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Schreiben in Zeiten von Corona

Booklet 10 - © Foto: iStock / Bertrand Blay (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
booklet

Manchmal ist das Leben ein Seiltanz

1945 1960 1980 2000 2020

In einer Zeit großer Umbrüche stoßen alte und moderne Welten aufeinander. Mitten drinnen steht der vom Schicksal gebeutelte Mensch. Brita Steinwendtner hat mit ihrem Roman "Gesicht im blinden Spiegel" ein dichtes Zeitpanorama geschaffen.

1945 1960 1980 2000 2020

In einer Zeit großer Umbrüche stoßen alte und moderne Welten aufeinander. Mitten drinnen steht der vom Schicksal gebeutelte Mensch. Brita Steinwendtner hat mit ihrem Roman "Gesicht im blinden Spiegel" ein dichtes Zeitpanorama geschaffen.

Juli 1866, Chlum – Königgrätz. Der 16-jährige Johannes Czermak meldet sich gemeinsam mit zwei Freunden freiwillig zum Kriegsdienst, um gegen die Preußen „für Kaiser und Vaterland zu kämpfen“. Was auf dem Schlachtfeld passiert, verändert fortan sein Leben. In ihrem neuen Roman „Gesicht im blinden Spiegel“ beschäftigt sich die österreichische Schriftstellerin, Historikerin und frühere Intendantin der Rauriser Literaturtage Brita Steinwendtner mit einem epochalen Zeitabschnitt, den sie eng mit dem Leben und der Familie eines vom Schicksal geprüften Mannes verknüpft. Früher hat die Autorin für den Rundfunk mit großer Leidenschaft Porträts gestaltet. Auch in diesem Roman zeichnet sie ein Porträt, das eines Menschen, der sein Leben trotz widrigster Umstände auf außergewöhnliche Weise zu meistern versteht.

In den Mittelpunkt ihrer großteils auktorial erzählten Prosa stellt Steinwendtner einen Mann, der sich in jungen Jahren von der Kriegseuphorie anstecken lässt und eigentlich das Abenteuer sucht. Mit zwei Freunden zieht er als Trompeter voran in den Kampf und in den Kugelhagel hinein. Am Tag nach der Schlacht gegen das siegreiche Preußen sucht ein Johanniter mit langem schwarzen Gewand nach Überlebenden. Plötzlich findet er Johannes, bewusstlos, noch mit Puls, aber mit zerschossenem Gesicht. Der geheimnisvolle Johanniter bringt ihn ins Lazarett von Jičín, wacht an seiner Seite, wenn es ihm die Zeit erlaubt, und versucht ihn mit seinen Erzählungen und seiner Fürsorge wieder in die Welt zurückzuholen. Noch immer weiß niemand, wer der Verletzte ist. Sechs Wochen später fragt der Vater auf der bislang erfolglosen Suche nach seinem Sohn im Lazarett an. „Nach längerem Hinsehen“ erkennt er ihn schmerzerfüllt und gestattet dessen Verlegung in das Ordensspital der Johanniter. In den zwei Jahren, die er dort verbringt, findet Johannes langsam wieder ins Leben zurück. Am Anfang verspürt er nur Schmerz, kann kaum essen und wird noch zweimal operiert. Irgendwann sieht er „sein Gesicht im Glas eines Heiligenbildes zum ersten Mal“. Von da an denkt er sogar an Selbstmord. Es dauert lange, bis er wieder sprechen lernt und für ihn eine „kleine Zukunft wächst“.

Behutsam gestaltet Steinwendtner dieses Sich-Zurücktasten ins Leben. Nach seiner Entlassung zieht sich Johannes zunächst fast völlig aus der Gesellschaft zurück. Sein entstelltes Gesicht begleitet ihn als Stigma. „Das Rauschrot der Träume“ erlischt. Dann macht er eine Lehre als Kunstschmied, ist äußerst begabt und konzentriert sich auch in besonderer Weise auf seine geistige und musikalische Bildung. Er lernt Cello und liest neben Zeitungen anspruchsvolle Literatur: „Sich bilden, wissen, was geschieht, sich ändern, das wollte er.“ Johannes geht seinen Weg, hat beruflich Erfolg, verliebt sich in die Frau seines Bruders und übernimmt als Geschäftsführer einen riesigen Sensenbetrieb, aber die Wunde Königgrätz bleibt – als permanenter Widerstand gegen brodelnde Nationalismen und Krieg.