„Da darf man sich nicht beirren lassen“

Die kommende Direktorin des Kunsthistorischen Museums, Sabine Haag, über weniger Blockbuster und mehr Selbstvertrauen und was man aus den Kunst- und Wunderkammern für das Museum des 21. Jahrhunderts lernen kann.

Die Kunsthistorikern Sabine Haag, 46, tritt mit 1. Jänner 2009 als neue Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien die Nachfolge Wilfried Seipels an. Anfang letzten Jahres wurde die Vorarlbergerin, die seit 18 Jahren im KHM arbeitet, zur Direktorin der Kunstkammer sowie der Weltlichen und Alten Geistlichen Schatzkammer des Hauses bestellt.

Die Furche: Sie sind zur KHM-Direktorin bestellt worden, ohne sich beworben zu haben. Wie ist das, wenn man an Leuten wie Max Hollein vorbeizieht?

Sabine Haag: Das muss man einfach komplett ausblenden. Als jemand, der schon sehr lange im Haus ist, habe ich andere Vorteile.

Die Furche: Welche denn?

Haag: Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie ich die einzelnen Mitarbeiter motivieren kann.

Die Furche: Zu Ihrer Bestellung hat die Hälfte der befragten Museumsdirektoren gesagt: „Tut mir leid, ich kann dazu nichts sagen. Ich kenne Sabine Haag nicht.“

Haag: Ich nehme das zur Kenntnis. Da geht es offensichtlich um Hierarchien. Viele der Museumsdirektoren, die sagen, sie kennen mich nicht, waren sehr wohl bei meinen Ausstellungseröffnungen. Es zeigt mir einfach, in welchen Bahnen da gedacht wird.

Die Furche: Sie sind in den letzten Wochen oft gefragt worden, ob Sie Ihren Karrieresprung mit Ihrer Familie abgesprochen hätten. Einen Mann hätte man das vermutlich nicht gefragt.

Haag: Ich weiß, dass man das einen Mann nicht gefragt hätte. Die Frage kam wie das Amen im Gebet. Es ärgert mich nicht, aber es ist wirklich nicht mehr zeitgemäß.

Die Furche: Was fällt Ihnen zum Stichwort Blockbuster-Ausstellungen und KHM ein?

Haag: Das waren Ausstellungen mit griffigen Themen, die darauf abzielten, ein Megapublikum anzuziehen. Verbunden ist das auch immer mit dem letzten Endes virtuellen Versicherungswert einer Ausstellung, der – eben weil er virtuell ist – nicht aussagekräftig ist. Blockbuster-Ausstellung klingt auch sehr modern und zeitgeistig. Darum taucht es gerade auch in der Diktion immer wieder auf – um gegen andere Häuser zu bestehen.

Die Furche: Haben Sie vor, diese Linie Ihres Vorgängers weiterzufahren?

Haag: Wenn es bedeutet, möglichst viel und teuer von außen einzukaufen, sehr oft auch zu Lasten der Kunstwerke, dann möchte ich das nicht. Wenn es aber auch heißen kann, aus den Beständen des Hauses etwas Publikumswirksames zu entwickeln, dann sehr gerne.

Die Furche: Ist das realistisch?

Haag: Davon bin ich überzeugt. Interessanterweise vertrauen alle viel zu wenig auf die wirklich schlagkräftige Qualität und Substanz der Sammlungen des KHM. Ich möchte, dass sich das ändert.

Die Furche: Worauf genau hat man denn bisher zu wenig vertraut?

Haag: Im Bereich der Kunstkammer gibt es grandiose Bestände, die relativ unbekannt sind. Dasselbe gilt für das Monturendepot. Bis vor kurzem war auch die Wagenburg nicht in ihrer Qualität bekannt. Auch die Sammlung der Musikinstrumente im Museum für Völkerkunde ist großartig. Viele Bestände sind nicht präsent, weil sie noch nie in besonderer Weise präsentiert wurden.

Die Furche: Die brauchen Sonderausstellungen?

Haag: Wie der Name schon sagt: Eine Sonderausstellung aus Beständen macht durch die Präsentation etwas Besonderes aus diesen Beständen. Da heißt es dann plötzlich in der Presse: „Endlich einmal zu sehen!“, obwohl vieles ohnehin immer zu sehen wäre. Für mich bedeutet das, dass man die Dinge eben immer wieder einmal in eine besondere Art der Präsentation bringen muss.

Die Furche: Woran werden Sie Ihren Erfolg als Museumsdirektorin messen – wenn nicht an den Besucherzahlen?

Haag: Die Besucherzahlen sind es natürlich auch. Für mich wäre es ein Erfolg, wenn die wissenschaftliche Qualität des Hauses in ihrer vollen Breite besser zur Geltung käme. Dass es also nicht nur drei oder vier Leute sind, die gute Ausstellungen machen. Auch sehr viele, vor allem jüngere Kuratoren sind dazu in der Lage, wenn man es ihnen ermöglicht.

