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Ermutigende Bilanz: Die Liturgiereform des II. Vatikanums war ein großer Schritt. Nach dem Rausch des Anfangs greift die Festigung des Gewonnenen.

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Ermutigende Bilanz: Die Liturgiereform des II. Vatikanums war ein großer Schritt. Nach dem Rausch des Anfangs greift die Festigung des Gewonnenen.

Die Kirchen sind leerer geworden in den letzten Jahrzehnten. Der Grund liege in der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils, wird manchmal in Kreisen behauptet, die sich dieser Reform standhaft widersetzen. Der Verlust des Heiligen, die Banalisierung und Geschwätzigkeit, oder, wie der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner sagt, der Wortdurchfall, hätten die Menschen scharenweise aus den Kirchen vertrieben. Wer genauer hinsieht, erkennt leicht, welchem Gegenwind, welcher Konkurrenz und auch welchen Einflüssen die Kirche und insbesondere ihre Liturgie in diesen Zeiten ausgesetzt war. Machbarkeitswahn, die generelle Emanzipation gegenüber traditionellen Autoritäten, das Verlangen nach Selbstverwirklichung, die Individualisierung, der Einfluß der Massenmedien mögen als Stichworte genügen. Angesichts dieser Entwicklungen muß heute die Frage lauten: Was wäre aus der Kirche und ihrer Liturgie geworden, wenn es die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht gegeben hätte? Ein paar Erinnerungen seien erlaubt.

Die Liturgiereform fiel Anfang der sechziger Jahre nicht vom Himmel, sondern war die Folge eines langen Reformstaus. Mutige Männer wie Pius Parsch in Klosterneuburg hatten längst begonnen, Liturgie in einer Form zu feiern, die ihrem Ursprung und ihrem Wesen mehr entsprach als die zur Karikatur ihrer selbst gewordene, zentralistisch als für alle Zeiten unveränderbar verordnete Form des sogenannten tridentinischen Meßbuches.

Die Älteren werden sich noch erinnern, wie das eine Gedächtnismahl des Herrn zeitgleich an mehreren Altären gefeiert wurde, in mancher Woche fast nur in schwarzer Farbe, als Preisgeld zur Auslösung Armer Seelen aus dem Fegefeuer, vom Priester mit dem Rücken zur Gemeinde "gelesen", während die Gläubigen verschiedenste Andachten verrichteten oder von einem "Vorbeter" mit einer Übersetzung der vom Priester still gelesenen Texte versorgt wurden. Von Herzen begeisterten sich die Konzilsväter für die Vision eines Gottesdienstes, in dem die Gemeinde dem Zuruf des Priesters direkt antworten, das von ihm verkündete Wort Gottes verstehen und seinem Gebet in ihrem Namen zustimmen sollte.

Wie ein Sturmwind Die Würde des gemeinsamen Priestertums aller Getauften war die theologische Grundlage und die "tätige Teilnahme" aller das Leitprinzip für eine neue Praxis. Auch das Tun der Laien "galt" nun, war Liturgie und nicht mehr nur Begleitmusik. Es reichte, wenn ein Lektor - bald auch eine Lektorin - die Lesung las; der Priester hörte zu und brauchte sie nicht mehr wie früher selbst gegen eine Wand zu lesen. Ob Gemeinde oder Chor das Kyrie, Gloria und Sanctus sangen, der Priester konnte einstimmen, ohne selbst den ganzen Text noch einmal zu sprechen.

Die Volkssprachen wurden zu Liturgiesprachen, zur Muttersprache der hörenden und betenden Kirche - eine Chance, daß neben dem Vaterunser auch das liturgische Gebet zum "Kanon", zur Regel, des Gebets der Gläubigen werden kann.

Die Väter des Konzils ließen den "Tisch des Wortes" reicher decken. Anstelle der ständig wiederholten Lesungen zum Gedächtnis von Märtyrern, Bekennern und Jungfrauen sollte der ganze Reichtum der Bibel den Gläubigen verkündet werden.

Wie ein Sturmwind fegte der neue Geist durch die Kirche und wirbelte nicht nur in Gelehrtenstuben, wo Fachleute an der Erneuerung der liturgischen Bücher arbeiteten, Papiere auf. Der Klerus wurde von dem Wind erfaßt und begann, im eigenen Bereich zu reformieren und erneuern - gemäß den neuen Dokumenten und Büchern und darüber hinaus. Altäre wurden um- oder neu aufgestellt. Klar war: Die volkssprachliche Feier erforderte mehr Vorbereitung, als daß der Priester die Texte genau las und die Gesten exakt vollzog. Zuständigkeiten wurden neu festgelegt: von der Neuordnung der liturgischen Bücher durch die Bischöfe in Übereinstimmung mit Rom bis zur Verantwortlichkeit des einzelnen Priesters oder eines Beauftragten am Ort. Liturgie-Vorbereitungsgruppen gaben der in Büchern "vorgeschriebenen" Liturgie in der konkreten Situation und Gemeinschaft ihre Gestalt.

