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Feuilleton

Sechs Meter Autobahn

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Abteilung "Kunst im öffentlichen Raum" des Landes Niederösterreich ist im Weinviertel seit Jahren mit einer Vielzahl von Kunstwerken aktiv. Rund um die Kleinstadt Mistelbach hat sich ein florierendes Kunst- und Kulturbiotop entwickelt.

Der Landtagsabgeordnete war "not amused". Ausgerechnet ihn luden sie zur Eröffnung des Streckenabschnitts ein? Wer wie er jahrzehntelang vergeblich für den Bau der Autobahn gestritten hatte, dem konnte das winzige Stück Straße, das im September 1995 bei Paasdorf der Öffentlichkeit übergeben wurde, nur wie blanker Hohn vorkommen. Nicht dass es den Maßstäben einer Autobahn nicht entsprochen hätte: 35 Meter Regelquerschnitt, vier Spuren, zwei Pannenstreifen, Leitplanken in der Mitte. Was irritierte, war die Länge. Diese Autobahn war nur sechs Meter lang! Und sie lag ohne Anschluss mitten im hügeligen Agrarland des Weinviertels …

"Entdeckung der Korridore" nannte das Künstlerduo PRINZGAU/podgorschek sein hintersinniges Paasdorfer "Land Art"-Objekt, das wie ein Stück ausgegrabene Autobahn aussieht und die Archäologie der Zukunft vorwegnimmt. Was manche Politiker und viele Bürger damals überhaupt nicht lustig fanden, ist heute ein Aushängeschild, das sogar Besucher aus dem Ausland anzieht. Mehr noch, mit den "Korridoren" entdeckte Niederösterreich das Potenzial von "Kunst im öffentlichen Raum". Die gleichnamige Abteilung der Landesverwaltung hat sich seither zu einem höchst produktiven Zweig der Kulturförderung entwickelt, mit einem Jahresbudget von einer Million Euro.

Am Ende der Welt

Mittlerweile zieren mehrere hundert Kunstwerke "das neue Niederösterreich" - wie die ÖVP-Kampagne für die Wahl am 9. März das Bundesland definiert. Allein sechs stehen in Paasdorf, wo im Laufe der Jahre eine veritable "Kulturlandschaft" entstanden ist, mit Werken von Eva Afuhs, Ingeborg Strobl und anderen. Auch sonst ist das Weinviertel gut vertreten. Von zwanzig im letzten Jahr eingeweihten Objekten wurden acht hier installiert, zuletzt im Dezember wiederum in Paasdorf vom Wiener Kollektiv "feld72" ein Wartehäuschen mit Aussichtsplattform.

Dass das Weinviertel so eifrig öffentliche Kunst aufstellt und sogar dem Boom des vergangenen Jahrzehnts Pate gestanden hat, mag auf den ersten Blick verwundern. Noch immer haftet der agrarisch geprägten Region im Norden Wiens der Ruf an, dem Ende der Welt näher zu sein als ihrem Nabel. Doch zwischen den Rieden und Kellergassen tut sich einiges. Am augenfälligsten ist der Trend in der Bezirkshauptstadt Mistelbach. Im vergangenen Mai öffnete hier mit dem Hermann-Nitsch-Museum der erste Baustein eines Museumszentrums von rund 6000 Quadratmetern Fläche seine Pforten - für eine Kleinstadt von 12.000 Einwohnern eine große Nummer. Auch hier hat das Land geholfen und vier der fünf Millionen Euro für die Errichtung des Komplexes beigesteuert, der in den Räumen einer früheren Pflugfabrik beheimatet ist. Den Betrieb will die Stadt aber selbst schultern.

Als Kurator des MZM - Museumszentrum Mistelbach - amtiert Wolfgang Denk, der nach der Kunsthalle Krems nun schon sein zweites Museum gründet. Denk, selbst Künstler, entwickelt das MZM bewusst als "Work in Progress", mit offenem Endergebnis, aber mit einer klaren Vision: Es soll ein Ort werden, der dem Niveau des Starkünstlers Nitsch entspricht, samt Sommerakademie, Nitsch-Bibliothek und Events für dessen internationale Fan-Gemeinde. Die will Denk ins Weinviertel locken, wo der Künstler stark verwurzelt ist. Schloss Prinzendorf, das Nitsch gehört und Schauplatz des "Orgien Mysterien Theaters" war, liegt nur wenige Kilometer entfernt.

So wurde vor kurzem die "Lebenswelt Weinviertel" eröffnet, eine vom Grazer Joanneum gestaltete Schau, die - ganz ohne Heimattümelei - "Landsleute" porträtiert: Weinbäuerinnen und Pensionisten, Pfarrer und Fleischhauer, Jäger und Jugendliche, aber auch Prominente, die in der Region leben oder gelebt haben, wie den Schriftsteller Alfred Komarek, die Flüchtlingshelferin Maria Loley und Wilhelm Franz Exner, den Gründer des Technischen Museums in Wien.

In diesem Jahr sind weitere Bausteine für das MZM geplant: ein "Dionysosweg", der den Kulturpilger in die Landschaft hinausführen soll, ein "Messweinarchiv" und ein Puppenmuseum. Mistelbach ist nämlich Schauplatz eines renommierten Puppentheater-Festivals, das jeden Herbst Ensembles aus aller Welt in die Stadt holt und heuer zum 30. Mal stattfindet.

