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Schreiben in Zeiten von Corona

Brandstetter - © Foto: Günther Pichlkostner / First Look / picturedesk.com
booklet

Lebensreise mit Aloysius

1945 1960 1980 2000 2020

Alois Brandstetter lädt in seinem jüngsten Buch ein, ihn bei seiner „Menschwerdung“ zu begleiten.

1945 1960 1980 2000 2020

Alois Brandstetter lädt in seinem jüngsten Buch ein, ihn bei seiner „Menschwerdung“ zu begleiten.

An Namen spart Alois Brandstetter nicht in seinem neuen Buch, einer sehr persönlichen Beschreibung seiner „Menschwerdung“ (so würde es Heimito von Doderer ausdrücken). Wie wurde der Autor – er feiert im Dezember seinen 82. Geburtstag – zu dem, der aus einfachen Verhältnissen stammend von Pichl bei Wels aufbricht, um sich als Literaturprofessor und Schriftsteller durchzusetzen und zu einer einflussreichen Persönlichkeit im österreichischen Kulturleben zu entwickeln? Nun lässt sich gleichermaßen die geistige wie die geistliche Entwicklung nachvollziehen. Denn daraus macht Brandstetter nie einen Hehl, dass ihm die katholische Kirche eine Herzensangelegenheit ist und ihn bisweilen das schlechte Gewissen heimsucht, nicht Priester geworden zu sein. Deshalb kommt er ausführlich auf Begegnungen mit Kirchenleuten zu sprechen und besucht ausgiebig Kirchen, in denen ihn ein besonderer Geist anweht.

Er kommt darauf zu sprechen, das ist wortwörtlich gemeint. Die Rede richtet sich an seinen Namengeber Aloysius von Gonzaga, dem er huldigt. „Wir staunen, lieber Aloysius“, so wendet er sich ihm vertrauensvoll zu, oder: „Wie in deinem Fall, lieber heiliger Aloysius“ – und schon gerät der sonst so zurückhaltende Berichterstatter ins Schwärmen. Es ist nicht neu, was Brandstetter hier unternimmt, die Methode des Drauflosredens ohne Grund und Boden findet sich schon in seinem frühen Roman „Zu Lasten der Briefträger“ von 1974, seiner erfolgreichsten Veröffentlichung.

Damals deckte ein Erzähler in einem monströsen Redeschwall sein Gegenüber zu, um es mit Fehlleistungen auf dem Postsektor und im Dorf zu konfrontieren. Ein Quengel­geist verschafft sich Luft, regt sich über alles und jeden auf, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, poltert trotzig vor sich hin, eine abstruse Begebenheit führt zur anderen, nichts stimmt in diesem Ort auf dem Lande. Ein kleinbürgerliches Dauerschimpfprogramm läuft ab, mit Gegenrede wird nicht gerechnet. Der Witz, häufig aus der Sprache kommend, rettet den Monolog vor Eintönigkeit.

Die Methode hat sich so bewährt, dass sie in den folgenden Büchern „Die Abtei“ (1977) und „Die Mühle“ (1981) beibehalten wurde. Wollte man daraus einen Plot ziehen, der sich schlüssig nacherzählen ließe, man geriete in Schwierigkeiten.

An Namen spart Alois Brandstetter nicht in seinem neuen Buch, einer sehr persönlichen Beschreibung seiner „Menschwerdung“ (so würde es Heimito von Doderer ausdrücken). Wie wurde der Autor – er feiert im Dezember seinen 82. Geburtstag – zu dem, der aus einfachen Verhältnissen stammend von Pichl bei Wels aufbricht, um sich als Literaturprofessor und Schriftsteller durchzusetzen und zu einer einflussreichen Persönlichkeit im österreichischen Kulturleben zu entwickeln? Nun lässt sich gleichermaßen die geistige wie die geistliche Entwicklung nachvollziehen. Denn daraus macht Brandstetter nie einen Hehl, dass ihm die katholische Kirche eine Herzensangelegenheit ist und ihn bisweilen das schlechte Gewissen heimsucht, nicht Priester geworden zu sein. Deshalb kommt er ausführlich auf Begegnungen mit Kirchenleuten zu sprechen und besucht ausgiebig Kirchen, in denen ihn ein besonderer Geist anweht.

Er kommt darauf zu sprechen, das ist wortwörtlich gemeint. Die Rede richtet sich an seinen Namengeber Aloysius von Gonzaga, dem er huldigt. „Wir staunen, lieber Aloysius“, so wendet er sich ihm vertrauensvoll zu, oder: „Wie in deinem Fall, lieber heiliger Aloysius“ – und schon gerät der sonst so zurückhaltende Berichterstatter ins Schwärmen. Es ist nicht neu, was Brandstetter hier unternimmt, die Methode des Drauflosredens ohne Grund und Boden findet sich schon in seinem frühen Roman „Zu Lasten der Briefträger“ von 1974, seiner erfolgreichsten Veröffentlichung.

Damals deckte ein Erzähler in einem monströsen Redeschwall sein Gegenüber zu, um es mit Fehlleistungen auf dem Postsektor und im Dorf zu konfrontieren. Ein Quengel­geist verschafft sich Luft, regt sich über alles und jeden auf, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, poltert trotzig vor sich hin, eine abstruse Begebenheit führt zur anderen, nichts stimmt in diesem Ort auf dem Lande. Ein kleinbürgerliches Dauerschimpfprogramm läuft ab, mit Gegenrede wird nicht gerechnet. Der Witz, häufig aus der Sprache kommend, rettet den Monolog vor Eintönigkeit.

