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Feuilleton

Ästhetisch schlicht, einfach praktisch

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Wiener MAK widmet sich mit der Ausstellung "Dinge. schlicht & einfach“ dem Prinzip der Einfachheit im ästhetischen wie auch im soziologischen Sinn. Die drei Teile der Schau befassen sich mit Möbeldesign, Kunsthandwerk und dem ostasiatischen Raum.

Es gibt einen Mythos über die Moderne, der lautet so: Um den Beginn des 20. Jahrhunderts herum ließ die Formensprache von Kunst und Kunsthandwerk alle Traditionen hinter sich, verzichtete ausdrücklich auf Verzierungen sowie Ornamente und brachte eine noch nie dagewesene Einfachheit und Sachlichkeit hervor. Doch der angebliche Bruch ist eine Schimäre. Der Siegeszug von Schlichtheit und Funktionalität ist nichts anderes als die Wiederkehr eines alten Prinzips, das durch den Stilpluralismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdeckt worden war. Verfolgt man die Strömungen des europäischen Kunsthandwerks durch die Jahrhunderte, so ist ein wiederkehrender Wechsel von reich verzierten und schlichten Objekten zu beobachten. Und aus der Stilgeschichte Ostasiens sind Einfachheit und Sachlichkeit schon seit beinahe einem Jahrtausend nicht wegzudenken.

Klarheit der Gedanken

Diese These kann man derzeit im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) verifizieren: Die Schau "Dinge. schlicht & einfach“ - eigentlich drei parallele, von drei Sammlungsleitern des Museums kuratierte Ausstellungen - spürt dem Prinzip des Einfachen im Bereich des Möbeldesigns, des Kunsthandwerks im europäischen und ostasiatischen Raum nach. Natürlich nimmt dabei die stilistische Minimalisierung in Wien um 1900 einen breiten Raum ein, für die Namen wie Josef Hoffmann, Adolf Loos, Koloman Moser stehen. Zu sehen sind zum Beispiel ebenso schlichte wie edle Entwürfe von Bestecken, Teeservices sowie Vasen aus Silbergitter, aber auch die Bugholzmöbel der Firma Thonet, die sich gegen den opulenten Zeitgeschmack des Historismus durchsetzten.

Doch die gewollte Schlichtheit war schon ein Zug der Renaissance, schließlich gehörte die Klarheit der Gedanken zu den Grundimpulsen von Humanismus und Aufklärung. Auch der Aufstieg des Bürgertums am Ende des 18. Jahrhunderts brachte die betonte Einfachheit des "Dritten Standes“ in Stellung gegen die (auch stilistisch) ausschweifende Selbstinszenierung des Adels. "Ich gehe verdrießlich kaum mehr hinaus. Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk und Vergoldung will man mehr“, lässt Goethe eine Figur in seinem Epos "Hermann und Dorothea“ über den damaligen Geschmack schimpfen. In Frankreich kam das Bürgertum an die Macht und übernahm, da es nun keinen Grund mehr gab, sich vom Adel abzugrenzen, bald auch dessen Üppigkeit im Stil. In Österreich jedoch, wo dem Bürgertum politische Mitsprache bis 1848 verwehrt blieb, entstand als Reaktion darauf das Biedermeier, eine von Schlichtheit, Einfachheit und dem Drang zur Natürlichkeit geprägte Epoche.

Die ausgestellten Biedermeier-Möbel und kunsthandwerklichen Objekte aus Silber sind äußerst schlicht, funktional und verzichten weitgehend auf Verzierungen. Die Künstler im Wien der Jahrhundertwende holten sich aus dieser Epoche wichtige Anregungen für ihre eigenen Arbeiten.

Einfach teuer

Oftmals war die Reduktion auf das Formale jedoch keine bewusste ästhetische Entscheidung, sondern Folge ökonomischer Beschränkung und notwendiger Zweckerfüllung. Gebrauchsgeräte wie Töpfe, Pfannen, Schüsseln, Krüge oder Kannen blieben über Jahrhunderte unverändert einfach, da jede Verzierung einen finanziellen Mehraufwand bei der Erzeugung, aber auch einen größeren Zeitaufwand bei der Reinigung bedeutet hätte. Allein die Erfindung des Kochherdes mit vollkommen geschlossenem Feuerraum brachte eine Veränderung im Design der Kochutensilien mit sich. Auch die in früheren Zeiten notwendigen Toilette- und Reisegarnituren waren äußerst sparsam und funktionell gestaltet, schließlich mussten sie platzsparend untergebracht werden und sich leicht reinigen lassen. Der Schlichtheit der Form stand freilich eine große Qualität in der Ausführung gegenüber.

Schlichtheit als Ausdruck höchsten Luxus: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das weiß jeder, der schon einmal in einem Katalog der Firma Manufactum geblättert hat, die traditionell hergestellte Haushaltsartikel vertreibt - zu Preisen, die sich nur Gutverdienende leisten können.

