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Gehört Wilfried Seipel ins Museum?

Der scheidende Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums Wilfried Seipel hat ein Talent für Inszenierungen. Seit dem Sommer bereitet er den Weg seines Ausscheidens, das formal mit Dezember 2008 gegeben ist, vor. Er machte bereits eine Präsentation jener Erwerbungen, die ihm in seiner beachtlich langen Amtszeit gelungen sind, und verabschiedet sich jetzt mit einer Ausstellung "Mythos Antike". Jeder, der eine verantwortungsvolle Position hat, ist nicht frei von Kritikern und Neidern. Manche werden dahinter eine Eitelkeit entdecken, die zweifellos auch zu den Eigenschaften von Seipel zählt. Es darf aber gesagt werden, dass ihm das wirklich zusteht. Natürlich wird man auf den Diebstahl der Saliera hinweisen, als ob er ihn organisiert hätte. Ebenso begleiten seine umfassenden Aktivitäten eine Reihe von Storys, die der medialen Welt von heute entsprechen. Es gab so gut wie nichts, dessen Seipel nicht verdächtigt wurde - und das schon bei seiner Bestellung. Ich darf das alles feststellen, denn ich habe ihn bestellt und bekenne mich dazu. Warum? Weil seine Amtszeit ein wirklicher Erfolg war!

Denken wir an die Ausgangssituation. Der Zweiten Republik ist es gelungen, die Museen einen Dornröschenschlaf tun zu lassen. Die Republik wusste mit diesem großen Erbe der Monarchie nichts anzufangen. Erst spät wurde die bauliche Situation verbessert, nicht alle Kriegsschäden sind repariert, trotz der "Museumsmilliarde" 1987.

Eine unserer Zeit entsprechende Anpassung der Führung der Museen von beamteten Einrichtungen zu Präsentationsunternehmen von ungeheuren Schätzen, die auch ein Publikumsmagnet sein können, hat einige Zeit gebraucht. Wilfried Seipel ist einer von ihnen, der in Österreich tat, was anderswo früher begonnen hat. Dabei geht es nicht allein um entsprechende Publikumszahlen, repräsentative Ausstellungen und internationale Präsentationen. Es wurde das Bewusstsein geschaffen, dass wir außerordentliche Schätze kultureller Art zu zeigen haben und es auch können.

Ich bin überzeugt, dass dadurch eine kulturelle Identität unseres Landes hergestellt wird, die uns weit über unsere Grenzen und Größe hinaus sichtbar macht. Der Einsatz der Republik ist bescheiden, Drittmittel einzuwerben und kommerziell zu denken ist inzwischen selbstverständlich. Die Motivation von Sponsoren ist gelungen, dazu aber braucht es das entsprechende Talent.

Man mag meinen, dass Wilfried Seipel manchmal etwas barock agiert, aber angesichts der Schätze und des Hauses kann er das auch. Er wurde kritisiert, weil er vieles probiert hat, von dem einiges gelang, anderes sich nicht halten konnte, weil wir auch die Kapazitäten dazu nicht haben (z.B. Palais Harrach). Aber Seipel ist einer, der etwas unternommen hat, auch wenn manches nicht gelungen ist. Er ist ein Signal dafür, dass Museen etwas Lebendiges sind, das in unsere Zeit gestellt werden muss, um das Gedächtnis eines Landes und von Europa darzustellen. Man könnte sagen: Wilfried Seipel gehört in ein Museum, um als ein Zeichen kraftvoller Aktivität zur Schau gestellt zu werden. Ich bin aber auch sicher, dass mein Freund Wilfried Seipel sich nicht in ein Museum stellt, sondern Wege findet, sein Talent zu nutzen. Ich habe in den letzten Monaten mit Respekt registriert, dass er nicht nur seinen Abgang vorbereitet hat, sondern nicht nur nicht im Zorn, sondern mit Stolz darauf zurückblickt, gleichzeitig aber weiß, dass sich in seinem Leben eine Tür schließt, um andere zu öffnen. Dazu, lieber Wilfried, alles Gute!

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