"Aufbruchstimmung"

Kein Wunder also, dass Kurator Denk von einer "Aufbruchstimmung wie in den 60er Jahren" schwärmt, die das Weinviertel erfasst habe. Die Begeisterung für Gegenwartskunst verkörpert vor allen anderen der hünenhafte Bürgermeister Christian Resch, von dem Denk sagt, er besitze die "seltene Fähigkeit, in Vernetzungen zu denken". Resch hat nicht nur das MZM auf die Beine gestellt; die "Korridore" bei Paasdorf entstanden auch bereits unter seiner Ägide.

Doch selbst wenn er zu seinen aktivsten Förderern gehört, hat der 1955 geborene Resch dem Weinviertel nicht den Kulturvirus eingeimpft. Der grassiert schon länger, seit den 70er Jahren, als einige Aktivisten die Region als Kulturraum entdeckten. Sie gründeten einen Kulturbund, gaben eine Schriftenreihe heraus, wo Nitsch, Adolf Frohner, Wolfgang Denk, aber auch "Local Heroes" wie Hermann Bauch und Gottfried "Laf" Wurm Seite an Seite auftraten, und sie riefen die "aktion M" ins Leben, die mit viel Eigenarbeit ein verfallenes Barockschlössl im Herzen von Mistelbach zum Kulturzentrum umwidmete. "Nitsch sollte dort schon in den achtziger Jahren gezeigt werden", erinnert sich der Grafiker Ferdinand Altmann, Urgestein der Weinviertler Kulturszene und heute Obmann des Kulturbundes. "Aber damals wurde das von den Gattinnen der örtlichen Honoratioren verhindert." Wie sich die Zeiten ändern.

"Kunst ist definitiv präsenter", sagt Franz Schwelle. "Kamen früher 20 Leute, so sind es heute auch mal 80 oder 100. Aber Aufbruchstimmung? Ich bin Internist, in meiner Ordination frage ich die Leute, was sie von den Sachen halten. Die Ablehnung ist groß." Schwelle ist Obmann des Kunstvereins, der als Nachfolger der aktion M das Barockschlössl bespielt. Gerade wird eine neue Ausstellung aufgehängt, Fotografien der Gruppe "ad oculos", das Thema heißt "Wiener Blut". In Schwelles Augen fehlt es der städtischen Kulturpolitik am Willen zur Vermittlung, an Kommunikation. Und das MZM, meint er skeptisch, werde mit Nitsch als einzigem Zugpferd nicht auf Dauer funktionieren. Es zog im ersten Jahr gerade mal 18.000 Besucher an.

Schwelles Vorgänger Peter Kenyeres, Mitbegründer der "aktion M" und früher ebenfalls Arzt, sieht die Sache philosophisch: "Heute ist es anders, aber es entspricht der Zeit", sagt er. "Aber auch was wir gemacht haben, entsprach damals der Zeit." Kenyeres führt durch das Schlössl und zeigt dabei stolz auf die Details, restaurierte Stuckdecken, den Kristallluster. Der Rundgang endet in einem Anbau, den eine riesige alte Weinpresse ausfüllt. Der Verein erwarb sie seinerzeit um 600.000 Schilling, mit Hilfe von Spenden. Entdeckt wurde die Presse in einem Keller in - Paasdorf.

Apropos: Kenyeres erklärt, dass auch die dortigen "Korridore" ursprünglich aus einem Experiment der "aktion M" hervorgegangen sind, bei dem es 1988 darum ging, Künstler in die Landschaftsplanung, konkret ein Schnellstraßenprojekt, einzuschalten und auf diese Weise die allgemeine Bevölkerung für ihren Lebensraum, das Weinviertel, zu sensibilisieren - moderne Kunst als "Grassroots"-Bewegung.

"Ganz schön kultig"

Der Kulturboom, den das Weinviertel derzeit erlebt, scheint von solchen ökologischen und basisdemokratischen Idealen so weit entfernt zu sein wie von einem Saturnischen Zeitalter. Heute tritt die Kunst dem Beobachter als Rädchen einer Riesenmaschine namens Infrastrukturpolitik entgegen, mit der die regierende Partei auch das Weinviertel beackert, auf dass "das neue Niederösterreich" blühe und gedeihe. Die Autobahn, die 1995 noch so elegant wie ironisch in der Erde verschwand, wird jetzt wirklich gebaut. Und Mistelbach ist keine Kleinstadt mehr, sondern eine "Marke", zu deren "Claims" es eben gehöre, "ganz schön kultig" zu sein. Behauptet zumindest die neue Website der Stadt in banalstem Werber-Deutsch.

Kunst hat das Weinviertel verändert und wird es auch über die bevorstehende Landtagswahl hinaus verändern. So will die Abteilung "Kunst im öffentlichen Raum" in diesem Jahr zwei Teams auf die architektonischen Fanale des Weinviertels loslassen: die Silos der Raiffeisen-Lagerhäuser. Die Türme in Zellerndorf und Laa an der Thaya sollen von Künstlern "gestaltet" werden. Die Einweihung wird sich gewiss kein Politiker entgehen lassen. Und vielleicht kommen ja auch ein paar Leute.