"Der Rausch": Die Promille-Theorie - © Filmladen

"Der Rausch": Die Promille-Theorie

1945 1960 1980 2000 2020

Der neue Oscar-prämierte Film von Thomas Vinterberg beleuchtet die gesellschaftliche Ambivalenz des Alkohols -mit einem Experiment von Männern in der „Midlife-Crisis“. Ein starkes Stück.

1945 1960 1980 2000 2020

Der neue Oscar-prämierte Film von Thomas Vinterberg beleuchtet die gesellschaftliche Ambivalenz des Alkohols -mit einem Experiment von Männern in der „Midlife-Crisis“. Ein starkes Stück.

Es ist eine interessante Theorie, auf der Thomas Vinterbergs neuer Film „Der Rausch“ basiert. Diese stammt vom norwegischen Psychiater Finn Skårderud und besagt Folgendes: Hätte man stets den konstant gehaltenen Alkoholgehalt von 0,5 Promille im Blut, fiele einem nichts weniger als das ganze Leben leichter. Die Arbeit sowieso.

Na, und der Sex erst recht. Man hätte direkten Zugang zum kreativen Potenzial, verspürte die nötige Liebe zu anderen Menschen (und zu sich selbst!), wäre erfüllt von Inspiration sogar bei den banalsten Alltagstätigkeiten und getragen von der nötigen Leichtigkeit, um „drüber“ zu stehen – komme, was da wolle. Zum Beispiel die drohende Kündigung als Geschichtslehrer in einer Maturaklasse in Kopenhagen, weil man seit Beginn der harten Midlife-Crisis so trocken und so deprimierend unterrichtet, dass die Kinder schon gar nicht mehr weitermachen wollen.

Szenen einer Männerfreundschaft

„Was fehlt euch?“, werden sie gefragt. Doch diesen frischen, jungen Menschen, die da erst am Anfang ihres prallen Lebens stehen, fehlt nichts. Und ihrem Lehrer Martin (Mads Mikkelsen), ein attraktiver Mann Mitte Vierzig, intelligent, gebildet, liebevoll, Anti-Alkoholiker? Was könnte ihm denn bloß fehlen, in seinem Leben, in dem er eigentlich alles hat: eine geliebte Ehefrau, zwei gesunde Kinder, genügend Geld und drei gute Freunde, seine Lehrerkollegen Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe)?

Beim Geburtstagsdinner von Nikolaj sitzen die vier Männer im schönen Restaurant und Martin soll erzählen, wie es ihm geht. Sie sind es gewohnt, dass in letzter Zeit wenig von ihm kommt. Seine Frau hat eine Affäre, Martin ist seit langem müde, an ihrer Liebe hält er fest. Er nippt an seinem Soda, und dann zeigt Vinterberg Mikkelsens Gesicht: nur minimalste Regungen; ein scheuer, kaum wahrnehmbarer Blick in einen scheinbar leeren Raum, und ohne, dass Martin etwas sagen muss, sehen wir einen Mann, der gerade innerlich zerfällt.

Als Schauspieler war Mikkelsen kaum je brillanter. Nikolaj erzählt von Skårderuds Theorie und zitiert erfolgreiche Beispiele, von berühmten Literaten, Komponisten und Malern. Die drei anderen sind gebannt – und sie beschließen dieses Experiment: Ab jetzt täglich 0,5 Promille für jeden. Nur an Werktagen, kein Trinken nach acht Uhr abends, nie am Wochenende, mit genauen Aufzeichnungen. Martin bekommt ein Glas Wein in die Hand und stürzt es hinunter. Als wäre es das, was ihm fehlt. Natürlich geht das Experiment am Anfang gut: Vinterberg nutzt die Gelegenheit für fein gebaute, toll gespielte Situationen zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Mann und Frau, zwischen Männern, die miteinander tanzen.

Es ist eine interessante Theorie, auf der Thomas Vinterbergs neuer Film „Der Rausch“ basiert. Diese stammt vom norwegischen Psychiater Finn Skårderud und besagt Folgendes: Hätte man stets den konstant gehaltenen Alkoholgehalt von 0,5 Promille im Blut, fiele einem nichts weniger als das ganze Leben leichter. Die Arbeit sowieso.

