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"Keine Dutzendware"

Johann Kräftner, Direktor des Liechtenstein Museums, kritisiert im furche-Gespräch die großen Nationalmuseen als Durchhäuser und setzt auf die Zukunft eines Privatmuseums, wo der Besucher in barocke Kunst und Kultur eintauchen kann.

Die Furche: Herr Kräftner, Sie eröffnen im März 2004 das Liechtenstein Museum? Braucht Wien wirklich noch ein zusätzliches Museum?

Johann Kräftner: Es handelt sich nicht um eine neues Museum, sondern um die Rückkehr einer Sammlung. Wir sind ein sehr spezielles Museum und keine Dutzendware, darum glaube ich, dass Wien dieses Museum wirklich braucht. Es gibt es in allen Städten diese Privatmuseen: in London, in Paris, in New York - alles wunderbare kleinere Museen, die neben den großen staatlichen Molochen sehr gut besucht sind. Kleine Museen können einen intimeren Rahmen für die Kunstwerke bieten, der eigentlich den Palästen und Palais, für die sie gemacht worden sind, viel eher gerecht wird.

Die Furche: Sie streben 300.000 Besucher pro Jahr an. Wie wollen Sie in diesem harten Konkurrenzkampf den anderen Museen die Besucher abziehen?

Kräftner: Wir sind mit einer sehr aggressiven Werbestrategie unterwegs und haben etwas getan, was die anderen Museen nicht gemacht haben. Die haben mit wenigen Ausnahmen ihre Sonderausstellungen beworben, aber nie wirklich ihre Häuser, und wir bewerben das Haus international. Wir haben jetzt Pressekonferenzen in New York, Mailand und London hinter uns. Im Zuge dieser Kampagne werden wir alle großen Hauptstädte abklappern und versuchen, Touristen nach Wien direkt zu uns zu führen. Ich weiß, dass es uns nicht gelingt, 300.000 Leute mehr nach Wien zu bringen, aber ich hoffe doch, dass es uns gelingt, Leute aus dem Ausland zu mobilisieren, auch zu uns zu kommen. Dass sie dann woanders vielleicht nicht hingehen, das kann passieren.

Die Furche: Der härteste Konkurrent ist wohl aufgrund der historischen Überschneidungen das Kunsthistorische Museum. Wodurch wird sich das Liechtenstein Museum vom Kunsthistorischen unterscheiden?

Kräftner: Das Kunsthistorische Museum ist eines dieser riesigen Nationalmuseen, wo es sehr viel gibt - auch verschiedenste Kulturen, die wir nicht anbieten können. Wir wollen hier ein Gesamtkonzept vermitteln - und dieses Konzept steht unter dem Thema barocke Lebenslust. Mit dem Palais, mit dem Garten und mit unserem Restaurant bieten wir dem Besucher an, barocke Kunst und Kultur sehr direkt zu erleben. Er soll von den Objekten, die er hier sehen kann - und es sind nicht allzu viele - wirklich berührt werden, etwas mit nach Hause nehmen und nicht nur einfach durchtrotten.

Die Furche: Sie sprechen auf Ihrer Homepage von der Idee des "klassischen Musentempels", den Sie hier verwirklichen wollen? Was kann sich der Besucher darunter vorstellen?

Kräftner: Wir führen den Besucher zuerst in die Bibliothek. Dort wird es kleine Kabinettausstellungen geben. Das ist kein klassischer Museumsraum, aber es ist ein Raum, wo der Besucher zur Ruhe kommen und die Welt draußen lassen soll. Wir erleben, dass das funktioniert. Wir wollen kein lautes Museum sein, sondern den Besucher auf die Bilder hinführen. Es ist vielleicht eine sehr kontemplative Art und Weise, wie man hier Kunst erleben soll. Die großen Nationalmuseen sind Durchhäuser geworden. Die Japaner machen den Louvre in 20 Minuten und sind stolz darauf...

Die Furche: Und wie wollen Sie den Besucher im Liechtenstein Museum dazu bringen, die Bilder genauer anzusehen?

Kräftner: Ich mache keine kunsthistorische Hängung, sondern versuche die Bilder so zu hängen, dass sie im Kontext zueinander beginnen, selbst Geschichten zu erzählen und es dadurch auch dem Vermittler und dem Audio Guide möglich wird, diese Geschichten aufzunehmen und weiterzuspielen. Auch im Vermittlungsprogramm möchte ich mich von den anderen Häusern unterscheiden. So träume ich zum Beispiel davon, dass Großmütter Kindern in Form von Märchen die Kunst und die Geschichte des Hauses näher bringen.

