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Feuilleton

Der leidenschaftliche Intellektuelle

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Sein Lebenswerk ist untrennbar verbunden mit dem Projekt der Aufklärung: zum 300. Geburtstag des französischen Philosophen und Schriftstellers Denis Diderot.

Kaum ein anderer Philosoph des 18. Jahrhunderts war so vielseitig wie Denis Diderot. Er fungierte als Herausgeber der legendären "Enzyklopädie“, die das gesamte Wissen der damaligen Zeit versammelte. Leidenschaftlich beteiligte er sich an den philosophischen und politischen Diskussionen über die Macht der Kirche und des Staates. Der französische Aufklärer sah seine Aufgabe darin, sich zu engagieren und sich in gesellschaftliche Debatten einzumischen. So bekämpfte er den Fundamentalismus der religiösen Fanatiker, verurteilte den Despotismus der Herrschenden und setzte sich für politische und religiöse Dissidenten ein.

Geboren wurde Denis Diderot am 5. Oktober 1713 in Langres in der Champagne. Sein Vater war Messerschmied, seine Mutter stammte ebenfalls aus einer Handwerkerfamilie. Nach dem Besuch des Jesuitenkollegs in Langres ging Diderot nach Paris, wo er an der Sorbonne ein Studium der Theologie begann, das er 1735 abschloss. Die folgenden Jahre verbrachte er als Bohemien, lebte von literarischen Gelegenheitsarbeiten, arbeitete als Hauslehrer und veröffentlichte verschiedene Artikel. Auf die Frage des Vaters, was er denn nun zu tun gedächte, antwortete er: "Offen gestanden gar nichts. Meine Liebe gehört den Büchern, mit ihnen bin ich vollkommen glücklich und zufrieden, mehr brauche ich nicht.“

Enzyklopädie als Prozess

1749 publizierte Diderot den "Brief über die Blinden zum Gebrauch der Sehenden“. In diesem Werk stellte er die Frage, wie es möglich sei, dass ein Blinder Gott erkennen könne. Die Antwort lautete: bestenfalls mit dem Tastsinn. Diese These erregte Aufsehen und hatte Konsequenzen. Diderot wurde zu mehreren Monaten Haft verurteilt. "Sie sind ein unverschämter Mensch“, bemerkte der Untersuchungsrichter: "Sie werden noch lange hier bleiben.“ Im Juni 1751 erschien der erste Band der "Enzyklopädie“. Das Werk sollte den damaligen Stand des menschlichen Wissens "in vernunftgemäßer Weise darstellen und seinen Benutzern "die Binde von den Augen nehmen“. Die "Enzyklopädie“ - eine "Weltkarte der Erkenntnis“ - war der Versuch, ein vollständiges Inventar der vorhandenen zeitgenössischen Kenntnisse zu erstellen, ihre Geschichte, Anwendung und zukünftige Entwicklung zu beschreiben. Das oberste Prinzip war dabei die Allgemeinverständlichkeit. Diderot, der gemeinsam mit Jean-Baptiste le Rond d’Alembert die "Enzyklopädie“ herausgab, betonte den kollektiven Charakter des Unternehmens. Er war davon überzeugt, dass das moderne Wissen von einer einzigen Person nicht mehr erfasst werden könne. An dem Projekt arbeiteten rund hundertsiebzig Gelehrte, darunter Philosophen und Schriftsteller wie Voltaire, Montesquieu, d’Holbach, Condillac und Condorcet. Das Ergebnis dieser Bemühungen lag sechzehn Jahre später in Form von 35 Bänden und elf Tafelbänden für ungefähr 4000 Subskribenten vor.

Das Hauptanliegen der "Enzyklopädie“ bestand darin, die Herrschaft der Theologie und Metaphysik zu beenden. Im Mittelpunkt standen die Wissenschaften vom Menschen und der Natur - die empirisch erfahrbare Welt. An die Stelle von Abhandlungen über königliche und adelige Stammbäume traten Beiträge über Stecknadelmanufakturen, über den Bau von Bergwerken oder das Schmelzen von Eisenerz. "Es gibt keine einzige Broschüre über die Kunst, Hemden, Strümpfe, Schuhe oder Brot herzustellen“, schrieb Diderot: "Die Enzyklopädie ist das erste und einzige Werk, das diese Techniken beschreibt, die doch nützlich für den Menschen sind.“

Wichtig war auch der Prozesscharakter des Unternehmens. Diderot ging keineswegs von der Überzeugung aus, nunmehr ewig gültige Erkenntnisse formuliert zu haben, sondern von dem Satz: "Ich entscheide nicht im vorhinein, ich frage“.