Die Methode hat sich so bewährt, dass sie in den folgenden Büchern „Die Abtei“ (1977) und „Die Mühle“ (1981) beibehalten wurde. Wollte man daraus einen Plot ziehen, der sich schlüssig nacherzählen ließe, man geriete in Schwierigkeiten.

Das Licht malen, das Licht so malen wie Raffaello Santi aus Urbino oder auch 400 Jahre später auf ihre Art die Impressionisten, ist eine besondere Kunst.

Zum Schimpfen gibt es im neuen Buch der Seelen- und Geistesverwandten keinen Anlass, vielmehr stattet Brandstetter einer Reihe von Leuten, denen er verbunden ist, Dank ab. Natürlich verlaufen Bekanntschaften nicht immer wunschgemäß, so kommt Brandstetter nicht umhin, von Enttäuschungen und Trennungen zu erzählen. Aber mehr wiegen die beglückenden Gespräche und erfüllenden Runden. Dennoch ist das neue Buch eine Variation des Romandebüts, vom Rabiaten ins Sanftmütige gedreht. Die Vorgangsweise ist assoziativ, von vornherein ist nicht abzusehen, welchen Verlauf der Monolog nehmen wird. Sprunghaftigkeit ist das Prinzip, über Umwege und Abweichungen bewegt sich der Erzähler vorwärts, abruptes Innehalten und Verweilen ist vorgesehen. Eine Stelle in einem Buch von Josef Winkler erinnert ihn an seine eigene Fahrt als Student mit zwei Freunden nach Rom in der Karwoche 1962. Im nächsten Augenblick fällt ihm etwas – Stichwort Rauchen – zum „unvergesslichen populären Kärntner Mundartdichter und Humoristen Wilhelm Rudnigger“ ein.

Das Ich steht in „Lebensreise“ im Vordergrund, die Lebensbegleiter defilieren vorbei, aber im Zentrum, das der Erzähler beständig umkreist, steht Aloysius, der so früh verstorbene Heilige aus dem 16. Jahrhundert, dem als 23-Jährigen seine Fürsorge für Pestkranke zum Verhängnis wurde. Dessen Unbedingtheit des Glaubens wühlt das Erzähl-Ich stark auf, eine Reise nach Castiglione delle Stiviere in der Nähe von Mantua, wo der Schädel des Aloysius aufbewahrt wird, steht am Anfang des Parcours durch die Entwicklung Brandstetters.

Schon früher hat Brandstetter der Radikal-Asket Aloysius beschäftigt, daraus hat sich der Roman „Aluigis Abbild“ (2015) entwickelt. Historisch ist das Buch unangreifbar, dennoch bleibt für Fantasie genug Raum übrig. Wie es dazu gekommen ist, ist im neuen Buch nachzulesen. Für Brandstetter war nicht recht nachvollziehbar, dass Peter Paul Rubens, „der in meinen Augen größte Maler der Kunstgeschichte“, von Aloysius „nicht Notiz genommen hätte“, stand er doch als Hofmaler in Diensten von Vincenzo Gonzaga. Als sich Rubens in Mantua aufhielt, war Aloysius bereits tot, doch „hat er viele porträtiert, die er nicht gesehen hat“. Im Roman wendet sich die Mutter an Rubens, um ihn dazu zu bewegen, ein Porträt anzufertigen, was der ablehnt, um seinen begabten Schüler Anthonis van Dyck damit zu beauftragen.

Im Band „Lebensreise“ sind Spuren zu anderen Romanen ausgelegt, die tief in der Biografie Brandstetters wurzeln. Den Mediävisten, der mit seinem Wissen nie hinter dem Berg hält, verleugnet er nie. Er schöpft aus einem beachtlichen Fundus, was mit sich bringt, dass er ungern auf den Punkt kommt und dazu neigt, Sätze mit einem Informationsüberschuss zu befrachten. Direkten Zugriff auf das Mittelalter unternimmt er mit seinem Roman „Der geborene Gärtner“ von 2005, in dem er den Dichter Wernher der Gartenaere, über dessen Leben nicht viel bekannt ist, mit einer eigenen Geschichte ausstattet. Der Abt des Klosters Ranshofen muss sich gewaltig ärgern, weil der schreibende Mönch seine Pflichten vernachlässigt und sich wenig um den Garten schert. Dass dabei eines der prägenden Werke mittelhochdeutscher Literatur entsteht, nämlich „Meier Helmbrecht“, kümmert ihn wenig.

Eine Episode, für die sich Brandstetter „eigentlich schämen und entschuldigen müsste“, hängt mit der FURCHE zusammen. Er veröffentlichte darin ein Gedicht über den Sexualwissenschaftler Ernest Bornemann und dessen „Bibliothek mit den vielen Erotica“. Enttäuscht schrieb ihm Bornemann, dass er sich wohl geirrt habe und Brandstetter „doch kein Aufklärer und Gleichgesinnter sei.“ Versöhnung folgte alsbald.

Brandstetter - © Residenz Verlag
© Residenz Verlag
Literatur

Lebensreise

Von Alois Brandstetter
Residenz 2020
400 S., geb., € 26,–

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