Thomas Stelzer, Dekan der Internationalen Anti-Korruptionsakademie (IACA) in Laxenburg - "Papst Franziskus ist natürlich ein lautes Sprachrohr und ein wichtiger Advokat für das Anti-Korruptions-Thema. Das hilft uns und trägt dazu bei, dass die ganze Weltkonjunktur jetzt günstig für den Kampf gegen Korruption ist." - © Wolfgang Machreich

Gegen Korruption: Von Buwog bis in den Vatikan

1945 1960 1980 2000 2020

Kein Land ist frei von Korruption, sagt Thomas Stelzer, Leiter der Internationalen Anti-Korruptionsakademie. Er plädiert für eine Grundausbildung in Korruptionsbekämpfung in Politik und Wirtschaft.

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Kein Land ist frei von Korruption, sagt Thomas Stelzer, Leiter der Internationalen Anti-Korruptionsakademie. Er plädiert für eine Grundausbildung in Korruptionsbekämpfung in Politik und Wirtschaft.

Als früherer Botschafter Österreichs bei den Vereinten Nationen kann Thomas Stelzer auf reiche UN-Erfahrung zurückgreifen. Die will der neue Dekan der Internationalen Antikorruptions- Akademie (IACA) nützen, um Wien zum weltweiten Zentrum der Korruptionsbekämpfung zu machen.

DIE FURCHE: Herr Dekan Stelzer, kann erfolgreiche Bekämpfung von Korruption überhaupt gelehrt und gelernt werden?

Thomas Stelzer: Ja, absolut. Korruption ist so alt wie die Menschheit, aber es gab die längste Zeit keine Ansätze diese effizient zu bekämpfen. Bis zwischen 2001 und 2003 in Wien die UN Konvention gegen Korruption (UNCAC) verhandelt und beschlossen wurde. Dieses Rechtsinstrument gibt erstmals einen Rahmen vor, wie wir Korruption effektiv bekämpfen können, und die Konvention war auch der Ausgangspunkt für die IACA in Laxenburg bei Wien. In den Folgejahren war ich jedoch enttäuscht von den geringen Fortschritten bei der Umsetzung der UNCAC.

DIE FURCHE: Heißt, die Staaten setzten diese unzureichend oder gar nicht um?

Stelzer: Das sollte bei diesem Übereinkommen gegen Korruption eben auf gar keinen Fall passieren, weil sie dafür zu wertvoll ist. 15 Jahre nach dem Inkrafttreten der Konvention gibt es noch immer kein globales Programm gegen Korruption. Doch jetzt haben wir das Momentum auf unserer Seite: Seitdem der Kampf gegen die Korruption in den UN-Nachhaltigkeitszielen verankert ist, rückt das Thema immer mehr ins Zentrum der internationalen Politik. Wir brauchen ein globales Konzept, das alle Aspekte effizienter Korruptionsbekämpfung zusammenbringt.

Als früherer Botschafter Österreichs bei den Vereinten Nationen kann Thomas Stelzer auf reiche UN-Erfahrung zurückgreifen. Die will der neue Dekan der Internationalen Antikorruptions- Akademie (IACA) nützen, um Wien zum weltweiten Zentrum der Korruptionsbekämpfung zu machen.

DIE FURCHE: Herr Dekan Stelzer, kann erfolgreiche Bekämpfung von Korruption überhaupt gelehrt und gelernt werden?

Thomas Stelzer: Ja, absolut. Korruption ist so alt wie die Menschheit, aber es gab die längste Zeit keine Ansätze diese effizient zu bekämpfen. Bis zwischen 2001 und 2003 in Wien die UN Konvention gegen Korruption (UNCAC) verhandelt und beschlossen wurde. Dieses Rechtsinstrument gibt erstmals einen Rahmen vor, wie wir Korruption effektiv bekämpfen können, und die Konvention war auch der Ausgangspunkt für die IACA in Laxenburg bei Wien. In den Folgejahren war ich jedoch enttäuscht von den geringen Fortschritten bei der Umsetzung der UNCAC.

DIE FURCHE: Heißt, die Staaten setzten diese unzureichend oder gar nicht um?

Stelzer: Das sollte bei diesem Übereinkommen gegen Korruption eben auf gar keinen Fall passieren, weil sie dafür zu wertvoll ist. 15 Jahre nach dem Inkrafttreten der Konvention gibt es noch immer kein globales Programm gegen Korruption. Doch jetzt haben wir das Momentum auf unserer Seite: Seitdem der Kampf gegen die Korruption in den UN-Nachhaltigkeitszielen verankert ist, rückt das Thema immer mehr ins Zentrum der internationalen Politik. Wir brauchen ein globales Konzept, das alle Aspekte effizienter Korruptionsbekämpfung zusammenbringt.

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DIE FURCHE: Die Dringlichkeit einer solchen Vernetzung zeigen die Geldmassen, die durch Korruption den Staatsbudgets und Wirtschaftskreisläufen verloren gehen.

Stelzer: Geld, das weder durch direkte Investitionen noch durch Entwicklungszusammenarbeit noch durch Geld, das die Wanderarbeiter nach Hause schicken, so einfach kompensiert werden kann – wobei alle diese Bereiche aufgrund der Corona-Pandemie momentan einbrechen. Da kommt immer mehr zu Bewusstsein, dass der Erfolg im Kampf gegen Korruption eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele ist. Nicht nur die UNO, auch die G20 haben Anti-Korruption als zentrales Thema entdeckt. Das bietet natürlich ein weites Betätigungsfeld für unsere Akademie. Unsere Möglichkeiten sind heute ganz andere, viel umfassendere als bei der IACA-Gründung vor zehn Jahren.

DIE FURCHE: Das heißt konkret?

