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Literatur

Zynische Revolutionsromantik

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Die Aussagen zu politischen Themen des prototypischen engagierten Intellektuellen Sartre zeichnen sich durch eine erschreckende Naivität und Parteilichkeit aus.

Anlässlich seines 100. Geburtstages wird der "Jahrhundert-Mensch" Sartre - so Bernard-Henri Lévy in seiner viel beachteten Sartre-Biografie - entsprechend gewürdigt. Symposien und Ausstellungen in Paris, Berlin, München und Wien widmen sich dem philosophischen Werk, den Romanen, Essays und Dramen des französischen Philosophs. Wie kaum ein anderer Philosoph des 20. Jahrhunderts verkörperte Sartre den Typus des engagierten Intellektuellen, der die Freiheit des Menschen als zentrales Anliegen betrachtete. Er zeichnete sich durch zahlreiche Widersprüche aus, die er ironisch kommentierte: Er sei nicht derjenige, so der Meisterdenker, dem er sein Vertrauen schenken würde. Wenig Vertrauen konnte man auch seinen politischen Stellungnahmen entgegenbringen. Er verstand sich zwar als engagierter Intellektueller, der "im kritischen Säurebad Mythen und Fetische zerstören" wollte; die Anmerkungen zu konkreten politischen Themen zeichneten sich jedoch durch eine erschreckende Naivität und Parteilichkeit aus. Dieser "Jahrhundert-Mensch" und Kämpfer für die Freiheit verband sein Anliegen, "mit der Feder für eine bessere Welt zu kämpfen", mit der Verherrlichung des linken Totalitarismus.

Sartres politisches Sündenregister reicht bis in das Jahr 1952 zurück: Er nahm an der Tagung der Weltfriedensbewegung teil, die Bernard-Henri Lévy mit der stalinistischen Internationale gleichsetzt. Es war die Zeit des brutalen stalinistischen Terrors, der unzählige Opfer forderte.

Politisches Sündenregister

Obwohl Jean-Paul Sartre über diese Gräueltaten Bescheid wusste und obwohl ihn das menschenverachtende Regime als "maschinenschreibende Hyäne" bezeichnete, drückte Sartre seine Freude darüber aus, dass ihn die Avantgarde der Weltrevolution als einen gleichberechtigten Mitkämpfer anerkannte.

Die Anbiederung an den totalitären Kommunismus erfuhr noch eine Steigerung: 1954 unternahm er eine Reise in die Sowjetunion, von der er mit erstaunlichen Einsichten zurückkehrte. "Der sowjetische Bürger besitzt eine uneingeschränkte Freiheit der Kritik", so wusste Sartre zu berichten. Kein Wort von Schauprozessen oder dem Archipel gulag. Im Gegenteil: Die in die Lager gesperrten Schriftsteller hätten so die Möglichkeit, "neue Bücher zu schreiben, um ihre Fehler wieder gutzumachen". Der stalinistischen Repressionsmaschine gestand Sartre eine "permanente Selbstkritik" zu, die dem Wohl der proletarischen Massen diene. Beeindruckt zeigte er sich auch von den Pionierlagern, in denen "Kinder vor großen Stalinporträts tanzten und vergnügt waren". Der Höhepunkt der kitschigen Revolutionsromantik findet sich in einer Eloge auf Fidel Castro, dem heiß geliebten Führer des kubanischen Volkes, die während einer Reise nach Kuba im Frühjahr 1960 entstand. "Der wahre Humanist" Castro erhielt den Status eines mythischen Helden: "Ich habe Fidel inmitten seiner Kubaner gesehen; die Kubaner waren einer nach dem anderem eingeschlafen, aber Castro vereinte sie in einer einzigen durchwachten Nacht: der nationalen Nacht, seiner Nacht".

Die Verklärung des kommunistischen Staatsterrors erfuhr bald eine Erweiterung: Sartre rechtfertigte offen die revolutionäre Gewalt. Bereits 1961 verteidigte er im Vorwort des Buches "Die Verdammten dieser Erde", das der algerische Freiheitskämpfer Frantz Fanon verfasst hatte, den Einsatz von Gewalt gegen die französische Kolonialherrschaft. Er ging sogar so weit, brutale Morde mit einem kaum zu überbietenden Zynismus zu rechtfertigen: "Einen Europäer zur Strecke zu bringen, heißt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nämlich einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus dem Weg zu räumen. Übrig bleiben ein toter und ein freier Mann."

Sartres Eintreten für Gewalt erreichte in den postrevolutionären Jahren nach 1968 seinen Höhepunkt. Er verbündete sich mit den militanten Maoisten und fungierte als Herausgeber der maoistischen Zeitschrift La Cause du peuple. Darin konnte man Aufrufe lesen, "die Bosse bluten zu lassen", ihnen bei lebendigem Leib "das Fell abzuziehen" wie den Schweinen, "die sie sind". Sartre zeigte sich von der Brutalität der Wortwahl zwar unangenehm berührt, in der Sache selbst stimmte er mit den Maoisten überein: "Ein revolutionäres Regime muss sich einer gewissen Anzahl von Individuen, die es bedrohen, entledigen."

Höhepunkt 1968

Diese Äußerungen erinnern an die Texte der Roten Armee Fraktion, die ebenfalls vom Dualismus "entweder Mensch oder kapitalistisches Schwein" ausgingen. 1974 kam es dann zur Begegnung Sartres mit Andreas Baader, dem Mitbegründer der Roten Armee Fraktion, im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim. Nach den Informationen von Daniel Cohn-Bendit verteidigte Baader Attentate, Geiselnahmen und Morde als gerechtfertigte Mittel, um den verhassten Imperialismus zu bekämpfen. Sartre empfand zwar kaum Sympathie für Baader; er weigerte sich jedoch, ihn als Kriminellen zu bezeichnen. "Aus meiner Apriori-Sympathie für die Linke sage ich", so Sartre in der Pressekonferenz, "dass Bader versucht hat, eine andere Gesellschaft herbeizuführen; diese Position scheint mir nicht skandalös". Sartre beklagte sich über die unmenschliche Isolationshaft, der Baader ausgesetzt war, und zeigte Verständnis für den Kampf der Roten Armee Fraktion gegen den "Schweine-Staat".

Beunruhigender Sartre

Erstaunlich ist die Nonchalance, mit der zahlreiche Kommentatoren von Sartres Werk diesen politischen Stellungnahmen begegneten. "Lieber mit Sartre irren als mit dem konservativen Raymond Aron Recht behalten" - so lautete eine häufig verwendete Devise. Gegenüber Heideggers Diktum "Wer groß denkt, muss groß irren dürfen" war man dann weniger nachsichtig. Immerhin wagte Bernard-Henri Lévy ein Fazit des politischen Sartre, das den historischen Tatsachen gerecht wird: "Das ist ein anderer Sartre, ein beunruhigender Sartre, der, je nachdem, Erschrecken, Verblüffung und Abscheu hervorrufen mag - und der jedenfalls unverständlicher ist als je zuvor."

Der Autor ist Mitarbeiter der orf-Wissenschaftsredaktion.