Politik aus nächster Nähe

Das kühnste Werk Diderots - das philosophische Hauptwerk "D’Alemberts Traum“, das er bereits 1769 verfasste - konnte wegen seiner gewagten Thesen erst 1830 veröffentlicht werden. Diderot beschreibt darin die menschliche Disposition als komplexen Organismus, der aus kleineren, einfachen Elementen zusammengesetzt ist. Er führte dazu die Metapher des Bienenstocks an, in dem sich die Bienen als einzelne "sensible“ Bausteine, als Moleküle zu einem übergeordneten Ganzen zusammenfügen. Diese Elemente verfügen jeweils über individuelle Eigenschaften, können sich aber auch für bestimmte Zeit miteinander verbinden. Der Strom der Moleküle ist ständig im Fluss, jedes sich formierende Gebilde ist vergänglich. Daraus folgt, dass es keine feststehende Identität gibt und auch keine metaphysische Position, die Bestand hat.

Neben der Arbeit an der "Enzyklopädie“ fand Diderot noch Zeit, zahlreiche Kunstkritiken zu verfassen, Theaterstücke zu schreiben und gesellschaftliche Kontakte zu pflegen. 1773 folgte er einer Einladung der Zarin Katharina der Zweiten, die die Alleinherrschaft in Russland bis 1796 ausübte. Es fand ein reger Gedankenaustausch statt. Gesprochen wurde über Verwaltung, Justiz, Handel und Gewerbe. Obwohl Diderot vertrauten Umgang mit der Zarin hatte, fiel sein Urteil über ihre Herrschaft äußerst skeptisch aus. In einem Brief an Madame Necker schrieb er: "Ganz leise will ich Ihnen anvertrauen, dass unsere Philosophen, die den Despotismus aus nächster Nähe kennengelernt haben, nur den Hals einer Flasche gesehen haben. Welch ein Unterschied zwischen einem Tiger, der uns auf der Leinwand entgegentritt und einem Tiger auf freier Wildbahn.“

Glück als Menschenrecht

Neben seiner umfangreichen wissenschaftlichen und politischen Tätigkeit publizierte Diderot noch zwei Romane, die heute zur Weltliteratur zählen: "Rameaus Neffe“ und "Jacques der Fatalist“. "Rameaus Neffe“, ein Werk, das Johann Wolfgang von Goethe überaus schätzte und sogar übersetzte, gibt das Gespräch zwischen einem Philosophen und dem Neffen des Komponisten Jean-Philipp Rameau wieder. Der Neffe erweist sich als vollkommener Zyniker, der als Parasit der so genannten besseren Gesellschaft die Mechanismen und den allgemeinen Betrug eben dieser Gesellschaft durchschaut.

1788 erschien der Roman "Jacques der Fatalist“ - eine Sammlung von Anekdoten und Erzählungen, die um eine planlose Reise kreisen, die der Diener Jacques und sein Herr unternehmen. In diesem Roman werden philosophische Probleme wie etwa die Willensfreiheit des Menschen erörtert. 1784 erlitt Diderot einen Schlaganfall, von dem er sich nicht erholte. Am 31. Juli 1784 starb der streitbare Intellektuelle während des Mittagessens.

Neben seinen unzähligen intellektuellen Leistungen für das Projekt der Aufklärung ist es vor allem ein besonderes Verdienst Diderots, das ihn heute dazu prädestiniert, intensiv gelesen zu werden; nämlich sein Eintreten dafür, dass das Glück der Individuen ein zentrales Menschenrecht sei: "Die Natur hat uns allen unser Glück zum Gesetz gegeben. Alles, was nicht Glück ist, ist uns fremd. Nur es allein hat Macht über unser Herz. Im Glück allein ist Zauber und Vollkommenheit.“

Philosophische Schriften

Von Denis Diderot

Herausgegeben von Alexander Becker

Suhrkamp Verlag 2013.

281 Seiten, kartoniert, € 17,50