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Schreiben in Zeiten von Corona

Booklet 8 - © Foto: iStock/ Bertrand Blay
booklet

"Ich wollte Grenzen verschieben"

1945 1960 1980 2000 2020

Helga Glantschnigs Erzählungen verblüffen auf das Erfreulichste: Hinter den Masken des Ich verbirgt sich womöglich so etwas wie Freiheit.

1945 1960 1980 2000 2020

Helga Glantschnigs Erzählungen verblüffen auf das Erfreulichste: Hinter den Masken des Ich verbirgt sich womöglich so etwas wie Freiheit.

Von Helga Glantschnig, Verfasserin von seinerzeit hochgelobten Büchern wie „Mirnok“ oder dem Schlittschuhbuch „Meine Dreier“, war lange Zeit kaum mehr etwas zu hören. Erst mit dem minutiös aufbereiteten „Kriegstagebuch meiner Mutter“, dem sie einen enzyklopädischen Essay zum Nationalsozialismus in Kärnten voranstellte, trat sie vor einem Jahr wieder an die Öffentlichkeit. Die achtundzwanzig Erzählungen des neuen Bandes „Mit verstellter Stimme“ machen deutlich: Das lange Schweigen hat sich gelohnt. Gleich am Anfang wird mit einem Motto von Jean Paul klargestellt: „Das Ich gilt, aber nicht mein Ich.“ Gemeint sind damit Ich-Erzähler und -Erzählerin der jeweils knapp fünfseitigen Texte.

Von Helga Glantschnig, Verfasserin von seinerzeit hochgelobten Büchern wie „Mirnok“ oder dem Schlittschuhbuch „Meine Dreier“, war lange Zeit kaum mehr etwas zu hören. Erst mit dem minutiös aufbereiteten „Kriegstagebuch meiner Mutter“, dem sie einen enzyklopädischen Essay zum Nationalsozialismus in Kärnten voranstellte, trat sie vor einem Jahr wieder an die Öffentlichkeit. Die achtundzwanzig Erzählungen des neuen Bandes „Mit verstellter Stimme“ machen deutlich: Das lange Schweigen hat sich gelohnt. Gleich am Anfang wird mit einem Motto von Jean Paul klargestellt: „Das Ich gilt, aber nicht mein Ich.“ Gemeint sind damit Ich-Erzähler und -Erzählerin der jeweils knapp fünfseitigen Texte.

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Wer spricht hier eigentlich, mag sich der Leser bei den ersten Sätzen der ersten Erzählung fragen – und damit der literarischen Fallenstellerin Glantschnig auf den Leim gehen: „Ein vertrautes Zuhause bin ich schon lange nicht mehr. Ich führe ein verlassenes Leben. Man beachte zugleich, welche Ruhe mir beschieden ist. Einmal im Sommer veranstalteten der Fabrikant und dessen Frau ein Fest.“ Noch einige Absätze lang werden wir mit der Ankunft einer Reisegesellschaft und präzisen Kindheitserinnerungen an das Meer betört und über die Identität des Erzählers im Unklaren gelassen. Schließlich stellt man überrascht fest: Es ist tatsächlich die titelgebende „Ruine“, die hier erzählt. Helga Glantschnig gelingt es, den Überraschungseffekt auch in der Folge aufrechtzuerhalten, selbst wenn man den Trick – nicht sofort und nicht ganz – durchschaut hat. So funktionieren Märchen, doch das atemlose Stakkato eines „Eindringlings“, der nur in Halbsätzen eine Wohnung durchwühlt und die Erzählung zur sprachlichen Panikattacke steigert, klingt ganz und gar nicht nach Märchen. In jedem Text erfolgt ein Wechsel der Töne – etwa zum gemächlichen Lebensrückblick, den ein Paar alter Bergschuhe kundtut; es geht dabei nicht nur um Gipfelsiege.

