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Rückkehr ist ein Fortschritt

Am 24. Jänner wird das Kunsthistorische Museum in Wien zu einem "Open House". Unter dem Motto "Öffnen und Eröffnen" feiert Sabine Haag ihren Auftakt als neue Generaldirektorin des Hauses.

Wenn es nach ihr geht - dann wird der Megakomplex Kunsthistorisches Museum an diesem Wochenende frequentierter sein als all die zugefrorenen Eisflächen rund um Wien zusammen. Dass es dabei so ausgelassen und feucht-fröhlich zugehen wird wie auf Jacob Jordaens' barockem Bild "Fest des Bohnenkönigs", das als Plakatmotiv der Großveranstaltung "Der Kunst ein Fest" dient, darf schon der Sicherheit der Objekte wegen bezweifelt werden.

Sabine Haag, seit Anfang dieses Jahres neue Generaldirektorin eines der renommiertesten Museen der Welt, gibt zum Auftakt ihrer Ära unter dem Motto "Öffnen und Eröffnen" ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Einen Tag lang sind die Türen aller zum KHM gehörigen Sammlungen wie etwa Völkerkunde und Theatermuseum bei freiem Eintritt geöffnet. Zugleich gibt es unter dem Slogan "Meet the new director" ein Kennenlernen mit der Chefin höchstpersönlich, Kuratorengespräche, "Backstage-Führungen" zu den Restaurierwerkstätten, dem Naturwissenschaftlichen Depot und den Depots - und natürlich ein Kinderatelier.

Einen Paukenschlag hat Haag auch notwendig, denn ihr medial stets präsenter und nicht unumstrittener Vorgänger, Wilfried Seipel, hat ihr keine kleinen Schuhe hinterlassen. Noch dazu, wo die gebürtige Bregenzerin vor ihrer Bestellung in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt war. Genau das ist aber auch die große Chance der sympathisch bescheidenen und bisher stärker an wissenschaftlichen Ergebnissen als an öffentlichkeitswirksamen Auftritten interessierten KHM-Chefin. Sie könnte zeigen, dass sich Museen auch heute noch über ganz andere Kriterien definieren können als über selbstdarstellerische Direktoren, Blockbuster-Ausstellungen, Society-Events und Besucherzahlen.

Gewagte, mutige Postenbesetzung

Die Entscheidung von Kulturministerin Claudia Schmied, Haag an die Spitze zu hieven, war eine gewagte, die gegen den Trend internationaler Postenbesetzungen stand. Noch im Vorfeld erschien es unvorstellbar, dass dieser verantwortungsvolle und prestigeträchtige Job keinem auf dem internationalen Parkett bekannten Museumsmann wie Max Hollein (Frankfurter Schirn-Kunsthalle und Städel-Museum) oder Martin Roth (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) übergeben wird. Ob diese Hausbesetzung auch erfolgreich sein wird oder letztendlich nur ein kulturpolitisch interessantes Experiment war, wird die 1962 geborene Mutter von drei Kindern, die über die Elfenbeinskulptur des 17. Jahrhunderts promovierte, in den kommenden Jahren erst beweisen müssen. Ihre Auftaktstatements, wie das Igor-Strawinsky-Zitat "Lasst uns zu den Alten Meistern zurückkehren, und es wird ein Fortschritt sein", erscheinen genauso überzeugend wie die geplante Konzentration auf nur mehr eine Wechselausstellung pro Jahr - heuer ist sie Burgunderherzog Karl dem Kühnen gewidmet. Statt Großausstellungen soll es künftig verstärkte Forschungstätigkeiten und mehrere kleinere Präsentationen mit hauseigenen Beständen geben.

Ein Herzensanliegen ist der Elfenbeinspezialistin die Wiedereröffnung der Kunstkammer mit ihren weltweit geschätzten Gold- und Silberschmiedearbeiten sowie den herausragenden Skulpturen, Textilien und Schmuckarbeiten. Die letztmals 1935 und 1979 neu präsentierte Sammlung hat nicht nur eine wissenschaftlich aktualisierte Neupräsentation längst nötig, sondern bedarf auch einer baulichen und technisch zeitgemäßen Umgestaltung der Räumlichkeiten. Ein gewaltiges Unterfangen, dessen gesamte Kosten sich auf stolze 17 Millionen Euro berufen.

Bei all den ambitionierten Bauvorhaben und der wissenschaftlich orientierten Ausrichtung wird Haag sich dem wirtschaftlichen Druck und Besucherzahlenrankings nicht entziehen können. Auch der Direktor des Liechtenstein Museums, Johann Kräftner, hat mit einem fundierten Ankaufs- und Ausstellungsprogramm und einem auf Dialog ausgerichteten Vermittlungsprogramm hervorragende Arbeit geleistet und dennoch lange nicht die Besucherzahlen erreicht, die er anstrebte, und die Vermarktungsprofis wie Klaus Albrecht Schröder (Albertina) und Agnes Husslein (Belvedere) erzielen. Für ihn - anders als für Direktoren von Bundesmuseen - kein existentielles Problem, schließlich hat Kräftner einen privaten Geldgeber im Rücken.

Auch sind die Vorschläge, wie Haag trotz Reduktion der Blockbuster-Ausstellungen Besucher anziehen will, derzeit noch vage. Schlüssig scheint allerdings ihr Ansatz, alte Kunst durch neue Perspektiven und Erkenntnisse aktuell erscheinen zu lassen. Denn innovative Sichtweisen auf die Alten Meister hat man in den letzten Ausstellungen und Katalogen der Ära Seipel stark vermisst.

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