Digital In Arbeit

Ethik als Schlupfloch

Einer Studie über die Ethik im Journalismus attestiert Frauen, die bei weitem "idealistischeren" Journalisten zu sein.

Die Frage nach der Ethik im Journalismus stellt sich nicht erst angesichts der Praxis der Boulevard-Presse, die der Prominenz hinter Mülltonnen und auf Bäumen auflauert, um deren Privatleben an die Öffentlichkeit zu zerren: Durch Veränderungen der Produktions-, Rezeptions- und Distributionsverhältnisse erfährt auch die Diskussion um die journalistische Berufsmoral neue Impulse.

Das Selbst- und Fremdbild des Journalismus und seiner Moral in Österreich zu untersuchen, war das zentrale Interesse der Studie "Journalismus: Beruf ohne Moral?". Matthias Karmasin, Professor am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt und Autor der Studie, hält zwei große Tendenzen fest, die im Vergleich zu den Ergebnissen einer Studie von 1994 besonders auffällig sind.

Verschärfte Gewissensnot

Zum einen haben die Kommerzialisierung und Konzentration ihre Spuren hinterlassen: Gewissenskonflikte entstehen verstärkt aus der Kollision von publizistischen oder moralischen Normen mit ökonomischen Sachzwängen. Parallel zu dieser "verschärften Gewissensnot", so Karmasin, zeichne sich aber auch die Bereitschaft ab, die Notwendigkeit gewisser Strategien im Interesse eines erfolgreichen Bestehens auf dem Markt anzuerkennen. Zum anderen wurde von allen Befragten einhellig als Defizit empfunden, dass es keine Selbst- beziehungsweise Standeskontrolle im Sinne eines funktionierenden Presserates gibt.

Eine Spezialauswertung des erhobenen Datenmaterials unter dem Gesichtpunkt des Genderaspekts ergab darüber hinaus, dass Frauen im Journalismus idealistischer, wahrheitsliebender und kritischer gegenüber ihren Arbeitgebern seien als ihre männlichen Kollegen: Werte wie Wahrheit, Objektivität, Einhaltung der Trennungsgrundsätze wurden von weiblichen Befragten signifikant als relevanter bewertet. Von diesen ethischen Grundsätzen darauf zu schließen, dass Frauen die besseren und moralischeren Journalisten seien, wie es nach der Präsentation der gezielten geschlechtsspezifischen Ergebnisse stellenweise zu lesen war, scheint jedoch nicht zulässig: Moral, so Karmasin, "ist auch immer eine Frage der Gewissenhaftigkeit des Handelns", und ob Journalistinnen sich im Sinne einer moralischen Urteilskraft unterscheiden, sei aus der Studie nicht abzulesen.

Auch Anneliese Rohrer, Kurier-Kolumnistin und Fachbereichsleiterin an der Fachhochschule Journalismus Wien, steht dem Anspruch, dass Frauen die idealistischeren Journalisten seien, skeptisch gegenüber. Deren Neigung zum "anwaltschaftlichen Journalismus" sowie den Idealismus hält sie für eine Schutzbehauptung, die aus der Not einer fehlenden Karriereplanung und -verfolgung eine Tugend macht: "Wenn man sich bewusst ist, dass man ohnehin nur die Mitte der formalen Karriereleiter erreichen wird, dann wenigsten mit dem Bonus, einen erfüllenden und sehr idealistischen Beruf zu haben."

Mit den Journalistinnen sei es in Österreich genauso wie mit den Politikerinnen: Sie bekommen die Weichteile der Politik wie Sozial-, Frauen- und Schulfragen zugeschrieben. Warum das so sei? "In diesen Bereichen ist es für sie leichter, sich zu profilieren. Außerdem glaube ich, dass Frauen sich einfach zu wenig wehren."

Weibliche Reservearmee

Wenngleich sowohl an der Fachhochschule als auch im Publizistikstudium Frauen zahlenmäßig längst dominieren, weicht auch die Medienbranche nicht von der in Österreich "deplorablen und kritisierenswerten Praxis ab, dass der Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit nicht zum Durchbruch kommt", so Karmasin. Die Beschäftigungsverhältnisse von Frauen haben eher den Charakter einer "industriellen Reservearmee", wie es in der Studie formuliert wird: am unteren Ende der Hierarchie, schlechter bezahlt, kürzere Anstellungsdauer. Auch die "gläserne Decke" - gemeint ist die Tatsache, dass Frauen aufgrund von unsichtbaren Schranken am Aufstieg in Führungspositionen gehindert werden - ist nach wie vor intakt. In Leitungspositionen finden sich nur zu einem geringem Teil Frauen, wenn sich auch die Unterschiede in den oberen Führungspositionen abgeflacht haben: 46 Prozent der Chefredakteure sind weiblich. Die österreichischen Tageszeitungen werden allerdings immer noch ausschließlich von Männern geführt.

Buchtipp:

Journalismus: Beruf ohne Moral?

Von der Berufung zur Profession

Von Matthias Karmasin. Wien, Facultas 2005. 256 Seiten, brosch., e 21,90

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau