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Architekturland Austria

Das Architekturzentrum Wien zeigt brisante Themen und deren Gestalter in Österreich

Weltweit scheint in den Architekturzentren nach Wechselausstellungen eine Phase der Nachhaltigkeit angebrochen: das Publikum will Basiswissen, Dauerausstellungen liegen im Trend. Mit der "a_schau" glückte dem Architekturzentrum Wien ein Meisterwurf. Auf vielen Ebenen vermittelt sie weit mehr als nur Daten zur österreichischen Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit März ist der "Prolog" über den Umbruch von 1850-1918 zu sehen, jetzt ist die zweite Etappe dran - mit den brisanten Themen "Das Rote Wien", "Macht", "Wiederaufbau" und dem Dauerbrenner "Landschaft". Er nähert sich dem Heute, wo die komplette "a_schau" 2005 landen wird.

Gebaute Zeitgeschichte

Den reichen Quellenfundus aus Friedrich Achleitners Sammlung, ca. 40 Archiven, hunderten Fotos und Filmmaterial bündelten die Kuratorinnen Monika Platzer und Gabriele Kaiser zu zehn relevanten Themen, die ergänzt um den Schwerpunkt Wohnen einen roten Faden durch die Architekturgeschichte bilden. Verknüpft mit Kulturgeschichtskontext und Dokumenten, lässt sich Gebautes im Spiegel von Zeit, Medien und Weltgeschehen begreifen. Kongenial setzt die Gestaltung des Design Studio Walking-Chair das Konzept um. Ein h-förmiges Grundmodul aus zartem, weißem Stahlblech bildet ein flexibles System, das als Filmdisplay, Stellwand, Tisch und Sessel nutzbar ist. Optische Einheit schaffen digital reproduzierte Pläne, Fotos und die aus dem h entwickelte Schrift. Jedes Thema steht als datenbestücktes Multifunktionsmöbel im Raum, Schautafeln vermitteln Grundwissen, das Dokumentarfilmpretiosen atmosphärisch bereichern. Das "Zeitregal" an der Wand liefert Kontexte und Architekturvergleich.

Wien war ab 1919 die erste sozialdemokratisch verwaltete Millionenstadt, mit der Wohnbausteuer läutete Finanzstadtrat Hugo Breitner die Ära des "Roten Wien" ein. Bis 1934 wurden in 348 Anlagen 61.175 Wohnungen und 5.257 Siedlungshäuser gebaut. Unter Josef Frank planten an der Werkbundsiedlung u.a. Adolf Loos, Josef Hoffmann, Richard Neutra, Ernst A. Plischke, Ernst Lichtblau mit. Als Schlüsselbau wird der schlossartige Reumann-Hof von Herbert Gessner mit 480 Wohnungen, Wäscherei, Gasthaus, Kindergarten, Geschäften u.ä. gezeigt. Er liegt am Margaretengürtel, der "Ringstrasse des Proletariats" (Achleitner). Wie stolz man war, beweist eine Postkarte mit glücklicher Arbeiterfamilie. Als Entdeckung entpuppt sich der von den Bauhäuslern Friedl Dicker und Franz Singer nach Montessori-Pädagogik geplante Kindergarten im Goethehof, der 1938 zerstört wurde. Hier lebt er im Fotoalbum wieder auf.

Beim brisanten Thema "Macht" kehren Namen wieder: Auf der Liste der Exilanten finden sich u.a. Plischke, Lichtblau, Neutra und Dicker-Brandeis. Holzmeister löste den linksintellektuellen Juden Frank ab, er wurde im Ständestaat zum Staatsrat für Kunst, wo er mit dem arbeitsplatzschaffenden Bau der Höhen- und Großglocknerhochalpenstraße am ästhetischen Umbruch mitwirkte, u.a. die Seipel-Dollfuß-Kirche und das Funkhaus plante - hier ist auch der ganz andere Entwurf von Fellerer/ Wörle zu sehen. An Linz, das zur Führerstadt aufsteigen sollte, zeigt sich exemplarisch nationalsozialistische Stadtplanung. Entwerfen durften nur Deutsche, faszinierend sind Filme und Fotos zum Bau der von Roderich Frick geplanten Nibelungenbrücke und der Hermann-Göring Werke.

Brücke ins Heute

Mit dem bis heute höchstes Sommervergnügen bietenden Strandbad Gänsehäufel von Max Fellerer und Eugen Wörle oder Roland Rainers Stadthalle kehrt nach dem Krieg die Leichtigkeit eines normalen Alltags zurück. Die "Landschaft" schlägt eine Brücke ins Heute. An eine moderne Ikone alpiner Tourismusarchitektur, Lois Welzenbachers Turmhotel Seebacher, fügten henke und schreieck 2003 einen Rundbau an.

Dass die "a_schau" mit einem Mal nicht annähernd erschlossen ist, weiß das Architekturzentrum: die Karte gilt für zwei Besuche.

a_schau - österreichische Architektur im 20. und 21. Jahrhundert

Architekturzentrum Wien,

Museumsplatz 1, 1070 Wien,

tägl. 10-19, Mi bis 21 Uhr.

Tel. 01/5223115 www.azw.at

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