Nachruf auf Milo Dor.

Die systematische Lektüre-Expedition durch Milo Dors Gesamtwerk - von den quälend-genauen Roman-Protokollen faschistischer Folter in "Tote auf Urlaub" über die Autobiographie-Fragmente unter der für sein Lebensgefühl zentralen Metapher "Auf dem falschen Dampfer" bis zu seiner vielfältigen "Suche nach der größeren Heimat" - war eine faszinierende Erfahrung, aber der Begegnung mit Milo Dor im März 1996 sah ich mit Bedenken entgegen. Denn eigentlich wollte ich meinen Artikel über ihn für das "Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur", in dem sich zu manchen Aspekten seines Werkes auch kritische Einwände finden, ohne Kontakt zu ihm veröffentlichen, doch waren Recherchen notwendig, die ohne ihn nicht zu machen waren. Die Atmosphäre uneitler Sachlichkeit, in der er dann meinen Text zur Kenntnis nahm und mit mir darüber sprach, ist mir noch heute gegenwärtig. Er argumentierte, aber wollte nicht das letzte Wort haben bei dem, was über ihn geschrieben wurde.

Uneitle Sachlichkeit

Ganz abgerissen ist der Kontakt nie. Ich sehe noch die Lebensfreude vor mir, die ihm bei der großen Feier seines 75. Geburtstags ins Gesicht geschrieben stand, und das herzliche Entgegenkommen bei einer zufälligen Begegnung in Frankfurt. Meine Arbeit in der Furche war ein neuer Anknüpfungspunkt, und daraus entstand im Vorjahr sein Essay über Sarajewo. In diesem Sommer noch führten wir ein Telefongespräch, als er in Rovinj war, und verabredeten uns in das Café Hummel in der Nähe seiner Wohnung in der Josefstadt, der er im Roman "Die weiße Stadt" ein so schönes Denkmal gesetzt hat. Doch von Rovinj kam er nicht mehr gesund zurück. So konnte ich ihm auch nicht mehr erzählen, dass er einer der 60 Köpfe der Furche-Jubiläumsausgabe werden sollte. Doch noch bestand Hoffnung, dass sie eine schöne Überraschung für ihn werden könnte. Als mir sein langjähriger Freund Ivan Ivanji seinen Text über Milo Dor übermittelte, lag Dor freilich schon im künstlichen Tiefschlaf. Und mir ging der Schlusssatz von Dors Nachruf auf György Sebestyén nicht aus dem Kopf, den ich ebenfalls für diese Ausgabe ausgesucht hatte: "Er wird mir fehlen bis ans Ende meiner Tage." Denn es wurde täglich klarer, dass dieses Ende unmittelbar bevorstand.

Waches Auge

Verloren haben wir einen großen Schriftsteller und jahrzehntelangen Kämpfer für die Rechte der Autoren in Österreich sowie einen zwangsweise nach Wien Verbrachten, der hier unter Mühen heimisch wurde und bis zuletzt ein waches Auge hatte für die Ankömmlinge, wie der von ihm in diesem Herbst herausgegebene Band "Angekommen. Texte nach Wien zugereister Autorinnen und Autoren" bezeugt. Und natürlich fehlt uns der unermüdliche Übersetzer Milo Dor. Vor allem aber der Mensch, dessen Gesten eine Herzlichkeit innewohnte, zu der diejenigen, die in einer einzigen Heimat feste Wurzeln geschlagen haben, nur selten imstande sind. In Milo Dors größerer Heimat hatten auch viele andere Platz.

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