wiener moderne - © Foto: MAK / © Peter Kainz

Wiener Moderne: Hoffmann, Loos und die Folgen

1945 1960 1980 2000 2020

Die vielen Facetten der Wiener Moderne und ihrer Entwicklung zeigt das MAK in der Ausstellung "Wege der Moderne. Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen", die noch bis 19. April zu sehen ist.

1945 1960 1980 2000 2020

Die vielen Facetten der Wiener Moderne und ihrer Entwicklung zeigt das MAK in der Ausstellung "Wege der Moderne. Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen", die noch bis 19. April zu sehen ist.

Die Zeit um 1900 war eine einzigartige Epoche, in der kein Stein auf dem anderen blieb. Die Errungenschaften der Industrialisierung und die Möglichkeiten der Massenproduktion stellten die bisherige Rolle von Kunst, Handwerk und Architektur massiv in Frage. Es war die Geburtsstunde der Wiener Moderne, einer Strömung umfassender Erneuerung, die zur Weltmarke wurde. Zur Feier seines 150 JahrJubiläums zeigt das Wiener MAK die bemerkenswerte Schau „Wege der Moderne. Hoffmann, Loos und die Folgen.

Die Zeit um 1900 war eine einzigartige Epoche, in der kein Stein auf dem anderen blieb. Die Errungenschaften der Industrialisierung und die Möglichkeiten der Massenproduktion stellten die bisherige Rolle von Kunst, Handwerk und Architektur massiv in Frage. Es war die Geburtsstunde der Wiener Moderne, einer Strömung umfassender Erneuerung, die zur Weltmarke wurde. Zur Feier seines 150 JahrJubiläums zeigt das Wiener MAK die bemerkenswerte Schau „Wege der Moderne. Hoffmann, Loos und die Folgen.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Die Kuratoren Matthias Boeckl und Christian Witt-Dörring trugen mehr als 600 ausgesuchte Exponate zusammen, um in bezugsreicher Vielfalt die Entwicklungsgeschichte der Wiener Moderne von 1750 bis in die Gegenwart zu erzählen. Schaubilder aus dem Atelier von Otto Wagner, Mustertafeln aus dem k. u. k. Nationalfabriksproduktenkabinett, Gemälde von Klimt, Kokoschka, Moll; Möbel, Einrichtungsgegenstände, Modelle und ganze Zimmer lassen die dichte Atmosphäre unterschiedlicher Phasen der Moderne, ihrer Vorgänger- und Nachfolgegenerationen förmlich spürbar werden. Den bezeichnenden Mittel- und Höhepunkt bildet die Konfrontation der Positionen von Adolf Loos und Josef Hoffmann. Michael Embacher gelang es mit seiner Gestaltung, die Exponate optimal zur Geltung zu bringen.

Formale Reduktion

„Das große Thema der Moderne ist, dem Individuum eine Stimme zu geben“, so Witt-Dörring. Um 1750 verortet er die Geburtsstunde der neuen Konsumwelten: Damals wird – als Vorläufer des Stils – der Geschmack erfunden, und es entwickelt sich zu Beginn der frühen Industrialisierung eine bürgerliche Käuferschicht, die aus einer breiten Palette an Produkten zu wählen versteht.

Das Genie eines Architekten wie Theophil von Hansen treibt die Kunstfertigkeit des Handwerks und der Manufakturen an die Spitze: Schloss Hernstein wurde von der Architektur über Möbel, Lampen und Luster bis zur Tapete von Hansen für Erzherzog Wilhelm entworfen. Der Reichtum an allegorischen Gestalten, mythologischen Bezügen und die Verve, mit der hier Materialien und Stile kombiniert werden, ist so faszinierend wie überbordend. Ihre Opulenz schreit nach Reform.

Otto Wagner ist der große Neuerer und Vater der Moderne. „Etwas Unpraktisches kann nie schön sein“, postulierte der Architekt und Städtebauer 1896 in seiner Schrift „Moderne Architektur“. Die Rekonstruktion der Fassade für das Depeschenbüro „Die Zeit“, die 1985 von Adolf Krischanitz und Otto Kapfinger rekonstruiert wurde, spricht ebenso für sich wie die Möbel, die Wagner dafür entwarf. Ihre zeitlose Eleganz und formale Reduktion zeigt bis heute, was Wagner unter „Nutzstil“ verstand. Er bereitete den Weg für Loos und Hoffmann, deren unterschiedliche Denkweisen lustvoll zelebriert werden.

