neuprotestantisch geprägte liturgische Vielfalt zu ordnen gesucht unter Rückgriff auf die Reformation und deren Bindung an westliche Tradition und Alte Kirche sowie mit erster ökumenischer Öffnung. Vom vierbändigen Liturgiewerk stieß die "Agende I für den Hauptgottesdienst mit Predigt und heiligem Abendmahl" (1955/59) jedoch bald auf Kritik und machte seit den sechziger Jahren eine weitere Reform notwendig.

Die zweite Phase leitete die Denkschrift der Lutherischen Liturgischen Konferenz Deutschlands "Versammelte Gemeinde. Struktur und Elemente des Gottesdienstes" (1974) ein, die zunächst Verständnis- und Erschließungshilfen zum flexibleren Gebrauch der geltenden Agenden anbieten wollte. Die Zuordnung von bleibender Grundstruktur (in den fünf Elementen: Eröffnung - Anrufung - Verkündigung und Bekenntnis - Abendmahl - Sendung) und variablen Ausformungsvarianten vermittelt. Mit diesem Konzept wurde (1980-98) das Evangelische Gottesdienstbuch erarbeitet. Es enthält zwei Grundformen, die in den lutherischen Kirchen herkömmliche Messe und den - jedoch um das Abendmahl erweiterte - oberdeutschen und reformierten Predigtgottesdienst, der in diesem Bereich seit dem späten Mittelalter gebräuchlich war, also keine Erfindung des 16. Jahrhunderts ist.

Für dieses Gottesdienstbuch gelten sieben Kriterien: (1) Beteiligung der Gemeinde, (2) stabile Grundstruktur und variable Ausformungen, (3) gleichrangige Texte aus Tradition und Innovation, (4) Einbeziehung ökumenischer Spiritualität, (5) inklusive Sprache, (6) ganzheitliches, leibhaftes und sinnliches liturgisches Handeln und (7) Verbindung mit Israel als dem ersten Gottesvolk.

Gegenüber dem Vorentwurf von 1990 hat sich das Gottesdienstbuch 1999 merklich verändert. Zum einen bewirkte das konservative Luthertum eine gewisse Rücknahme der ökumenischen Öffnung. Das kommt in Auswahl und Formgebung der immerhin zwölf Eucharistiegebete zum Ausdruck: Das Wort Gottes ist das Wichtigste, die Mitwirkung des Menschen bleibt suspekt. Zum anderen hat sich die Sprache der Gebete unter dem Einfluß des Feminismus verändert. Vater, Herr, allmächtig, herrschen kommt nur noch selten vor, die Gottesanrede greift auf die allerdings nicht sehr ergiebige biblische Bildsprache zurück.

Es gibt aber auch andere evangelische Kirchen, die im gleichen Zeitraum neue Gottesdienstordnungen geschaffen haben, meist unbefangener in der Aufnahme ökumenischer Texte und der Ergebnisse der inzwischen interkonfessionellen Liturgieforschung.

Liturgie - ökumenisch Die Entwicklung der evangelischen Liturgie ist in den letzten Jahrzehnten intensiv vom ökumenischen Aufbruch bestimmt worden. Die Genfer ökumenische Bewegung hat sich von Anfang an mit dem Gottesdienst befaßt und 1982 in Lima die Konvergenzerklärung zur Eucharistie verabschiedet, mitgetragen von den vom Vatikan in die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates entsandten katholischen Mitgliedern: Die Eucharistie ist Gottes Gabe an uns, die sich in Danksagung, Christus-Gedächtnis, Anrufung des Heiligen Geistes über Gaben und Gemeinde, geschenkter Gemeinschaft und Vorgeschmack der kommenden Vollendung des Gottesreiches entfaltet. Sieht man von der noch ungelösten Frage des Priesteramtes ab, kann von einem kirchentrennenden Unterschied im Gottesdienstverständnis zwischen den abendländischen Kirchen nicht mehr die Rede sein. Auch in der Liturgiewissenschaft der verschiedenen Kirchen besteht längst eine enge Kooperation und Übereinstimmung in allen wesentlichen Fragen.

Innerhalb dieses Konsenses bleibt aber eine Spannung zwischen den herkömmlichen westlichen Ansätzen einer "dogmatischen" und einer "liberalen" Liturgiekonzeption bestehen, die sich als fruchtbar erweisen kann, wenn Glaubenslehre und Erfahrung sowie Erlösung durch Christus und menschliche Bedingungen zusammen gesehen werden. Die eigentlichen Probleme liegen nicht in der liturgischen Form begründet, sondern in der Verkündigungsqualität und Überzeugungskraft der Liturgie, die als Feier des Glaubens und Haus der Gnade den heutigen Menschen plausibel und für ihr alltägliches Leben wichtig werden muß. Das ist vordringliche Aufgabe der Kirchen.

Zuletzt mögen zwei besondere Probleme evangelischer Liturgiegestaltung genannt werden: Seltsamerweise geht die Praxis mit den Schriftlesungen meist sparsamer um als die katholische Messe. Die Verkündigung durch Liturgie und Lesungen ist noch nicht genügend erkannt und die Predigt zu wenig als Teil der Liturgie gewertet. Und dann hat sich die Einsicht noch nicht recht durchgesetzt, daß das Dankgebet über den Gaben und nicht die isolierten Einsetzungsworte die Gabe der Eucharistie realisiert.

Der Autor, emeritierter Professor für Praktische Theologie in Wien, ist einer der führenden evangelischen Liturgiewissenschaftler und war maßgeblich an der Reform der evangelischen Gottesdienstordnungen im deutschen Sprachraum beteiligt.

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