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Feuilleton

"Weibes schönste Tugend"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der "Fliegende Holländer" an der Staatsoper: effektvolle Musik, starke Bilder, neue Interpretation.

Keine leidenschaftliche, romantische Liebe verbindet Senta mit dem unheimlichen Seemann, dem sie zuvor noch nie begegnete, der geschäftsmäßig um ihre Hand anhält - und dennoch opfert sie ihr Leben für ihn. Für Richard Wagner gehörte "ew'ge Treue" zu "Weibes heil'gen Pflichten", und so schickte er Senta im "Fliegenden Holländer" bedenkenlos in den Tod.

Wofür aber würde eine junge Frau tatsächlich ihr Leben opfern? Christine Mielitz bietet in ihrer Inszenierung an der Wiener Staatsoper eine andere Antwort an: für Ideale, für politische Überzeugungen. Nicht das Konterfei des verfluchten Holländers, sondern Bilder von Karl Marx, Che Guevara, Martin Luther King hängen in ihrem Heim. Und am Ende stürzt sie sich nicht von den Klippen, sondern übergießt sich mit Benzin und zündet sich an - eine der drastischsten Formulierungen eines politischen Statements.

Doch diese Interpretation ist nur ein Angebot für jene, die andere Vorstellungen von "Weibes schönster Tugend" haben als das 19. Jahrhundert. Übersieht man Details wie die eingangs genannten, so handelt es sich bei dem neuen Staatsopern-"Holländer" um eine ganz konventionelle Inszenierung, die Wagners effektvolle Musik mit ebenso effektvollen Bildern in Szene setzt. So betritt die Holländermannschaft als furchterregende Zombiearmee (als Heer der "Toten auf Urlaub", wie die politische Interpretation lauten würde) die Bühne, deren schaurige Gesänge dank einer fulminanten Leistung des Chores (Einstudierung: Ernst Dunshirn) durch Mark und Bein gehen. Traditionalisten werden das Bühnenbild (Stefan Mayer) als scheußlich erachten. Doch das Bild des archaischen Schiffsrumpfgerippes, das durch die Decke in die gute Stube gekracht ist, entspricht ganz der herkömmlichen Sichtweise des Holländers als Verkörperung der menschlichen Hybris, die bisweilen auch in die heile Welt des braven Bürgers einbricht.

Auf der Bühne ist das Meer kaum präsent, umso mehr in der Musik. Seiji Ozawa lässt es aufschäumen, lässt es toben, treibt seine Musiker zu wahnwitziger Laufstärke an. Das Staatsopernorchester, vulgo Wiener Philharmoniker, facht ohrenbetäubende Orkane an, in deren Gischt immer wieder das Holländermotiv wie eine Rettungsboje in sturmgepeitschter See auftaucht. Fulminant auch die Sänger der beiden großen Partien: Für Nina Stemme, die ebenso mit lyrischer Innigkeit wie mit höchster Dramatik glänzt, ist die Senta ein mehr als gelungenes Staatsoperndebüt. Das stimmliche Charisma Falk Struckmanns kommt der Anziehungskraft der Figur des von einem Feuermal gezeichneten Holländers gleich. In der zweiten Vorstellung wurde der Sänger bejubelt, obwohl eine (nicht hörbare) Indisposition des Baritons eine Unterbrechung der Aufführung zur Folge hatte - justament in der einaktigen Urfassung, die normalerweise in einem durchgespielt wird. Hervorragend auch Franz Hawlata als Daland, ordentlich Torsten Kerl als Erik, tadellos Margareta Hintermeier als Mary, überfordert John Dickie als Steuermann.