Digital In Arbeit
Feuilleton

Mit Dschungelschuhen ins Flugzeug Steigen

1945 1960 1980 2000 2020

NACH IHREM ERZÄHLBAND HAT RUTH CERHA EINEN ROMAN ÜBER DIE SUCHE NACH DER WAHRHEIT GESCHRIEBEN.

1945 1960 1980 2000 2020

NACH IHREM ERZÄHLBAND HAT RUTH CERHA EINEN ROMAN ÜBER DIE SUCHE NACH DER WAHRHEIT GESCHRIEBEN.

Eigentlich bewegt sich die Wiener Autorin Ruth Cerha noch nicht lange auf literarischem Terrain. In einem Interview bekennt sie, dass sie nach einer ersten frühen Schreibphase bis vor Kurzem hauptsächlich Musikerin, Komponistin und Klavierpädagogin war. Doch bereits mit ihrem 2007 veröffentlichten Erzählband "Der Gesang der Räder in den Schienen" hat sie auf sich aufmerksam gemacht. In ihrem jüngst erschienenen Roman greift sie Motive aus diesen Erzählungen auf und verwebt sie neu zu einer Spurensuche, die ein schillerndes Gemälde seelischer Irritation entblättert, grundiert von den Geheimnissen einer Familie.

Mit den "Dschungelschuhen" ins Flugzeug oder in den Zug steigen und verschwinden. Welches Gefühl! Welche Macht! Im Mittelpunkt des neuen Buches steht eine junge Frau, die sich eines Tages solche Schuhe zulegt und sich aufmacht, um das Dickicht zufällig ausgewählter Metropolen auf dem Globus zu durchqueren: "Die Schuhe werden dann kaputt sein und ich am Ziel", heißt es im vorangestellten Zitat zu Beginn des Romans. Reisen wird zum Angelpunkt des Textes, zum Erkenntnisfluidum und zur Chance, das aus den Fugen Geratene ins Lot zu bringen, um durch das Raster des Fremden das Eigene wieder neu zu ordnen. Denn "Reisen bedeutet auch Zurückkehren, und man weiß nie, wohin". Es fungiert als Katalysator für die Transformation der Wahrheit, die ihr von ihrer Familie nicht zugemutet wird.

Flucht aus Verhältnissen

Leicht kann es sich die Protagonistin Anna nicht machen. Ihr Nomadentum, quasi ihre Sucht nach neuen Aufbrüchen ist letztendlich eine Flucht aus schwierigen Familienverhältnissen, deren wild verstrickte Fäden sukzessive aufgelöst werden müssen: "Ich hatte das Gefühl wegzumüssen, um weitermachen zu können." Ihre depressive Mutter, eine Waldorflehrerin, lebt in einer "Schmetterlingswelt" am Stadtrand von Wien und kümmert sich um einen paradiesischen Garten. Die Familie ihres Vaters stammt aus Ägypten und er ist, seit sie denken kann, keiner geregelten Arbeit nachgegangen. Nur alle paar Wochen verlässt er das Haus. Und der Bruder - auf rätselhafte Weise verschwunden, von einem Tauchkurs am Roten Meer nicht mehr zurückgekehrt, wie ihr glauben gemacht wird. Schon früh hat Anna das Gefühl, dass viele Vorgänge in ihrer Familie im Dunkeln liegen: "Die entscheidenden Dinge waren unsichtbar, verborgen hinter einer Spanischen Wand."

Begegnungen und Bilder

In Annas Reiseleben spielen zwei Menschen eine besondere Rolle. Es ist zum einen die Begegnung mit der reichen Diplomatentochter Marjana und zum anderen ihre Beziehung zum Künstler Paul, der ihr mit seinen Traum-, ja Vexierbildern hilft, die Wahrheit schichtweise freizulegen, indem er Personen in seinen Zeichnungen präsent macht, auch wenn er sie in eine mysteriöse Symbolsprache taucht. Annas Beziehung zu Paul scheitert, sie lässt ihn gehen, um ihn wieder zu suchen, nicht ohne dabei ihre Familiengeschichte zu klären.

