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Der Teufelskreis der Stressfaktoren

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Chronische Schmerzen werden häufig von Angst, Depression und Schlafstörungen begleitet. Psychiater Martin Aigner über diagnostische Missverständnisse und nachhaltige Behandlung.

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Chronische Schmerzen werden häufig von Angst, Depression und Schlafstörungen begleitet. Psychiater Martin Aigner über diagnostische Missverständnisse und nachhaltige Behandlung.

Beim letztwöchigen Schmerz-Kongress an der Donau-Universität Krems referierte Martin Aigner, Psychiatrie-Primarius am LKH Tulln, über die Wechselwirkungen von Stress und Schmerz. Die FURCHE hat nachgefragt.

Die Furche: Stress und Schmerz können sich wechselseitig verstärken. Bedeutet zunehmender Stress höhere Schmerzanfälligkeit? Martin Aigner: Unsere Gesellschaft ist schneller geworden. Wenn man Stress als Auslenkung aus dem Gleichgewicht versteht, ist die Balance-Anforderung sicherlich größer als früher. Das bedeutet eventuell ein höheres Risiko für chronischen Schmerz. Denn Stress kann dazu beitragen, dass Schmerzen längerfristig bestehen, was wiederum zu Fehlfunktionen führen kann. Besonders gefährdet sind Menschen, die durch den Schmerz in ein extremes Vermeidungsverhalten kommen, oder jene, die den Schmerz ignorieren und ihre Aktivitäten nicht entsprechend anpassen.

Die Furche: Welche körperlichen Prozesse spielen bei der Entwicklung von chronischen Schmerzen eine Rolle?

Aigner: In unserem Zentralnervensystem gibt es absteigende Nervenbahnen mit schmerzhemmender Funktion, die gleichsam das Schmerztor zum Gehirn verschließen können. Bei längerfristigem Stress kommt es hier zu einer Fehlsteuerung, sodass das Schmerztor offen bleibt. Dann dringen schmerzhafte Reize ins Bewusstsein, die normal ausgeblendet werden. Zudem können anhaltender Schmerz und andere Stressoren negative Feedback-Schleifen überbeanspruchen. Es kommt dann mitunter zu einer unterschwelligen Entzündungslage: Typisch sind Beschwerden wie vor einer Grippe, etwa Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen oder ein fiebriges Gefühl.

Die Furche: Welche Schmerzkonzepte sind heute relevant?

Aigner: Schmerz ist eine Mischung aus einem Sinnes- und Gefühlserleben. In der westlichen Welt haben wir nach wie vor ein stark sensorisch geprägtes Schmerzmodell. Von Descartes gibt es die berühmte Zeichnung eines Schmerzmännchens, bei dem die Schmerzleitungen zum Läuten einer Schmerzglocke im Gehirn führen. Schmerz wird hier rein sensorisch erklärt. Das hat ja auch zu großen Erfolgen geführt, etwa bei der Lokalanästhesie. Aber wenn sich ein chronischer Schmerz entwickelt, wird der emotionale Anteil immer wichtiger, der beim sensorischen Schmerzmodell vernachlässigt wird.

Die Furche: Was ist bei der Schmerztherapie zu beachten?

Aigner: Essenziell ist die Unterscheidung von akutem und chronischem Schmerz, die auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen. Werden chronische Schmerzen wie akute behandelt, kann dies sogar zu weiterer Chronifizierung beitragen. Die drei Säulen bei chronischem Schmerz sind Physiotherapie, Medikamente und Psychotherapie. Es gibt auch chirurgische Indikationen wie Bandscheibenvorfall. Aber mehr als 80 Prozent der Rückenschmerzen sind unspezifisch. Wichtig ist ein flexibles Schmerz-Coping, wobei man versucht, den sensorischen Anteil zu meiden und den emotionalen Anteil zu konfrontieren. Schmerz ist an sich ein Warnsignal. Findet man aber keine Ursache, ist es ein Fehlsignal. Das ist so, wie wenn die Ampel immer rot leuchtet: Befindet sich der Supermarkt auf der anderen Straßenseite, würde man verhungern, wenn man das Signal befolgt. Das heißt, man muss sich irgendwann mit der emotionalen Dimension der Schmerzen auseinandersetzen.

Die Furche: Wie ist der enge Zusammenhang von Schmerz und Depression zu erklären?

Aigner: Depressionen können den Schmerz verstärken und aufrechterhalten; Schmerz wiederum kann eine Depression auslösen. Das System der körpereigenen Schmerzhemmung funktioniert im Fall einer Depression nur unzureichend. Daher kann die gleiche sensorische Schädigung bei depressiven im Vergleich zu gesunden Personen zu längeren und stärkeren Schmerzen führen. Wenn man während einer depressiven Phase einen akuten Schmerz erleidet, kann dieser leichter chronisch werden. Wenn umgekehrt Schmerzen längere Zeit als unkontrollierbar erlebt werden, kommt es zu einer psychischen Belastung, die in eine Depression münden kann.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Schmerzversorgung in Österreich?

Aigner: Es wurden Fortschritte erzielt, etwa bei der Ausbildung, indem bei der Ärztekammer ein eigenes Schmerzdiplom etabliert wurde. Aber bei der Kooperation der Behandlungsebenen, vom praktischen Arzt bis zur spezialisierten Schmerzambulanz, gibt es Verbesserungsbedarf und auch Sparpotenzial. Viele Patienten betreiben ein "Doctor Hopping": Sie wechseln oft den Arzt und können so nicht in eine konstante Therapie einbezogen werden. Häufig wird dann chronischer mit akutem Schmerz verwechselt, was zu Fehlbehandlungen und auf die Dauer zu erheblichen Kosten führt.

Die Furche: Und wie sehen Sie hier die Rolle von Selbsthilfegruppen?

Aigner: Selbsthilfe ist prinzipiell eine gute Sache. Die Gefahr bei Schmerzpatienten liegt jedoch darin, dass sich die Patienten nur ihre Symptome erzählen, ohne sich dabei auch wechselseitig zu unterstützen - dass also die Gruppe in der "Schmerzschilderung" steckenbleibt. Der Zusammenschluss der Patienten sollte nicht zur "Jammergruppe" werden, denn das verstärkt nur den Schmerz. Daher ist es hilfreich, dass man Selbsthilfegruppen immer wieder mit sogenannten "Booster-Sitzungen" unterstützt, bei denen sich ein Experte einklinkt und eventuell neue Themen einbringt.

Das Gespräch führte Martin Tauss

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