Im Atelier Augarten zeigt die Österreichische Galerie Belvedere, wie sich Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart mit Egon Schiele auseinandersetzen.

Egon Schiele war einer meiner Lehrmeister", bekennt der Ex-Aktionist und heutige Bild-Dichter Günter Brus anlässlich einer Ausstellung im Atelier Augarten des Wiener Belvedere - "er war es, der meinen Selbstleibrhythmus (neben Gerstl) bestimmte. Seine Leibverrenkungen machten mir Mut, diese an meinem Körper (Body Art) zu vollziehen." Günter Brus ist sicher derjenige österreichische Künstler, den man als konsequentesten Nachfolger Egon Schieles bezeichnen kann - sowohl das Ins-Zentrum-Stellen des eigenen Körpers als auch die Intensität des zeichnerischen Strichs betreffend. Zu Recht befinden sich Werke von Brus zu Beginn und am Ende einer Ausstellung im Atelier Augarten des Belvedere. Nach Schiele versteht sich als Fortsetzung der Sommerausstellung im Belvedere Die Tafelrunde. Egon Schiele und sein Kreis und spinnt das Beziehungsgeflecht rund um den früh verstorbenen expressiven Zeichner bis in die Gegenwart fort. An sich ein spannendes Thema, erinnert es doch, dass Kunst immer in Bezug zur Kunst der Vergangenheit entsteht.

Einige der Arbeiten wie Hubert Schmalix' Häuserbild (1989) oder Sherrie Levines After Egon Schiele (1982/2001) entstanden bereits lange vor der Ausstellungskonzeption, andere wie Marcin Maciejowskis 1910 + 1914 hingegen wurden eigens für die Schau im Atelier Augarten gemalt.

Nicht alle Arbeiten sind so überzeugend wie die von Brus, der mit Schiele nicht nur die Intensität und exzessive Arbeitsweise gemeinsam hat, sondern biografisch so Manches mit diesem teilt. Sowohl Schiele als auch Brus mussten ihrer Kunst wegen ins Gefängnis. Günter Brus hat die Haftzeit später in den zwei Text-Bild-Heften Patent Merde und Patent Urinoir verarbeitet, Schiele konnte sich bereits während der Haft in Text und Bild Ausdruck verschaffen, indem er auf ein Blatt neben ein Selbstporträt den mittlerweile legendären Satz schrieb: "Ich werde für die Kunst und meine Geliebten gerne ausharren!"

Sherrie Levine amerikanische Meisterin der "Aneignungs-Kunst" thematisiert in Foto-Reproduktionen von Schiele-Abbildungen die Transformationen eines Bildes durch die mediale Vermittlung. Um den "Mythos Schiele" und die Biografie des nur 28-jährig verstorbenen Künstlers geht es in Christoph Webers Doppelprojektion, in der Ausschnitte aus zwei Schiele-Spielfilmen aus den 1980er Jahren einander gegenübergestellt werden.

Berührend die sensiblen Zeichnungen des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone. Ausgehend von Schieles Krumauer Häuserfront-Blättern hat Rondinone kleinformatige Architektur-Zeichnungen gefertigt, die zwar an Schiele erinnern, sich aber bewusst durch ihren ruhigen bedächtigen Strich von Schieles exzessiver Zeichenmanier abheben.

Nachvollziehbar, dass man auch Künstler zeigen wollte, die sich ironisch oder distanziert mit Schiele auseinandersetzen. Dieser plausible Ansatz geht in der räumlichen Präsentation aber nicht auf. Arbeiten wie Keith Farquhars ausgestopfte Jeans mit den Namen Egon Schieles und Oscar Wildes auf den Hosenbeinen wirken nicht bereichernd und mit wenigen Ausnahmen erscheint auch die Auswahl der Künstler nicht zwingend. Mitunter ist die Bezugnahme zu gewollt, da hätten möglicherweise auf den ersten Blick entferntere Arbeiten im übertragenen Sinn mehr mit Schiele zu tun gehabt. Nicht entgehen lassen sollte man sich allerdings das hervorragende Katalog-Buch mit interessanten Texten und spannenden Künstler-Interviews.

NACH SCHIELE

Atelier Augarten, Zentrum für zeitgenössische Kunst der Österreichischen Galerie Belvedere

Scherzergasse 1a, 1020 Wien

www.atelier-augarten.at

Bis 11. 2. 2007 Di-So 10-18 Uhr

Katalog: Nach Schiele, hg. v. Tobias G. Natter und Thomas Trummer, DuMont Verlag, Köln 2006, 182 Seiten, e 20,-

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