Na, und der Sex erst recht. Man hätte direkten Zugang zum kreativen Potenzial, verspürte die nötige Liebe zu anderen Menschen (und zu sich selbst!), wäre erfüllt von Inspiration sogar bei den banalsten Alltagstätigkeiten und getragen von der nötigen Leichtigkeit, um „drüber“ zu stehen – komme, was da wolle. Zum Beispiel die drohende Kündigung als Geschichtslehrer in einer Maturaklasse in Kopenhagen, weil man seit Beginn der harten Midlife-Crisis so trocken und so deprimierend unterrichtet, dass die Kinder schon gar nicht mehr weitermachen wollen.

Szenen einer Männerfreundschaft

„Was fehlt euch?“, werden sie gefragt. Doch diesen frischen, jungen Menschen, die da erst am Anfang ihres prallen Lebens stehen, fehlt nichts. Und ihrem Lehrer Martin (Mads Mikkelsen), ein attraktiver Mann Mitte Vierzig, intelligent, gebildet, liebevoll, Anti-Alkoholiker? Was könnte ihm denn bloß fehlen, in seinem Leben, in dem er eigentlich alles hat: eine geliebte Ehefrau, zwei gesunde Kinder, genügend Geld und drei gute Freunde, seine Lehrerkollegen Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe)?

Beim Geburtstagsdinner von Nikolaj sitzen die vier Männer im schönen Restaurant und Martin soll erzählen, wie es ihm geht. Sie sind es gewohnt, dass in letzter Zeit wenig von ihm kommt. Seine Frau hat eine Affäre, Martin ist seit langem müde, an ihrer Liebe hält er fest. Er nippt an seinem Soda, und dann zeigt Vinterberg Mikkelsens Gesicht: nur minimalste Regungen; ein scheuer, kaum wahrnehmbarer Blick in einen scheinbar leeren Raum, und ohne, dass Martin etwas sagen muss, sehen wir einen Mann, der gerade innerlich zerfällt.

Als Schauspieler war Mikkelsen kaum je brillanter. Nikolaj erzählt von Skårderuds Theorie und zitiert erfolgreiche Beispiele, von berühmten Literaten, Komponisten und Malern. Die drei anderen sind gebannt – und sie beschließen dieses Experiment: Ab jetzt täglich 0,5 Promille für jeden. Nur an Werktagen, kein Trinken nach acht Uhr abends, nie am Wochenende, mit genauen Aufzeichnungen. Martin bekommt ein Glas Wein in die Hand und stürzt es hinunter. Als wäre es das, was ihm fehlt. Natürlich geht das Experiment am Anfang gut: Vinterberg nutzt die Gelegenheit für fein gebaute, toll gespielte Situationen zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Mann und Frau, zwischen Männern, die miteinander tanzen.

Minimalste Regungen im Gesicht, und wir sehen einen Mann, der gerade innerlich zerfällt. Als Schauspieler war Mads Mikkelsen kaum je brillanter.

Ebenso selbstverständlich geht das Experiment allmählich schief. Allem kann man widerstehen, nur der Versuchung nicht. Der Rausch wird zum Endlos-Kater. Eine Szene, in der die vier Männer völlig betrunken versuchen, in einem Supermarkt einzukaufen, entstellt die Choreographie der gemeinsamen Tanzszenen kurz zuvor. Alkohol, akzeptierte Droge, gesellschaftlicher Faktor, Kapitalismus-Stütze: Wer diesen Film nicht (wirklich) anschaut, mag Vinterberg rasch Moralismus vorwerfen. Doch genau das ist er nicht. Seine tonale Ambiguität ist vielmehr die passende Reaktion auf das heuchlerische Moralisieren der Gesellschaft. Wichtiger noch, ist dies ein Film über die Freundschaft zwischen vier Männern, über das Mannsein zwischen den Jahrzehnten, über das (sich) Verlieren und das wieder zu sich Finden, so zwiegespalten dieses (s)Ich auch sein mag. – Dann fehlt nichts.

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Film

Der Rausch (Druk)

DK/SE/NL 2020.
Regie: Thomas Vinterberg.
Mit Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe.
Filmladen. 116 Min.

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