DINGE. schlicht und einfach

MAK Wien, Stubenring 5, 1010 Wien

bis 7. Oktober, Mi-So 10-18, Di bis 22 Uhr

Das Wiener MAK widmet sich mit der Ausstellung "Dinge. schlicht & einfach“ dem Prinzip der Einfachheit im ästhetischen wie auch im soziologischen Sinn. Die drei Teile der Schau befassen sich mit Möbeldesign, Kunsthandwerk und dem ostasiatischen Raum.

Es gibt einen Mythos über die Moderne, der lautet so: Um den Beginn des 20. Jahrhunderts herum ließ die Formensprache von Kunst und Kunsthandwerk alle Traditionen hinter sich, verzichtete ausdrücklich auf Verzierungen sowie Ornamente und brachte eine noch nie dagewesene Einfachheit und Sachlichkeit hervor. Doch der angebliche Bruch ist eine Schimäre. Der Siegeszug von Schlichtheit und Funktionalität ist nichts anderes als die Wiederkehr eines alten Prinzips, das durch den Stilpluralismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdeckt worden war. Verfolgt man die Strömungen des europäischen Kunsthandwerks durch die Jahrhunderte, so ist ein wiederkehrender Wechsel von reich verzierten und schlichten Objekten zu beobachten. Und aus der Stilgeschichte Ostasiens sind Einfachheit und Sachlichkeit schon seit beinahe einem Jahrtausend nicht wegzudenken.

Klarheit der Gedanken

Diese These kann man derzeit im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) verifizieren: Die Schau "Dinge. schlicht & einfach“ - eigentlich drei parallele, von drei Sammlungsleitern des Museums kuratierte Ausstellungen - spürt dem Prinzip des Einfachen im Bereich des Möbeldesigns, des Kunsthandwerks im europäischen und ostasiatischen Raum nach. Natürlich nimmt dabei die stilistische Minimalisierung in Wien um 1900 einen breiten Raum ein, für die Namen wie Josef Hoffmann, Adolf Loos, Koloman Moser stehen. Zu sehen sind zum Beispiel ebenso schlichte wie edle Entwürfe von Bestecken, Teeservices sowie Vasen aus Silbergitter, aber auch die Bugholzmöbel der Firma Thonet, die sich gegen den opulenten Zeitgeschmack des Historismus durchsetzten.

Doch die gewollte Schlichtheit war schon ein Zug der Renaissance, schließlich gehörte die Klarheit der Gedanken zu den Grundimpulsen von Humanismus und Aufklärung. Auch der Aufstieg des Bürgertums am Ende des 18. Jahrhunderts brachte die betonte Einfachheit des "Dritten Standes“ in Stellung gegen die (auch stilistisch) ausschweifende Selbstinszenierung des Adels. "Ich gehe verdrießlich kaum mehr hinaus. Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk und Vergoldung will man mehr“, lässt Goethe eine Figur in seinem Epos "Hermann und Dorothea“ über den damaligen Geschmack schimpfen. In Frankreich kam das Bürgertum an die Macht und übernahm, da es nun keinen Grund mehr gab, sich vom Adel abzugrenzen, bald auch dessen Üppigkeit im Stil. In Österreich jedoch, wo dem Bürgertum politische Mitsprache bis 1848 verwehrt blieb, entstand als Reaktion darauf das Biedermeier, eine von Schlichtheit, Einfachheit und dem Drang zur Natürlichkeit geprägte Epoche.

Die ausgestellten Biedermeier-Möbel und kunsthandwerklichen Objekte aus Silber sind äußerst schlicht, funktional und verzichten weitgehend auf Verzierungen. Die Künstler im Wien der Jahrhundertwende holten sich aus dieser Epoche wichtige Anregungen für ihre eigenen Arbeiten.

Einfach teuer

Oftmals war die Reduktion auf das Formale jedoch keine bewusste ästhetische Entscheidung, sondern Folge ökonomischer Beschränkung und notwendiger Zweckerfüllung. Gebrauchsgeräte wie Töpfe, Pfannen, Schüsseln, Krüge oder Kannen blieben über Jahrhunderte unverändert einfach, da jede Verzierung einen finanziellen Mehraufwand bei der Erzeugung, aber auch einen größeren Zeitaufwand bei der Reinigung bedeutet hätte. Allein die Erfindung des Kochherdes mit vollkommen geschlossenem Feuerraum brachte eine Veränderung im Design der Kochutensilien mit sich. Auch die in früheren Zeiten notwendigen Toilette- und Reisegarnituren waren äußerst sparsam und funktionell gestaltet, schließlich mussten sie platzsparend untergebracht werden und sich leicht reinigen lassen. Der Schlichtheit der Form stand freilich eine große Qualität in der Ausführung gegenüber.

Schlichtheit als Ausdruck höchsten Luxus: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das weiß jeder, der schon einmal in einem Katalog der Firma Manufactum geblättert hat, die traditionell hergestellte Haushaltsartikel vertreibt - zu Preisen, die sich nur Gutverdienende leisten können.

DINGE. schlicht und einfach

MAK Wien, Stubenring 5, 1010 Wien

bis 7. Oktober, Mi-So 10-18, Di bis 22 Uhr