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Mullahs in der Fortschrittsfalle?

Liest man die internationalen Medien, dann steht ein Sieger der Wahlen – und des Aufruhrs – im Iran schon fest: Das Internet. Mögen die regierenden Mullahs die eigenen Medien auch knebeln, die westlichen Sender stören und die Korrespondenten ausweisen: Die elektronische Globalisierung kennt weder Zensur noch Grenzen, heißt es. Tausende kleine Kameras im Kugelschreiber-Format haben amerikanische Exil-Iraner bereits in die alte Heimat geschmuggelt. „Unsere Reporter sind überall“ melden deshalb die Netzwerke und Plattformen. Alles blickt auf Twitter, Facebook, Flickr und Youtube. Und auch der elektronische Pranger ist schon aufgestellt: Regimetreue persische Schlägertrupps werden heimlich fotografiert und im Netz enttarnt.

Technik beeinflusst die Geschichte

Wie sich die Bilder gleichen: Auch vor dreißig Jahren war es eine technische Errungenschaft, die das hochgerüstete persische Kaiserreich wanken und dann stürzen ließ: Zehntausende Tonbandkassetten – damals die vorderste Front des Fortschritts – verbreiteten die dunkle, harte Stimme des exilierten Ayatollah Khomeini im Land. Es war der Kampfruf gegen Schah-Diktatur, Korruption und Verwestlichung.

Die Kulturgeschichte weiß: Immer schon hat technischer Erfindungsgeist den Gang der Weltgeschichte mitentschieden: Sprengstoff und Festungsbau, Vorderlader und Telegraf …

Sind also die alten Ayatollahs in Teheran – ganz abgesehen von ihren Sünden wider das Volk – einfach in die Fortschrittsfalle geraten?

Ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn: Wer weiß, ob die dramatischen Bilder aus Teheran für das Riesenreich der 75-Millionen repräsentativ sind? Ob der Internet-Zugang im Iran nicht doch die Bastion einer schmalen städtischen und prowestlichen Wissens-Elite ist? Wer kann erklären, wieso das Regime Ahmadinedschad jüngst gerade unter 18- bis 24-Jährigen die stärkste Zustimmung gefunden hat? Und: Wer weiß, wie viele Systemanhänger uns ihre Falschmeldungen unterjubeln – und wie viele Geheimdienste per Mail mit im Spiel sind?

Übrigens: Großkonzerne wie Siemens, Sony u. a. haben – so das „Wall Street Journal“ – erst kürzlich modernste Überwachungselektronik für Telefon und Internet an das Regime in Teheran geliefert.

Religion als Triebkraft der Politik

Kernfrage aber bleibt: Sind die Mussawis wirklich die Helden einer neuen, demokratischeren Zeitrechnung – oder letztlich nur mehr vom selben Geist, vielleicht mit anderen Interessen und Klientelen? Sind ihre Ziele wirklich mit den jetzt so dramatisch aufgebrochenen Protesten des persischen Mittelstands deckungsgleich – oder taumelt dieses Riesenreich nur in eine nächste Diktatoren-Falle?

Weit mehr, als uns bewusst ist, hat der Iran in den vergangenen 30 Jahren den Gang der Geschichte beeinflusst: Inner-islamisch und international. In der Erdöl- und der Energiepolitik. In der weltweiten Mobilisierung islamischer Rächer für alle Demütigungen des Westens – bis hin zum Drama des 11. September. In der Wiederkehr von Religion als Triebkraft der Politik – auch jenseits des Islam.

All das steht in diesen Tagen zur Disposition. Doch jenseits großer Hoffnungen lauern noch Abgründe.

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