Stelzer: Ich sehe die IACA als kleine, aber wichtige Institution, die den Kampf gegen Korruption weltweit vernetzt und beflügelt. Die IACA kann die Arbeit der in Wien ansässigen UNO-Antikorruptionseinheiten (UNODC) sinnvoll ergänzen und damit beitragen, Wien zum weltweiten Zentrum der Korruptionsbekämpfung zu machen.

DIE FURCHE: In den vergangenen Monaten waren Sie vor allem beschäftigt, die Finanzierung der Akademie zu sichern – gibt es zu wenig Geld für den Kampf gegen Korruption?

Stelzer: Die Finanzierungsschwierigkeiten der IACA hatten mit organisatorischen Geburtsfehlern bei ihrer Gründung zu tun. Diese sollten bis Ende des Jahres behoben sein. Was den globalen als auch EU-Rahmen betrifft, gibt es im Moment sogar mehr Geld zur Korruptionsbekämpfung, als umgesetzt werden kann.

„Wir müssen ein überzeugendes Narrativ entwickeln, das die versteckten Kosten der Korruption für uns alle erklärt.“

Thomas Stelzer, Dekan der Internationalen Anti-Korruptionsakademie (IACA)

DIE FURCHE: Das lässt mich meine Eingangsfrage ergänzen: Wie kann Anti-Korruption gelehrt und gelernt werden?

Stelzer: Wir verfolgen da einen ganzheitlichen Ansatz, indem wir Forschung und Lehre in einer Institution zusammenführen. Das verschafft uns ein Alleinstellungsmerkmal, denn bis dato werden die Synergien aus Forschung, Lehre und globaler Vernetzung nirgends genützt. Zudem sind wir ein attraktiver Kooperationspartner, da wir eine akademische Ausbildung in Korruptionsbekämpfung anbieten und unseren Absolventinnen und Absolventen akademische Grade verleihen können. In unseren Programmen sollen die Studierenden die Fähigkeiten erlangen, die Strafgesetzordnung in ihren Herkunftsländern so zu stärken, dass sie widerstandsfähig gegen Korruption wird, sodass man diese auf Basis der Rechtsstaatlichkeit effektiv bekämpfen kann.

DIE FURCHE: Die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt in einem Kommentar zum Buwog-Prozess: „Grasser ist aber auch ein Produkt der politischen Kultur des Landes“ – lassen sich die jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Korruptions-Unkulturen weltweit gleich bekämpfen?

Stelzer: Nein, es gibt keine globale Definition von Korruption. Die wird von jedem Staat durch die Art der Kriminalisierung festgelegt. Was es braucht, sind auf die Bedürfnisse der einzelnen Staaten und Gesellschaften maßgeschneiderte Programme. Staaten mit schwachen rechtsstaatlichen Strukturen brauchen andere Unterstützung, um Korruption zu bekämpfen, als Staaten mit etablierten Systemen. Gleichzeitig gilt: Es gibt kein korruptionsfreies Land. Das Thema wird auch in der Privatwirtschaft immer wichtiger – hier sehe ich unglaubliche Chancen für die Zukunft.

DIE FURCHE: Welche?

Stelzer: Für weltweit tätige Unternehmen wird es immer schwieriger, sich in ihren Produktions- und Lieferketten nicht an Menschenrechts-, Umwelt- und Anti-Korruptions-Standards zu halten. Meine Vision ist, dass alle zukünftigen Manager, Diplomaten etc. eine Anti-Korruptions-Grundausbildung erhalten. Mir schwebt vor, dass wir an der IACA entwickelte Anti-Korruptions-Module in Uni- Lehrpläne weltweit einbauen. Damit könnten wir möglichst viele erreichen und den Kampf gegen Korruption zu einer globalen Bewegung machen. Unser Ziel ist, ein Bewusstsein zu schaffen, dass Korruption zum Schaden von uns allen ist. Wir müssen noch mehr als bisher ein überzeugendes Narrativ entwickeln, das die versteckten Kosten der Korruption für alle erklärt und aufzeigt, was Gesellschaft und Wirtschaft insgesamt durch Korruption verlieren.

DIE FURCHE: Spielen moralische und ethische Themen neben Ihrer Schaden-Nutzen-Rechnung in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht eine Rolle in Ihrem Curriculum gegen Korruption?

Stelzer: Ja, aber dafür bin ich nicht zuständig. Wir haben das natürlich im Kopf, selbstverständlich gibt es auch ethische Grundlagen für den Kampf gegen Korruption, aber das ist nicht in unserer Zuständigkeit. Ich bin schon damit gefordert, die juristischen, wirtschaftlichen, technischen Instrumente zur Korruptionsbekämpfung zu etablieren und die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erklären. Mit diesem Curriculum allein kann ich bereits vermitteln, warum und wie Korruption unbedingt bekämpft werden muss. Aber natürlich habe ich die Enzyklika „Fratelli tutti“ gelesen und das, was Papst Franziskus in seinen Predigten zu Korruption sagt. Er kommt aus dem Evangelium zum selben Schluss, zu dem wir aus einer anderen Richtung kommen. Ich habe gerade mit Freunden in Rom telefoniert, weil wir natürlich auch mit dem Vatikan zusammenarbeiten wollen…

DIE FURCHE: …der hat Unterstützung bei der Korruptionsbekämpfung durchaus nötig!

Stelzer: Auch hier passiert Überfälliges. Franziskus ist natürlich ein lautes Sprachrohr und ein wichtiger Advokat für dieses Thema. Das hilft uns und trägt dazu bei, dass die ganze Weltkonjunktur jetzt günstig für den Kampf gegen Korruption ist.

Der Autor ist freier Journalist.

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