Konsequent zur Einführung der Volkssprachen folgten Dokumente zu weitergehenden Anpassungen, insbesondere für Meßfeiern mit kleinen Gemeinschaften und mit Kindern. Ungezählte Eltern und Menschen in pädagogischen Berufen tragen seither zu einem lebendigen Gottesdienst und zur Einführung von Kindern in ihn bei - eine neue liturgische Bewegung.

Heute sind erste vorsichtige Einschätzungen der Langzeitwirkung der Reform möglich. Dem Rausch des Anfangs und seinen allzu schnellen Lösungen folgt inzwischen in kleineren Schritten ein tieferes Verständnis des Gewonnenen und seine Festigung. Die zu ihrer Zeit verständliche Wortüberflutung macht einer Liturgie als einem Spiel mit allen Sinnen Platz.

Zwei Bereiche mögen die Entwicklung beleuchten: Musik und Raum. Bezüglich der Musik verweigerten sich zu Beginn der Reformen einflußreiche Personen massiv mit dem Argument eines drohenden Kulturverlustes. Die der neuen Liturgie entsprechende "Gebrauchsmusik" erfuhr von diesen Kreisen Ablehnung bis Verachtung. Seit den achtziger Jahren ergreifen Komponisten und Musiker zunehmend die Chancen einer Kirchenmusik, die sich nicht mehr nur als Dekor, sondern als authentischer Teil der Liturgie verstehen darf, und tragen mit Phantasie und Virtuosität dazu bei, daß aus einem unverdaulichen Wort-Brei eine differenzierte Klangrede wird.

Hinsichtlich des Raumes und seiner Ausstattung wurde schnell gehandelt: "Volksaltäre", in Ästhetik und Material oft weit unter dem Niveau eines Familientisches, standen plötzlich da, und etwas wie ein Bildersturm fegte nicht nur unerträglich Gewordenes hinweg. Der Verweigerung auf musikalischem Gebiet entsprach hier unerleuchteter Eifer. Seit geraumer Zeit aber kehren nicht nur Heilige auf ihre angestammten Sockel zurück. Vor allem werden Überlegungen und Versuche zu neuen Raumkonzepten angestellt, damit die Eucharistie nicht mehr wie auf einer Bühne oder hinter einer Theke gefeiert wird, sondern der Herr sichtbar in der Mitte der Versammlung gegenwärtig werden kann.

Vertiefung & Festigung Ähnliche Trends sind zu beobachten, wenn in Familiengottesdiensten Kinder verstärkt in das Geschehen selbst einbezogen werden, statt sie mehr oder weniger passende Spiele aufführen zu lassen, oder wenn bei Revisionsarbeiten an liturgischen Büchern mit einem neuen Interesse nach der vollen und genauen Bedeutung der altehrwürdigen Texte gefragt wird.

Deutlich sichtbar folgt dem Rausch des Anfangs und seinen zum Teil allzu schnellen Lösungen nunmehr die Vertiefung und Festigung des Gewonnenen. Dieses aber wird geradezu überlebenswichtig in einer Zeit, in der die Liturgie für viele Menschen zum fast einzigen Begegnungsort mit Verkündigung und Gebet geworden ist.

Da erweisen sich die grundsätzlichen Entscheidungen der Konzilsväter als geradezu providentiell: die Volkssprache als Liturgiesprache, verbunden mit einem reichen Angebot an Schriftlesungen und Gebeten, eröffnet ebenso gute Chancen für die Zukunft wie die Anpassungsmöglichkeiten, die es erlauben, auf die unterschiedlichen Milieus und Gruppen mit ihren Anliegen einzugehen, in die sich die Gesellschaft heute ausdifferenziert. Zugleich bildet die Liturgie mit ihrer Treue zum Althergekommenen das stärkste und erfahrbare Band der Einheit der weltweiten Kirche.

Hätten die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils die Entwicklungen zur Jahrtausendwende vorhergesehen, sie hätten kaum Besseres finden können als die von ihnen initiierte Liturgiereform.

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift "Gottesdienst" und Mitarbeiter des Deutschen Liturgischen Institutes in Trier.

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