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Kunst und Wirklichkeit

Gegen die Lüge von der "heilen Welt" Von Otto Mauer die furche 11. 11. 1972

1. Kunst ist Täuschung, Illusion, Utopie, ja Verführung? Hat sie die Absicht, durch die Erzeugung ästhetischer Gebilde den Menschen vom Bewußtsein seiner leidvollen Existenz abzuziehen und die Verbesserung der gesellschaftlichen Notstände ad acta zu legen? Hat sie die Absicht, eine schöne, heile Welt vorzutäuschen und damit ein Opium zu schaffen, das die harten Fragen der persönlichen und gesellschaftlichen Realität zu süßem Schweigen bringt? [...]

2. Oder ist Kunst ein Instrument des Klassenkampfes von unten, hat sie die Aufgabe, sich politisch zu engagieren, die Welt des reinen Ästhetizismus zu verlassen, keine Weltbespiegelung, ja nicht einmal eine Diagnose von Zuständen zu sein, sondern den Hebel der Revolution in Bewegung zu setzen, der die Zustände real verändert? Bezieht Kunst ihren Realitätswert ausschließlich von solchem Charakter und solchen Vorhaben? [...]

Was ist darauf zu sagen? Zunächst wohl, daß Kunst nicht die Aufgabe hat, Kopie zu sein, nicht der Natur, nicht des Lebens und seiner Zustände. [...]

Kunst lebt nicht von äußerer, sondern von innerer Wirklichkeit, so wie die Lyrik gegenüber der Epik. Der Mensch ist selbst Realität genug. Wenn er sich (gewiß in Kontroverse mit den ihn umgebenden Realitäten) expliziert, hat das strikten Realitätscharakter, und Kunst ist Aussage und Offenbarung des Menschen und seiner inneren Vorgänge, seines Verständnisses von Welt und Schicksal. Kunst ist Interpretation im physischen Medium in konkreter Gestalt, eine Art "Philosophie des Konkreten".

Kunst hat also Erkenntnischarakter, sie greift nicht unmittelbar ins Politische ein, es sei denn über Bewußtseinsänderungen. Kunst ist eine Realität sui generis. Sie bedarf auch zu ihrer moralischen Berechtigung keiner Legitimation durch außerhalb ihrer selbst liegende Ziele. Gewiß, es besteht kein Hindernis, daß Kunst kultischen Zwecken dient, kein Hindernis, daß sie politische Aufträge erfüllt; diese Nebenfunktionen leistet sie gerne. Aber sie läßt sich nicht darauf festlegen, von dorther ihre Existenzberechtigung abzuleiten. [...]

Die Kunst ist eine Prophetie des eschatologischen Paradieses und damit hat sie dynamischen und realistischen Charakter. Sie darf auch nicht unter die sogenannte Natur versklavt werden. Wird sie auf Abbildung, auch auf interpretative, festgelegt, fesselt man ihre Freiheit der Gestaltung. Bild ist eben nicht nur Exegese und Diagnose, nicht nur Abbild, sondern freies Gebilde menschlicher Phantasie absolutes kreatives Erzeugnis. Marxisten können das gewiß nicht ausstehen; sie verwenden Kunst als Propagandamaterial und schreiben ihr zudem die "Wirklichkeiten" vor, die sie zu liefern hat: Das vergnügliche Fest in der Kolchose, die tolle Arbeitsleitung des Stachanowisten, die Heldentaten der Roten Armee, die willige Erfüllung der Fünf-Jahres-Pläne. Daher auch die Schöpfung des "Sozialistischen Realismus", einer Gebrauchs- und Sklavenkunst, die auf Auftrag arbeitet und auf Auftrag schweigt.

Kunst und Realität: Die Kunst ist Zeichen; sie verweist nicht nur auf naturhafte, soziale und geschichtliche Realitäten, sie verweist auf eine transzendente Realität und vermag deshalb - auch ohne Realismus - höchst realistisch zu sein.

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