„Ein vertrautes Zuhause bin ich schon lange nicht mehr.“

Helga Glantschnig

In der Erzählung „Ein Spiegel“ wird der Kindheitstraum eines Buben rekapituliert, der einst als Schneeglöckchen einen Kindermaskenball besuchen wollte, um unter Mädchen zu tanzen, von der Mutter aber partout in ein Rauchfangkehrer-Kostüm gesteckt wurde. Der Schmerz der Enttäuschung steigert sich bei Glantschnig zur Parodie auf Josef Winker: „Der Gekreuzigte fuhr mit der Mistgabel in deinem Kopf herum, in einem wie mit blinder Substanz ausgefüllten Raum.“ Der Historiker Arnold Toynbee schlug einmal vor, Geschichte aus dem Blickwinkel eines Grashalmes zu schreiben – nicht nur die Historie von Schlachten und sogenannten großen Männern, die Geschichte machten, sondern jene der ganzen Welt mit ihrem banalen Alltag. Glantschnig gelingt die Umsetzung dieser Idee durch wohlgeordnetes Erzählen in kurzen Sätzen und perfektes Changieren zwischen lyrischem Sprechen und abgeklärter Prosa auf beeindruckende Weise.

Die ästhetische Bewältigung des hohen existenziellen Ernstes dieser Texte stellt dabei die Voraussetzung einer Art Ethik ihres Erzählens dar. Geradezu kaltschnäuzig hebt die Erzählung aus dem Mölltal „Ein Wirt“ an: „Ein Mord kommt in einem kleineren Ort nicht so oft vor, auf alle Fälle seltener als ein Suizid.“ Sogleich wird eine Bauerntochter vom Vater geschändet, von der Stiefmutter erniedrigt – dann erschlägt sie in geradezu „kleistisch“ fürchterlicher Wendung der Dinge die Alte. Die Frage nach ausgleichender Gerechtigkeit in einer solchen Welt wird in aller Hilflosigkeit drastisch vor Augen geführt. Bevor die Attitüde des österreichischen Anti-Heimatromans in einer ähnlichen Konstellation überhandnimmt, greift die Autorin augenzwinkernd ein: „Du meine Güte! Sind wir jetzt endgültig in einer neorealistischen Posse angelangt […] Nein, es müsste mir, um zu einem vorläufigen Schluss zu kommen, gelingen, die Vorstellung von mir so umzuarbeiten, dass niemand mehr wüsste, was ich bin.“

Denn darum scheint es Helga Glantschnig in ihrer Besitzergreifung der Dinge durch Perspektivwechsel vor allem zu gehen: um das Loswerden eines Ich, hinter dessen Masken sich so etwas wie Freiheit verbergen mag: „Ich wollte Grenzen verschieben. Hören Sie das Quietschen einer sehr langsam aufgehenden Tür? Ich habe die Liebe in ihren ungeheuerlichen Formen kennen gelernt, bis zum Äußersten. Es ging mir nicht um einen gesicherten Raum.“ Doch werden diese Worte von einer Toten gesprochen. Die letzten zwei Seiten dieser Erzählung gehören zum Imposantesten, was in letzter Zeit auf Deutsch geschrieben wurde: Ein fiebriger Monolog steigert sich zur bedrohlichen Gebärde des Wahnsinns; noch heißt es, die tippenden Fingerkuppen und das Rumpeln der Autos auf der Straße bewegten sich im Einklang, doch kippt die profane Unio mystica sogleich vollends ins Unheimliche. Die Tote verliert den Tod – was immer das bedeuten mag.

Helga Glantschnig gelingen atemberaubend schöne Naturbeschreibungen, in denen jeder Wassertropfen glänzt; ein Maulwurf wühlt sich durch kafkaeske Einsamkeit; schließlich wird ritterlicher „Frauendienst“ selbstironisch ad acta gelegt, denn die Erzählerin Glantschnig vergisst in all ihren Rollenspielen nicht, dass sie sich mit ihrem permanenten Transzendieren des Alltags auf glattem Terrain bewegt: „War ich eine antike Schönheit? War ich eine Heilige im Zeitalter der Hildegard oder der Teresa? Eine Säulenheilige? Ist meine Gegenwart ein Luxus?“ Allein der Protagonist der letzten Erzählung „Der Engel“ hebt alles bislang Gesagte auf eine noch höhere Ebene: Sollten Engel Gegenstände irgendeiner Theologie sein – hier stockt die apophantische Rede ob deren Unfassbarkeit: „Man verabredet sich mit mir nicht, man ist mit mir seit jeher unbekannt“, lautet der letzte Satz. Ego absconditus. Helga Glantschnigs Buch ist äußerst gewagt und verblüfft aufs Erfreulichste!

Glantschnig - © Foto: Klever
© Foto: Klever
Buch

Mit verstellter Stimme

Erzählungen von Helga Glantschnig
Klever 2020 148 S., geb., € 18,–

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