Cerha bedient sich einer poetisch unkonventionellen Sprache und entfaltet in diesem Roman auf vielfältig gezogenen Spuren einen außergewöhnlichen Erzählkosmos, in dem sich Wahrheit komplex und mehrdimensional offenbart. Cerha hat die Fäden dabei fest in der Hand.

Eigentlich bewegt sich die Wiener Autorin Ruth Cerha noch nicht lange auf literarischem Terrain. In einem Interview bekennt sie, dass sie nach einer ersten frühen Schreibphase bis vor Kurzem hauptsächlich Musikerin, Komponistin und Klavierpädagogin war. Doch bereits mit ihrem 2007 veröffentlichten Erzählband "Der Gesang der Räder in den Schienen" hat sie auf sich aufmerksam gemacht. In ihrem jüngst erschienenen Roman greift sie Motive aus diesen Erzählungen auf und verwebt sie neu zu einer Spurensuche, die ein schillerndes Gemälde seelischer Irritation entblättert, grundiert von den Geheimnissen einer Familie.

Mit den "Dschungelschuhen" ins Flugzeug oder in den Zug steigen und verschwinden. Welches Gefühl! Welche Macht! Im Mittelpunkt des neuen Buches steht eine junge Frau, die sich eines Tages solche Schuhe zulegt und sich aufmacht, um das Dickicht zufällig ausgewählter Metropolen auf dem Globus zu durchqueren: "Die Schuhe werden dann kaputt sein und ich am Ziel", heißt es im vorangestellten Zitat zu Beginn des Romans. Reisen wird zum Angelpunkt des Textes, zum Erkenntnisfluidum und zur Chance, das aus den Fugen Geratene ins Lot zu bringen, um durch das Raster des Fremden das Eigene wieder neu zu ordnen. Denn "Reisen bedeutet auch Zurückkehren, und man weiß nie, wohin". Es fungiert als Katalysator für die Transformation der Wahrheit, die ihr von ihrer Familie nicht zugemutet wird.

Flucht aus Verhältnissen

Leicht kann es sich die Protagonistin Anna nicht machen. Ihr Nomadentum, quasi ihre Sucht nach neuen Aufbrüchen ist letztendlich eine Flucht aus schwierigen Familienverhältnissen, deren wild verstrickte Fäden sukzessive aufgelöst werden müssen: "Ich hatte das Gefühl wegzumüssen, um weitermachen zu können." Ihre depressive Mutter, eine Waldorflehrerin, lebt in einer "Schmetterlingswelt" am Stadtrand von Wien und kümmert sich um einen paradiesischen Garten. Die Familie ihres Vaters stammt aus Ägypten und er ist, seit sie denken kann, keiner geregelten Arbeit nachgegangen. Nur alle paar Wochen verlässt er das Haus. Und der Bruder - auf rätselhafte Weise verschwunden, von einem Tauchkurs am Roten Meer nicht mehr zurückgekehrt, wie ihr glauben gemacht wird. Schon früh hat Anna das Gefühl, dass viele Vorgänge in ihrer Familie im Dunkeln liegen: "Die entscheidenden Dinge waren unsichtbar, verborgen hinter einer Spanischen Wand."

Begegnungen und Bilder

In Annas Reiseleben spielen zwei Menschen eine besondere Rolle. Es ist zum einen die Begegnung mit der reichen Diplomatentochter Marjana und zum anderen ihre Beziehung zum Künstler Paul, der ihr mit seinen Traum-, ja Vexierbildern hilft, die Wahrheit schichtweise freizulegen, indem er Personen in seinen Zeichnungen präsent macht, auch wenn er sie in eine mysteriöse Symbolsprache taucht. Annas Beziehung zu Paul scheitert, sie lässt ihn gehen, um ihn wieder zu suchen, nicht ohne dabei ihre Familiengeschichte zu klären.

Cerha bedient sich einer poetisch unkonventionellen Sprache und entfaltet in diesem Roman auf vielfältig gezogenen Spuren einen außergewöhnlichen Erzählkosmos, in dem sich Wahrheit komplex und mehrdimensional offenbart. Cerha hat die Fäden dabei fest in der Hand.