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Monumente für ein besseres Leben

In Vorwahlzeiten sind im WAGNER:WERK Museum Postsparkasse die Pionierleistungen des sozialen Wohnbaus gegenwärtig. Die Schau „Wagner-Schule: Rotes Wien. Architektur als soziale Utopie“ zeigt, wie Schüler von Otto Wagner das Gesicht der Gemeindebauten prägten.

Die Wiener Postsparkasse ist ein Hauptwerk von Otto Wagner und ein Meilenstein der frühen Moderne. Passend zum Wahlkampf spannt die dortige Ausstellung „Wagner-Schule: Rotes Wien. Architektur als soziale Utopie“ einen Bogen von Otto Wagner zur Pionierzeit des Roten Wien. Denn viele repräsentative Hochburgen und Flaggschiffe des kommunalen Wohnbaus wurden von Wagner-Schülern entworfen. Die Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste war elitär, zwischen sechs und zehn Studierende stießen pro Jahr in die Meisterklasse dazu. Sie hatten ein großstädtisches Miethaus, ein monumentales öffentliches Gebäude und als Abschlussarbeit ein ideales, fantastisches Projekt zu entwerfen. Beste Voraussetzungen, um eine Architektur zu entwickeln, die Identität stiften und der sozialen Utopie des roten Wien Gestalt verleihen konnte.

„Die wichtigsten Architekten von Gemeindebauten der 20er Jahre stammen aus der Wagner-Schule“, so Wolfgang Förster, Leiter der Wiener Wohnbauforschung (MA50). Er und Monika Wenzl-Bachmayer kuratierten die Schau. Otto Wagner war ein Großbürger, der sich bei Zinshäusern, die er plante, auch als Immobilieninvestor betätigte. Als begnadeter Stadtplaner verstand er es, große Baumassen meisterhaft in die Topografie zu integrieren. „Dabei behielt er stets den menschlichen Maßstab im Auge und entwarf alle Elemente bis ins Detail aus einer Hand. Man denke nur an die niedrigen Stufen seiner Stadtbahnstationen“, so Förster. „Dieses Wissen transformierten seine Schüler in die Wohnungen des Roten Wien.“

Mehr Lebensqualität und Selbstbewusstsein

Der große Kassensaal der Postsparkasse mit seinen Stützen und der leicht gewölbten Decke aus Glas und Stahl bildet das stimmige Ambiente für die roten Schautafeln mit Meilensteinen des sozialen Wohnbaus, die sich dank einer Zeitschiene in einen historischen Kontext einordnen lassen. Sie waren weit mehr als nur Häuser: Die kunstvoll gestalteten, oft symmetrisch aufgebauten, riesigen Anlagen mit ihren Portalen, Statuen, Erkern, Balkonen, grünen Höfen, Kindergärten, Waschküchen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen wurden zu monumental überhöhten, baulichen Manifesten der sozialen Utopie einer solidarischen Gesellschaft. Wie die Infrastruktur der Stadtbahn veränderten sie Wien: mehr Lebensqualität und Selbstbewusstsein.

Am 4. Mai 1919 errang die sozialdemokratische Partei erstmals die absolute Mehrheit, Bürgermeister der damals einzigen sozialdemokratisch regierten Metropole war Jakob Reumann. Josef Bittner und Hubert Gessner setzten ihm später mit dem Reumann-Hof (1924–26) ein bewohnbares Denkmal. 1923 führte Finanzstadtrat Hugo Breitner die zweckgebundene Wohnbausteuer auf Luxusgüter ein, die eine bis dato einzigartige Wohnbauoffensive ermöglichte, die dem unsäglichen Elend der Bettgeher-Ära ein Ende setzte. Innerhalb von 14 Jahren wurden 61.175 Wohnungen in 348 Wohnhausanlagen, 42 Siedlungsgruppen mit 5.257 Siedlerhäusern und 2.155 Geschäftslokale errichtet. Nebenbei ein wirksames Beschäftigungsprogramm: Man baute pragmatisch mit Ziegeln, nicht mit modernem Stahlbeton. 1934 wohnte bereits ein Zehntel der Wiener Bevölkerung im Gemeindebau. Die Miete war ein politischer Willensakt: Sie betrug 1925 bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 222 Schilling zwischen 7,60 bis 9,60 Schilling. Exklusive Heizung, inklusive sozialer Infrastruktur: 33 Zentralwäschereien, 55 Kindergärten, 17 Ambulatorien, 14 Mutterberatungsstellen, acht Schulzahnkliniken, 66 Büchereien, vier Turnsäle, 74 Konsumlokale …

„Wenn wir einst nicht mehr sind, werden die Steine für uns sprechen“: So eröffnete Bürgermeister Karl Seitz den Karl-Marx-Hof (1927–1930). Bravourös bändigte der frühere Wagner-Schüler und spätere Stadtbaurat Karl Ehn das gewaltige Volumen des Superblocks mit den 1.325 Wohnungen, dessen über einen Kilometer lange Fassade um fünf große, grüne Höfe mäandert. Den Ehrenplatz in der Mitte adelt ein portalartiger Bauteil mit halbrunden Triumphbögen, Balkonen, Loggien und Turmaufbauten. Josef Franz Riedl schuf die expressiven Figuren auf den Schlusssteinkonsolen der Portale: Symbole für Freiheit, Aufklärung, Fürsorge und Körperkultur. In der Wohnung über dem „blauen Bogen“ an der Heiligenstädterstraße lebte Hugo Meisl (1881–1937), der Kapitän des legendären Wunderteams. Ihr Originalmobilar – altdeutsche Kredenz, ein vergilbtes Mannschaftsfoto, ein Krug mit Artilleriebeschuss – ist ausgestellt.

Recht auf Schönheit

In bester Wagnerscher Tradition wusste Hubert Gessner das „Recht auf Schönheit“, das sein Freund Victor Adler für die Arbeitenden einforderte, im sozialen Wohnbau umzusetzen. Ein Mitteltrakt mit kunstvoll aufgefalteten Fenstern und Arkaden, ein Springbrunnen und eine Reumann-Büste im Ehrenhof machen den Reumannhof zu einem Prunkstück unter den Gemeindebau-Perlen am Margaretengürtel, der als „Ringstraße des Proletariats“ in die Annalen einging. Auch der heutige Karl-Seitz-Hof, vormals Gartenstadt Jedlesee (1926–33) ist von Gessner geplant. Die Neue Wirtschaft am 21. Jänner 1926: „Die Gemeinde Wien ist jetzt am Werke, ein Wohnbauprojekt auszuführen, das in solcher Großzügigkeit noch in keiner Stadt der Welt in Angriff genommen wurde. Es wird in Floridsdorf ein Komplex von Wohnbauten geschaffen, in welchem 1.800 Wohnungen nebst zahlreichen Geschäftsläden, Bädern, Kinderhorten usw. Raum finden. Es ist eine Stadt in der Stadt, die da gebaut wird, ausgestattet mit allen Errungenschaften der neuzeitlichen Technik.“ Das waren noch Zeiten.

Wagner-Schule: Rotes Wien. Architektur als soziale Utopie.

WAGNER:WERK Museum Postsparkasse. Großer Kassensaal, Georg Coch-Platz 2, 1010 Wien. Mo-Fr, 9.00-17.00, Sa 10.00-17.00. Bis 28. August 2010.

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