Otto Wagner ist der große Neuerer und Vater der Moderne. „Etwas Unpraktisches kann nie schön sein“, postulierte der Architekt und Städtebauer 1896 in seiner Schrift „Moderne Architektur“. Die Rekonstruktion der Fassade für das Depeschenbüro „Die Zeit“, die 1985 von Adolf Krischanitz und Otto Kapfinger rekonstruiert wurde, spricht ebenso für sich wie die Möbel, die Wagner dafür entwarf.

1903 gründeten Josef Hoffmann, Kolo Moser und Fritz Waerndorfer die Wiener Werkstätte, die eng mit der Wiener Secession und der Wiener Kunstgewerbeschule zusammenarbeitete. Sie glaubten an die reformierende Kraft der Kunst, die alle Lebensbereiche des Menschen erfassen sollte.

Dem gegenüber stand der charismatische Einzelgänger Adolf Loos, für den sich die Kunst in der Architektur auf das Grabmal und das Denkmal zu beschränken hatte. Sinngemäß forderte er keine neue Form, sondern einen neuen Menschen mit einer modernen Haltung.

Loos forderte keine neue Form, sondern einen neuen Menschen mit einer modernen Haltung. Exemplarisch zeigt sich das in der unterschiedlichen Gestaltung eines Raumes mit derselben Funktion.

Exemplarisch zeigt sich das in der unterschiedlichen Gestaltung eines Raumes mit derselben Funktion. 1902 plante Josef Hoffmann das Schlafzimmer für das Ehepaar Salzer als durchkomponiertes Ensemble. Das Bett ist aus naturbraun gebeiztem Ahornholz, mit hohem Betthaupt und Fußteil, die in quadratische Elemente gegliedert sind. Auch Nachtkästchen, Kleiderschränke und Waschtisch sind aus Ahorn, die Überdecke hat quadratische Muster, im Teppichboden ist ein brauner Quadratraster eingewoben. Das Zimmer wirkt gediegen und streng, aber sehr gebrauchstauglich. Es wird immer noch genutzt. Für die Dauer der Ausstellung wanderte es ins Museum.

Schlafzimmer als Statement

Adolf Loos hingegen setzte mit dem „Schlafzimmer für meine Frau“ ein Statement für einen neuen Lebensstil, das er auch 1903 in der Zeitschrift Kunst publizierte. Das Bett besteht aus zwei übereinanderliegenden Matratzen, zwischen denen sich ein weißes Fell über den Boden ergießt.

Die Kästen wurden gebraucht gekauft, doch das spielt keine Rolle, denn sie verschwinden hinter weißen Vorhängen, die alle Wände und auch die Fenster verdecken. So entsteht ein introvertierter, weicher, weißer Raum. Seine jungfräuliche Pracht ist nicht mehr. Ausgehend von zeitgenössischen Fotografien, Skizzen und der Loos’schen Publikation wurde der Raum von den Architekten Hubmann & Vass aber sorgfältig rekonstruiert.

„Unser Projekt bietet eine Perspektive auf die Entwicklung dieser zwei Traditionsstränge, deren Folgen man bis heute spürt“, so Matthias Boeckl. Loos engagiert sich später in der Siedlerbewegung, Hoffmann plant Gemeindebauten und entwirft für die Weltausstellung in Paris 1937 das „Boudoir d’une grande vedette“. Ein spiegelnder Boden, ein Fell am Boden und versilberte Tapeten an den Wänden zeigen, wie sich Österreich als Kulturnation präsentierte. Dem gegenüber steht die spartanisch-praktische „Wohnung einer berufstätigen Frau“ von Margarete Schütte-Lihotzky. Ernst A. Plischke, Josef Frank, Oskar Strnad, Bernard Rudofsky und andere trugen die Stafette der Moderne weiter. Werner Neuwirth, Hermann Czech, Ana Heringer oder Lacaton & Vassal treten ihr Erbe an. Die Wiener Moderne wirkt noch immer.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau