Literatur

Die Herrin der Bestien

1945 1960 1980 2000 2020

Die junge Autorin Verena Güntner hat mit ihrem neuen Roman „Power“ ein starkes Stück Literatur geschaffen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die junge Autorin Verena Güntner hat mit ihrem neuen Roman „Power“ ein starkes Stück Literatur geschaffen.

Sie ist eine, die man ­gerne Biest nennt – eine ­Jugendliche, ausgestattet mit unbändigem Willen, nach eigenen Vorstellungen zu leben, eine, die macht, was sie will, sich um Etikette und guten Ruf nicht schert. Das könnte man als pubertäre ­Flausen abtun, wenn sie nicht ein ganzes Dorf in Unruhe versetzen würde. Sie nennt sich Kerze und verfügt über eine Verführungskraft, der sich Kinder und Jugendliche nicht entziehen können. Alle schlägt sie in ihren Bann, alle machen mit, auch wenn sie sich dabei selbst aufgeben. Sie ist eine Magierin der Gefühle mit düsterem Nimbus, ein Abhängigkeitsmagnet für alle Schwachen. So fängt sich diese Rattenfängerin die Kinder und eine Alte ohne Selbstwertgefühl. Sie begeben sich freiwillig unter ein rigides Regime.

Das Perfide daran ist, dass Kerze vorgibt, das Gute zu wollen. Eine Alte, die man nur „die Hitschke“ nennt, hat keinen guten Stand im Dorf. Ihr Hund ist entlaufen, und Kerze verspricht ihr, ihn zu finden. Dagegen lässt sich nichts sagen. Ein Mädchen unternimmt eine gute Tat, sehr löblich auch deshalb, weil die Hitschke eine Geächtete ist. Sie lebt in beklemmenden Verhältnissen, wird gemieden wie eine Aussätzige. Kerze ist nicht nur willensstark, sie gibt sich auch als Meisterdetektivin. Sie sammelt genaue Informationen über das Tier und seine Gewohnheiten und die Beobachtungen der Hitschke. Alle Details zeichnet sie auf, sie bilden die Basis der Recherche. Das verleiht dem Ganzen einen seriösen Charakter.

Das ist kein Buch, das nach dem handelsüblichen Realismus gearbeitet ist. Wir befinden uns nicht in einer Welt, die wir auf unsere eigene Lebenswelt übertragen dürfen. Vere­na Güntner denkt in Symbolen, ihr Schreiben ist parabelhaft. Am Anfang sieht alles nach einer gewöhnlichen Dorfwirklichkeit aus, wo sich Spießer aufhalten und ihren kleinbürgerlichen Freuden nachgehen, wenn sie eine Außenseiterin piesacken. Dann aber, Kerze hat sich längst als die eigentliche Hauptfigur in Szene gesetzt, legt sich eine Wolke der Unberechenbarkeit über das Dorf. Die Kinder scheren aus.