Die Furche: Was wäre denn eine beispielhafte Ausstellung aus den Beständen des Hauses?

Haag: Das KHM hat sicher die Verpflichtung, um die Kernbestände des Hauses herum zu arbeiten. Man kann versuchen, das in der Gegenwart zu verankern. Das soll aber nicht das grundlegende Muster sein. Wir müssen uns ja nicht von der Geschichte der Kunst distanzieren. Ein Augenmerk wird auch die zusätzliche didaktische Aufbereitung sein, weil unser Haus das Problem hat, dass das Wissen um die Arbeiten, die hier versammelt sind, zum Zeitpunkt der Entstehung des KHM viel selbstverständlicher war als heute. Die Bildungsstandards haben sich verändert, speziell bei einer jüngeren Generation. Da gehört ein engeres Netzwerk gesponnen.

Die Furche: Zum Beispiel eine Kombination aus Renaissance-Tapisserien mit modernen Reklameplakaten, um durch vergleichendes Sehen zu erhellen, dass beide eine ähnliche Funktion erfüllen?

Haag: Unbedingt. Das soll ein Gegeneinander-Spiegeln von historischen und zeitgenössischen Medien sein, die auch aus ganz anderen Gattungen kommen können. Das muss nicht immer in großem Stil passieren, aber solche Grenzüberschreitungen sind meiner Meinung nach sehr wichtig.

Die Furche: Sie sind derzeit die Direktorin der Kunstkammer des KHM. Die Kunstkammern der Renaissance, in denen die Sphären des Künstlichen und Natürlichen noch nicht getrennt waren, waren die Vorläufer der heutigen Museen. Ist daraus irgendetwas für die Leitung eines Museums im 21. Jahrhundert zu lernen?

Haag: Die Sammelform der Kunstkammern, die auf alle Phänomene der Welt abzielt, ist meiner Überzeugung nach die, die sich am idealsten mit unserem heutigen Alltag verbinden lässt. In den Kunstkammern ging es auch um die Verfremdung von Materialien, um die Verkünstlichung von Natur und um die Erschaffung neuer, künstlicher Welten. Auch das entspricht genau unserem heutigen Alltag. Wenn der Betrachter eines Kunstkammerobjekts aus dem 16. Jahrhundert genau diesen Vorgang spürt, dann versteht er auch, warum es für einen damaligen Sammler so begehrenswert war.

Die Furche: Der Einkaufsauftrag des berühmten englischen Sammlers John Tradescent d. Ä. an die britische Handelsflotte lautete kurz und bündig: „Alles, was seltsam ist“. Kann es heute im Museum noch ums Wundern und Staunen gehen?

Haag: Für einen erfolgreichen Museumsbesuch braucht es von allem ein bisschen: den Aha-Effekt und den Wiedererkennungswert, der Sicherheit gibt. Wenn es gelingt, diese Mischung zu generieren, dann hat man eine fantastische Ausstellung.

Die Furche: Wie macht man das – zum Beispiel bei der Neuaufstellung der Kunstkammer des KHM, die 2010 wiedereröffnet werden soll?

Haag: Indem man besonders aufsehenerregende und aussagekräftige Stücke sehr stark in den Mittelpunkt rückt und einzeln präsentiert. Die Auseinandersetzung mit einem konkreten Objekt schafft die Voraussetzung, sich auch anderen zuzuwenden.

Die Furche: Ist Sammeln eine Leidenschaft oder ein Krankheitsbild?

Haag: Es hat wahrscheinlich von beidem etwas.

Die Furche: Die berühmteste und größte Kunst- und Wunderkammer-Sammlung eines Habsburgers, der auch das KHM viel verdankt, war die, die Kaiser Rudolf II. in Prag angehäuft hat. Den Großteil davon hat absurderweise nie irgendjemand zu sehen gekriegt.

Haag: Wobei der Sammlungsaufbau Rudolfs II. eben überhaupt nicht absurd, sondern nach einem äußerst intelligenten Schema aufgebaut war: Die Grundfesten waren, Naturalien, Artificialien und Scientifica zu sammeln und im Endeffekt ein Theatrum mundi zu entwerfen, die Darstellung eines Mikrokosmos. Wenn man bedenkt, dass Julius von Schlosser, der 1908 das Standardwerk über Kunst- und Wunderkammern publiziert hat, über die Sammlung Rudolfs II. als der Sammlung eines Verrückten gesprochen hat, und wenn man dann eben weiß, wie sich die Forschung seit 1976 in die entgegengesetzte Richtung entwickelt hat, dann versteht man am besten, dass die Frage, ob ein Sammeln als krankhaft oder als leidenschaftlich eingeschätzt wird, ein Phänomen der Zeit ist. Auch das ist für mich ein ganz wichtiger Beweis dafür, wie wichtig die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Beständen ist.

Das Gespräch führte Julia Kospach.

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