Die Furche: Was sind für Sie persönlich die Highlights der Liechtensteinsammlung?

Kräftner: Wir haben eine der bedeutendsten Skulpturensammlungen, die von der italienischen Frührenaissance bis ins 19. Jahrhundert reicht. Ganz wichtig ist unser Raffael, "Das Bildnis eines unbekannten Mannes" und vor allem die Rubens-Sammlung mit dem Decius Mus-Zyklus - und dann haben wir ganz wunderbare Einzelbilder von Rubens wie die "Venus vor dem Spiegel" oder die Porträts seiner Kinder...

Die Furche: Sie erweitern die Sammlung ständig, haben im letzten Jahr spektakuläre Ankäufe getätigt - alle Erwerbungen waren einige Hundert Jahre alt. Hat die Gegenwartskunst, die ja zu Entstehungszeit der Liechtensteinsammlung im Zentrum des Interesses stand, für Fürst Hans-Adam II bzw. für Sie als Direktor keine Relevanz mehr?

Kräftner: Es sagt niemand, ob es nicht wieder einmal einen Fürsten geben wird - Hans-Adam von Liechtenstein ist es nicht -, der Lust hat, wieder Zeitgenössisches zu kaufen. Fürstenhäuser denken in anderen Dimensionen. Was sind in so einer Familie 20, 30, 50 Jahre...

Die Furche: Apropos Ankäufe: Sie haben ein Ankaufsbudget, von dem andere heimische Direktoren nur träumen können! Fühlen Sie sich durch diese Situation privilegiert?

Kräftner: Wir haben kein Ankaufsbudget, sondern kaufen an, so weit es der finanzielle Background auf der einen und das Anbot auf der anderen Seite ermöglichen. Sicher ist es in gewissem Sinn ein Privileg, Objekte neu erwerben und die Sammlung abrunden zu können. Andererseits ist es aber auch eine Aufgabe, diesen Objekten hinterher zu hecheln. Das Studieren von Katalogen beansprucht einen großen Teil meines Zeitbudgets.

Die Furche: Was war für Sie die aufregendste und bedeutendste Erwerbung seit Ihrer Bestellung zum Direktor?

Kräftner: Ich konnte ein bedeutendes Bild des Mailänder Malers Francesco Hayez aus Privatbesitz kaufen, das sich Gott sei dank außerhalb Italiens befunden hat, sonst wäre es den Weg über die Alpen sicher nicht gegangen. Dieses Bild ist auch deshalb so wichtig, weil ich mit den Neuerwerbungen Brücken von der österreichischen zur internationalen Malerei schlagen möchte und gleichzeitig zu zeigen versuche, wie gut österreichische Maler zu gewissen Zeiten waren. Francesco Hayez war mit Amerling gut befreundet, und die Porträtmalerei Amerlings ist sehr eng mit Hayez' Malerei verknüpft.

Die Furche: Sie sind bisher vor allem als Architekt, Ausstellungsgestalter und Architekturtheoretiker bekannt geworden? Wie geht es Ihnen mit der Rolle eines Direktors, der vor allem mit Malerei und Skulpturen betraut ist?

Kräftner: Für mich ist es ein wunderbarer Wechsel gewesen. Ich habe ihn mir selbst nicht so leicht vorgestellt, aber ich habe die Architektur tatsächlich weggeschoben und die Reißschiene bildlich an den Nagel gehängt. Hier bin ich voll und ganz in eine neue Welt eingetaucht und kann unglaublich gestalterisch tätig sein. Es ist ein Input an Fantasie notwendig, damit aus der Sammlung, dem Haus und den Neuerwerbungen etwas Wunderbares entsteht, wie ich hoffe.

Das Gespräch führte Johanna Schwanberg.

Johann Kräftner, geb. 1951, studierte Architektur, war nach Studienabschluss vertraglich an die Universität gebunden, seit 1988 als gestaltender Ausstellungsarchitekt tätig und publizierte zahlreiche Texte zur Architekturgeschichte und Architekturtheorie.

1998 wurde Kräftner Abteilungsleiter am Institut für künstlerische Gestaltungslehre an der TU Wien. Diese Funktion legte er 2002 zurück, um sich ganz seiner Aufgabe als Direktor des Liechtenstein Museum und der Fürstlichen Sammlungen in Vaduz zu widmen. Am 28. März 2004 wird das Liechtenstein Museum in Wien eröffnet bzw. wiedereröffnet werden, denn bis 1938 bildeten die Sammlungen des Fürsten einen wesentlichen Bestandteil der Wiener Museumslandschaft.

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